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Eine Ode an das Bargeld

Vor Urzeiten gab es kein Geld - es wurde alles getauscht. Dann kamen die Münzen, die Groschen. Heute zahlt man mit iPhone und Fingerabdruck. Das Bündel Scheine in der Hosentasche ist einAuslaufmodell.

Von Stefan Schmitz

  Das Ende des Bargelds: Auf dem mark können wir künftig per Smartphone zahlen.

Das Ende des Bargelds: Auf dem mark können wir künftig per Smartphone zahlen.

Das Glück ist manchmal nur einen Groschen entfernt. Am Automaten mit den Karamellbonbons aus den Wirtschaftswunderjahren stehen die Jungs in ihren Lederhosen. Eine Stange mit fünf Storck-Riesen gibt es für zehn Pfennig. Mama muss es nicht wissen. Spuren hinterlässt das Geschäft allenfalls an den eigenen Zähnen.

Es ist die klassische Bargeldtransaktion. Wunderbar einfach, doch irgendwie aus einer anderen Welt. Die Enkel der Lederhosen-Kinder werden ihr Smartphone hinhalten, sich mit einem Fingerabdruck ausweisen und geruch- und geräuschlos schwirrt das Geld von ihrem Konto auf ein anderes. Wer sehen will, wohin die Reise geht, muss nur nach Amerika schauen, nach Holland oder nach Skandinavien. "Money, money, money" sang Björn Ulvaeus von ABBA einst. Jetzt träumt er davon, dass Schweden zur ersten bargeldlosen Gesellschaft wird. Wer in das ABBA-Museum will, kann sein Geld schon jetzt zuhause lassen. Es wird dort nicht mehr akzeptiert. Ulvaeus sieht im Verschwinden von Scheinen und Münzen das größte Verbrechensbekämpfungsprogramm aller Zeiten. Denn wo es nichts zu klauen gibt, werde auch nicht geklaut.

Münze, Scheine, Karte

In Stockholm schlägt sich der schwerreiche Ex-Superstar bereits komplett ohne Geld durch. "Die einzige Unannehmlichkeit, auf die ich gestoßen bin, war, dass man eine Münze für den Wagen im Supermarkt braucht", sagt er. Selbst die Kollekte in manchen Kirchen funktioniert in Schweden mittlerweile bargeldlos. Das klingt irgendwie fremd. Aber was macht es schon? Alles kann Geld sein. Auf den Malediven waren es einst die Häuser der Ring-Kaurischnecken, lange vor Beginn unserer Zeitrechnung tauchten rund um die Ägäis geprägte Münzen auf; irgendwann gab es Scheine, die letztlich nichts wert waren - aber für die man alles kaufen konnte, solange der Glaube an den intakt war, der sie in Umlauf gebracht hat. Spätestens da war klar: Geld ist pures Vertrauen. Da hat es etwas Logisches, dass es sich vom Rest jeder Stofflichkeit trennt. Immer häufiger bezahlen wir mit ein paar Magnetisierungen auf einem Datenspeicher, mit Einsen und Nullen, mit Tropfen im Datenstrom. Im Netz gibt es gar eine digitale Kunstwährung, die Bitcoins. Der Übergang vom Bargeld zu elektronischen Zahlungssystemen ist dabei so konsequent wie der vom Ochsenpflug zum Trecker. Aber das ist nur die halbe Geschichte.

Was ist Datenschutz?

Der Kreditkartenriesen Mastercard schätzt, das Konsumenten nach wie vor weltweit 85 Prozent aller Käufe mit Cash bezahlen. "Angesichts der Unannehmlichkeiten und Risiken" finden die Plastiklobbyisten das ziemlich befremdlich. Für Deutschland haben sie einen Bargeld-Anteil von rund zwei Drittel errechnet. Und dann mit erheblichem Aufwand nachgewiesen, dass alles angerichtet sei dafür, dass wir ähnlich wie die Skandinavier oder die Niederländer viel öfter zu Karte oder Handy greifen könnten. Sie folgern: "Eindeutig spielen Faktoren eine Rolle, die nichts mit Wirtschaft zu tun haben." Zwischen den Zeilen klingt da viel Unverständnis durch. Was Datenschutz soll, haben die Amerikaner ohnehin nie wirklich verstanden. Wenn jeder verdächtig ist, der nicht bereitwillig alles offenlegt, ist es nur ein kleiner Schritt zur These des US-Kriminologen Marcus Felson, der Bargeld die "Muttermilch des Verbrechens" nannte.

Plastik statt Papier

Bis heute steht auf den britischen Banknoten, unterschrieben vom obersten Kassenwart Ihrer Majestät: "Ich verspreche, dem Inhaber auf Verlangen die Summe auszuzahlen." Das muss man glauben. Bei elektronischem Geld muss man noch viel mehr glauben: Dass die Daten sicher übertragen werden, dass niemand das Konto hackt, dass die Informationen nicht in falsche Hände gelangen. Hans-Magnus Enzensberger - deutscher Dichter, Denker und Greis – wetterte in der "FAZ": Plastikkarten seien nicht nur billiger herzustellen als Geld, sie seien "unseren Aufpassern lieber, denn sie erlauben es, jede beliebige Transaktion zurückzuverfolgen". Er rät dazu, die Karten zu meiden und die Handys wegzuschmeißen. Es ist eine Stimme aus der Welt der Bonbonautomaten, in der die Mütter ihren Kindern zwei Groschen zusteckten, damit sie jederzeit zuhause anrufen konnten.

Deutschland ist Mittelfeld

Die Royal Bank of Scotland und die Unternehmensberatung Capgemini zählen in ihrem "World Payments Report 2013" für das Jahr 2011 über 300 Milliarden bargeldlose Geldgeschäfte auf der Welt. Die Zahl steigt stetig weiter. Deutschland liegt unter den entwickelten Nationen im Mittelfeld. Rund 200 Geldgeschäfte ohne Papier und Metall fallen bei uns pro Jahr und Einwohner an.

Wahrscheinlich wird man bald auch in München, Berlin oder Kempten im Allgäu so leben können wie der bargeldlose Björn in Stockholm. Im Grunde geht es heute schon. An der Kasse von vielen Rewe-Märkten kann man mittels App und QR-Code zahlen. Bei Edeka reicht ein drahtloser Kontakt des Terminals mit einem Handy, das die sogenannte NFC-Technik unterstützt. Das ist eine Übertragung über kurze Distanzen, die sogar ohne Internetzugang funktioniert. Bisher war es trotzdem eher exotisch an der Kasse das Handy hinzuhalten, auch weil der Markt der Zahlungssysteme zersplittert und die Technik irgendwie undurchschaubar war.

Bargeld ist von gestern - oder?

Jetzt kommt Apple, der Gigant. Im neuen iPhone 6 verbindet er die NFC-Technik mit der sicheren Identifizierung des Nutzers per Fingerabdruck - fertig ist das digitale Portemonnaie. Die größten Kreditkartenunternehmen der Welt sind mit im Boot. Wie die Erfahrung mit Apple lehrt, wird alles unheimlich praktisch sein, ganz mühelos funktionieren und irgendwann jeder als rückwärtsgewandter Depp dastehen, der ein Bündel Scheine in der Hosentasche zu schätzen weiß.

In gewisser Weise verhält sich Bargeld zum Zahlen mit ein paar Daten wie ein sehr privates Foto, das man in der Cloud gespeichert hat, zu einem, das ausgedruckt in der Schublade liegt. Klar ist die Datenwolke praktischer. Wahrscheinlich geht alles gut. Aber nur einem selbst - und wirklich niemandem sonst - gehört allein das gedruckte Bild.

Neulich hat der ehemalige Bundesbanker Ottmar Issing auf einem Symposium die alte Geschichte von Fräulein Zelie erzählt. Die gefeierte Künstlerin hatte im 19. Jahrhundert in Französisch Guayana gesungen und ihre Gage in Truthähnen, Schweinen, Kokosnüssen und Bananen erhalten – Geld gab es keines. Und so fraßen die Tiere irgendwann das Gemüse. Der Lohn vernichtete sich selbst. Zur Interpretation der Geschichte bediente sich Issing eines Zitates von Fjodor Dostojeweski: "Geld ist geprägte Freiheit", habe der große Russe vor über 150 Jahren geschrieben. "Der Klarheit wegen", ergänzte Issing, „müsste man heute betonen: "Bargeld ist geprägte Freiheit."

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