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18. November 2009, 14:12 Uhr

Die nicht an den Aufschwung glauben

An den Märkten herrscht wieder Zuversicht, die Krise ist aus vielen Köpfen fast verschwunden. Aber es gibt eine Gruppe von Skeptikern, die dem Frieden nicht traut. Die glaubt, dass es schlimmer wird. Ein Streifzug durch die Welt der Ungläubigen. Von Horst von Buttlar und Christian Kirchner

Börse, Aktien, Gold, Silber, Investitionen, Finanzmärkte, Gier, Übermut, Rohstoffe

Händler auf dem Parkett der Stuttgarter Börse - nicht alle beteiligen sich nach der Krise an der neuen Gier© Sascha Schuermann/DDP

Natürlich hat er auch ein Paar E-Mails bekommen, nicht böse, manchmal scherzend, aber doch entschieden in der Sache. "Lieber Herr Mack", schrieb ein Anleger, "es ist ja schön und gut, dass Sie den Mut haben, an der Seitenlinie zu stehen. Nun wäre es aber besser, wenn Sie wieder aufs Spielfeld gehen." Und Martin Mack schrieb zurück und erklärte ihm, dass es ein Luxus sei, nicht überall mitzumachen und hinterherzulaufen. Erst zu investieren, wenn man es für richtig hält. Nicht immer auf dieses Geschrei da draußen zu hören.

Es ist ein Tag im November, draußen der ewige Hamburger Sprühregen und ein Dax, der gerade wieder auf die 6000 zurobbt. Drinnen ein hoher Raum mit Stuck und weißen Flügeltüren, ein langer brauner Tisch und viel Skepsis. An diesem Tisch sitzt Martin Mack, ohne seinen Partner Herwig Weise, der gerade durchs Ausland tourt.

Mack und Weise gehören zu einer kleinen, aber selbstbewussten und vor allem bunten Gruppe auf den Finanzmärkten: der Gemeinde der Ungläubigen. Investoren, Vermögensverwalter und Ökonomen, die nicht darauf vertrauen, dass die Krise vorbei ist. Die nicht fassen können, was sich derzeit auf den Märkten abspielt, diese Rally, dieser Übermut, dieses Als-wäre-nichts-gewesen. Die Gier löscht das Gedächtnis. Die Ungläubigen wollen nicht vergessen, was 2008 passiert ist. Und längst nicht vorbei ist.

Banken mit "staatlich garantierter Spiellizenz"

Vor knapp einem Jahr haben Mack und Weise Schlagzeilen gemacht, weil ihr Fonds M&W Capital im Untergangsjahr knapp vier Prozent im Plus lag, während fast alle hilf- und gnadenlos abschmierten. Auch in den Jahren davor waren sie erfolgreich, der Fonds wuchs seit Auflegung 2001 durch zwei Krisen um knapp 46 Prozent. Nun, in diesem komischen Börsenjahr 2009, während Dax und Dow Jones nach vorn stürmen, hat der M&W Capital nur ein mageres Prozent zugelegt, und deshalb kann man ein Gespräch mit Martin Mack heute so beginnen: "Sie sprechen vom 'Mut, an der Seitenlinie zu stehen'. Wir hätten da eine andere Metapher: Sie haben einen Zug verpasst." "Das lasse ich durchaus gelten", sagt Mack dann ruhig. "Ich habe noch ein anderes Bild: In einem Kettenkarussell ohne TÜV können Sie ein paar Runden verdammt viel Spaß haben. Wenn die Ketten reißen, wären Sie froh, nie mitgefahren zu sein. Wir denken langfristig, deshalb ärgern wir uns nicht und müssen nichts aufholen."

Man kann das Gespräch aber auch so beginnen: "Herr Mack, was passiert da auf den Märkten? Ist das Leichtsinn oder Irrsinn?" Und dann sagt er, nicht mehr so ruhig, dass es ein Spiel ist, ein zynisches, riskantes Spiel. Er redet über verzerrte Wahrnehmungen und "kreative Statistiken", die alle Probleme zukleistern, über Banken, die mit einer "staatlich garantierten Spiellizenz" agieren. "Die Strategie der Täuschung wird auf Dauer nicht gut gehen. Irgendwann fallen die Masken."

Notenbanker als Dealer

Es ist keine geschlossene Truppe, die Gemeinde der Ungläubigen hat oft nicht mehr gemein als ihre Skepsis. Es sind kleine und große Namen. Legenden und Freaks, Seriöse und Schrullige und die Dr. Dooms, die einst eine hartnäckige, aber kluge Prognose in den Rang der Propheten hob.

Dirk Müller etwa, der seinen Ruhm zunächst damit erwarb, zufällig vor der Dax-Tafel zu sitzen und die passende Grimasse zum Tagesverlauf zu ziehen. Gerade erst warnte er wieder: "Der Blitz hat noch nicht heftig genug in die Schüssel geschlagen."

Und Mark Faber natürlich, der Schweizer Ökonom und Verfasser des "Gloom Boom & Doom Report", der die Wir-drucken-euch Geld-Notenbanker schon mal als Rauschgifthändler bezeichnet, "die der Welt Drogen geben, um sie ruhig zu stellen", und schwere Zeiten voraussagt: "Ihre Kinder werden einen niedrigeren Lebensstandard haben als Sie." Oder auch Jim Rogers: "Finger weg von Aktien! Die Börsen werden wieder einbrechen", mahnt der Rohstoffguru. Überhaupt, die Rohstoffe.

An einem trüben Novembertag in München schieben sich Hunderte von Menschen in die Event-Arena im Olympiapark. Fast nur Männer sind es. Banker, jung und smart mit obligatorischer Gelfrisur, laufen hier neben alten Männern mit muffiger Kleidung, die für eingesammelte Prospekte einen Trolley hinter sich herziehen. Was bitte schön bringt sie zusammen?

Derivate sind Hirngespinste

Es ist die "Edelmetall- & Rohstoffmesse", das Treffen einer Branche, die im Grunde an nichts glaubt, was man nicht anfassen kann. Derivate sind für sie Hirngespinste in Excel-Tabellen und die Abkehr vom Goldstandard die Ursünde.

Und so tuscheln und tratschen hier südamerikanische Goldminenbetreiber, Barrenverkäufer, Börsenbriefschreiber, Live-Münz-Präger und dubiose "Finanzdienstleister", die Edelmetallrenten vertreiben.

Die Titel der Vorträge lauten: "Goldinvestments, Staatsbankrott und Währungsreform", "Wie kann man sich vor einem Mega-Crash schützen?" oder "Die kommende Hyperinflation aus Sicht der Börsenastrologie". Staatsbankrott, Megacrash, Hyperinflation - so geht das zwei Tage lang, immer Anfang November, inzwischen schon zum fünften Mal. Die Edelmetallmesse, organisiert vom Betreiber der Internetseiten Goldseiten.de, ist so etwas wie die deutsche Leitmesse unter den Börsenskeptikern in Deutschland und zieht inzwischen mehr als 5000 Besucher an.

Hier wird nicht diskutiert, ob, sondern wann das Weltfinanzsystem in die Luft fliegt. Und wie man sich dagegen rüstet. Klar: mit Gold oder Silber. Wie sich das anfühlt, kann man in einer Glasvitrine im ersten Stock schon mal testen: Da glänzt ein 12,5 Kilogramm schwerer Barren, den Besucher durch zwei kleine Handöffnungen anheben können. Man kann Gold aber auch gleich kaufen, in Barren und Münzen und jeder Größe, aber vor allem: anonym. Nichts ist einem Goldfreund wichtiger als der anonyme Erwerb. Denn, so die These, wenn es einmal wirklich kracht, wird der private Goldbesitz von Staats wegen verboten und Bestände konfisziert.

Dieser Artikel wurde gefunden... ...in der Financial Times Deutschland

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