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"Die Leute werden auf die Straße gehen"

Die Deutschen haben zu viele Immobilien und zu wenig Aktien, sagt Börsenexperte Dirk Müller. Er befürchtet, dass uns das Schlimmste in der Eurokrise noch bevorsteht.

Von Daniel Bakir

Herr Müller, viele Leute haben einfach keine Lust mehr, sich mit der Krise zu beschäftigen. Sie dagegen sitzen in Talkshows, halten Vorträge, schreiben Bücher. Macht Ihnen die Krise Spaß?
Dirk Müller: Mir macht es Spaß, mit Menschen über die Themen Wirtschaft und Finanzen zu sprechen. Die momentane Situation hat den Vorteil, dass die Menschen sich endlich Gedanken machen. Nicht nur um ihr Geld, sondern auch um das gesamte Finanzsystem. Dazu trage ich gerne etwas bei.

Mal ehrlich. Die meisten Menschen sind doch schon froh, wenn sie verstehen, was in der Tagesschau zum Euro gesagt wird. Tiefer will man doch gar nicht einsteigen.
Auch ohne die großen Zusammenhänge zu verstehen, haben die Menschen doch ein sehr gutes Bauchgefühl. Sie spüren, dass ihr Geld möglicherweise bald weniger wert ist als heute. Das führt bei manchen dazu, dass sie es ausgeben, andere überlegen, wie sie es inflationssicher anlegen können.

Wie sollten die Leute ihr Geld denn anlegen?
Die Zinsen, die ich auf der Bank oder in Staatsanleihen bekomme, gleichen die Inflation nicht aus. Man sollte sich jetzt auf reale Werte verlassen. Unternehmen haben Maschinen, Gebäude, Patente, Mitarbeiter. Ich muss gar kein eigenes Unternehmen haben, es reicht, wenn ich mich über Aktien an einem beteilige. Dann gehört mir ein Teil von all dem. Die Leute haben definitiv zu wenig Aktien. Außerdem sollte man 10 bis 20 Prozent in physische Edelmetalle investieren, also Goldbarren oder Silbermünzen. Nicht wegen der Wertentwicklung, sondern als eiserne Reserve, auf die man zurückgreifen kann, wenn gar nichts mehr geht. Da aber die Gefahr scharfer Kurseinbrüche durchaus realistisch ist, sollte man diese realen Werte gegen Kurseinbrüche versichern, sobald sich die Lage zuspitzt. Das geschieht mittels Verkaufsoptionen, ein Thema zu dem man sich unbedingt gut beraten lassen sollte.

Halten Sie sich denn auch persönlich an Ihre eigenen Ratschläge?
Ich halte mich im Wesentlichen daran, gewichte aber möglicherweise etwas anders. Ich habe meine Anlagen ganz aggressiv auf Realwerte ausgerichtet. Ich bin im Herzen des Geschehens. Ich weiß, was ich tue und gehe daher höhere Risiken ein, als ich es anderen empfehle. Wenn etwas schief geht, beiße ich mir selbst in den Hintern. Aber das ist nicht so schlimm, als wenn jemand zu mir kommt und sagt, Müller, deinetwegen habe ich Geld verloren.

Erzählen Sie doch mal von einer Investition, bei der Sie sich in den Hintern gebissen haben.
Vor drei Jahren habe ich mit Windkraft-Aktien etwas Verlust gemacht. Beim dänischen Weltmarktführer Vestas bin ich eingestiegen, als der Trend gelaufen war und es immer mehr Finanzierungsschwierigkeiten gab. Das war eine falsche Entscheidung, die habe ich dann nach ein paar Monaten wieder korrigiert. Wenn etwas nicht läuft, sollte man nicht zu lange daran festhalten.

Dann dürfen Sie jetzt auch etwas nennen, was Sie in den letzten Jahren besonders gut gemacht haben.
Ich habe schon sehr früh, bereits 2003, angefangen, in Edelmetalle zu investieren. Da waren die Kurse noch sehr niedrig. Viele haben zu mir gesagt: "Was willst du mit dem Gold? Das kann man doch nicht essen." Aus heutiger Sicht war das eine sehr vernünftige Aktion.

Treffen Sie manchmal Entscheidungen, bei denen Ihr Verstand sagt, "das ist zu riskant", aber irgendwie juckt es Sie so sehr, dass Sie es trotzdem machen?
Das Bauchgefühl ist natürlich immer dabei. Aber wenn man viel Erfahrung hat, ist das auch gar nicht so verkehrt. Da erinnert man sich vielleicht unterbewusst an Dinge, die man gar nicht richtig greifen kann. Wenn die Entscheidung zusätzlich mit einer vernünftigen Erklärung unterlegt ist, ist das natürlich noch besser.

Die liebsten Realwerte der Deutschen sind nicht Aktien, sondern Immobilien. Ist diese Einstellung vernünftig?
Immobilien sind im Moment in Deutschland vollkommen überhypt. Die Preise sind viel zu hoch. Das steht in keinem Verhältnis zu den Mieteinnahmen. Wer da jetzt etwas kauft, ohne sich damit auszukennen, der unterschätzt die Risiken: Nebenkosten, Grunderwerbssteuer, Maklergebühren, Reparaturen, da gehen die Mieteinnahmen ganz schnell drauf. Und wenn man Pech hat, gerät man an Mietnomaden oder erwischt eine schlechte Lage, und der Preis fällt wieder. Das Eigenheim dagegen sollte man überhaupt nicht als Geldanlage oder Altersvorsorge sehen, sondern als Luxus, den man sich gönnt, wenn man das Geld hat. Das neue Haus von heute ist in 30 Jahren ein alter Bunker, den keiner mehr haben will, die Technik ist veraltet, die Dämmung stimmt nicht mehr. Wenn man später in den Ruhestand geht, dann kommen die richtig hohen Kosten in Form einer kaputten Heizung oder eines kaputten Daches auf einen zu. Man sollte sich das gut überlegen.

Momentan geht es uns Deutschen ja noch sehr gut. Wird sich das ändern?
Bisher profitieren wir von der Krise. Unsere Zinsen sind so niedrig wie nie zuvor. Vom schwachen Euro profitiert unser Export. Wir leben vermeintlich auf einer Insel der Glückseligen. Wir hängen allerdings massiv von unseren Nachbarn ab. Zeitversetzt wird die Krise auch bei uns ankommen. Das Schlimmste steht uns noch bevor: Es droht das Dilemma von steigenden Preisen bei stagnierenden Löhnen. Ich denke, dann werden die Leute auch auf die Straße gehen und demonstrieren. Es dauert zwar lange bis der Deutsche auf die Straße geht, aber wenn er mal drauf ist, kriegst du ihn auch nicht wieder runter.

Mit welchem politischen Entscheidungsträger würden Sie gerne Rollen tauschen - und was würden Sie verändern?
Ich hatte unlängst mit einem Minister ein Gespräch und habe ihm gesagt, ich würde um kein Geld der Welt mit ihm tauschen wollen. Das liegt an der politischen Kultur, die wir im Moment haben. Politiker werden auch persönlich oft unter der Gürtellinie angegangen. Was ich inhaltlich ändern würde: Ich würde die Macht der Banken beschränken. Die privaten Banken sind eigentlich nur ein kleiner Dienstleister der realen Wirtschaft. Aber sie haben sich zu Herren aufgeschwungen und dominieren das Geschehen durch die nahezu kostenlose Schöpfung von Geld, für das sie wiederum Zinsen verlangen.

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