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Grüner Strom gefragt wie nie

Die Atomkrise in Japan hat bereits jetzt Folgen für Deutschland: Ökostrom boomt, viele Verbraucher wollen wechseln. Doch Vorsicht: Auch in der "grünen" Branche gibt es schwarze Schafe.

Von Sönke Wiese und Björn Erichsen

  Windkraftanlagen in Brandenburg: Immer mehr Deutsche setzen auf reinen Ökostrom

Windkraftanlagen in Brandenburg: Immer mehr Deutsche setzen auf reinen Ökostrom

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Sönke Wiese und Björn Erichsen

Die Katastrophe wird Spuren hinterlassen. Tief haben sich die Bilder der beschädigten japanischen Kernkraftwerke ins kollektive Bewusstsein gefressen. In Deutschland gehen wieder Zehntausende auf die Straße, selbst der Bundesregierung ist die von ihr beschlossene Laufzeitverlängerung nicht mehr geheuer und setzt sie vorübergehend aus. Unabhängig davon, wie stark die Schäden in Japan noch werden, steht jetzt schon fest: Die Nachfrage nach alternativen Energien, vor allem Ökostrom, wird weiter steigen.

"Wir beobachten jedes Mal eine starke Zunahme bei den Ökostrom-Interessenten, wenn das Thema Atomkraft in die öffentliche Debatte kommt", sagt Daniel Dodt vom unabhängigen Verbraucherportal Toptarif.de, über das monatlich Tausende Verbraucher ihren Anbieter wechseln. "Als die Bundesregierung über die Laufzeitverlängerung debattierte, entschieden sich fast 30 Prozent mehr Kunden für einen Ökostrom-Tarif", so Dodt.

Run auf Ökostrom

Es scheint tatsächlich so zu sein: Viele Verbraucher haben das Thema "Ökostrom" im Hinterkopf, ein gut gepflegtes "Man müsste ja eigentlich…" – doch erst bei einem konkreten Anlass wird das Vorhaben in die Tat umgesetzt. Angesichts der gespenstischen Bilder aus Japan kann man einen wahren Run auf die Ökotarife beobachten. So wurden etwa bei Lichtblick am Wochenende dreimal so viele Onlineverträge abgeschlossen wie sonst üblich, auch bei den Elektrizitätswerken Schönau stieg die Zahl der Anfragen deutlich an.

"Seit die ersten Bilder aus Fukushima eintrafen, haben sich die Vertragsabschlüsse im Internet bei uns verachtfacht", sagt Martin Schaefer, Sprecher von Greenpeace Energy, stern.de. "Ich denke, dass die Verbraucher merken, dass sie mit ökologischem Konsum etwas verändern können. Und je mehr Kunden wechseln, desto eher denken auch die großen Konzerne um", so Schaefer. Tatsächlich steckt im Öko-Segment aus Unternehmersicht eine Menge Potenzial: Die Zielgruppe ist besonders begehrt, weil sie eben für sauberen Strom im Zweifel mehr bezahlt.

Gewissen statt Geld?

Und so nimmt auch die Anzahl der Ökotarife rasant zu. Die Kehrseite der Medaille: Der Markt wird immer unübersichtlicher, und leider tummeln sich hier auch zunehmend Anbieter, deren Unternehmenspolitik nicht ganz so sauber ist, wie sie suggerieren. Auch die vier großen Energieriesen Deutschlands, RWE, EnBW, Eon und Vattenfall, haben eine Vielzahl schön klingender Ökotarife im Programm, während sie gleichzeitig noch Geschäfte mit Atomstrom und wenig klimafreundlichen Kraftwerken machen. Einen echten Öko-Puristen dürfte das erheblich stören.

Tatsächlich sind inzwischen eine ganze Reihe der Ökostrom-Tarife günstiger als die örtliche Grundversorgung. Jedoch ist es für den Normalverbraucher oftmals nicht leicht zu erkennen, welcher Strom wirklich grün ist. Daran ändern auch die verschiedenen Ökostrom-Zertifikate wie das ok-Power-Label, das TÜV-Siegel, das Grüner-Strom-Label oder das RECS-Zertifikat (Renewable Energy Power Certificate System) nichts. Sie werden nach so unterschiedlichen Kriterien vergeben, dass sie mehr Verwirrung stiften als Orientierung bieten.

Konventioneller Strom "grün gewaschen"

Außerdem sagen Kritiker, dass mit manchen Zertifikaten zum Teil "Grünstromwäsche" betrieben werde. Tatsächlich kann sich hinter manchen Etiketten - ganz legal - konventioneller Strom verbergen. Auf der anderen Seite gibt es auch saubere Anbieter, die gar kein Label tragen. Beispielsweise die Elektrizitätswerke Schönau lehnen bestimmte Siegel ab, weil sie nicht mit anderen, weniger ökologischen Anbietern in einen Topf geworfen werden wollen.

Für die glühenden Verfechter einer Energiewende sind drei Kriterien zentral: Erstens, dass der Anbieter seinen Strom real aus regenerativer Energie bezieht und ihn nicht etwa über den Kauf von Zertifikaten umetikettiert. Zweitens, dass er zusätzlich den Ausbau erneuerbarer Energie fördert, also beispielsweise ein Teil der Gewinne in neue Anlagen fließt. Und drittens, dass der Anbieter vollkommen unabhängig von anderen Unternehmen ist, die gleichzeitig Geschäfte mit Kernkraft oder anderen klimaschädlichen Technologien machen.

Bundesweit nur vier unabhängige Anbieter

In Deutschland gibt es derzeit im Wesentlichen vier bundesweit erreichbaren Anbieter: die Elektrizitätswerke Schönau, Greenpeace Energy, Lichtblick und Naturstrom. Auch der Deutsche Naturschutzring, der Dachverband der Umwelt- und Naturschutzverbände, empfiehlt lediglich diese vier Anbieter. Doch der Klimaschutz hat seinen Preis: Diese Ökostromer sind verhältnismäßig teuer und liegen zum Teil deutlich über den Durchschnittspreis der örtlichen Grundversorgungstarife, der laut Toptarif bei jährlich 908,40 Euro liegt. Lediglich der Anbieter Naturstrom kann deutlich günstiger liefern, vor allem weil er von einer staatlichen Förderung, dem "Grünstromprivileg", profitiert.

Gleichwohl gibt es auch auf regionaler Ebene einige Anbieter, die die strengen Kriterien der Öko-Puristen erfüllen und im Einzelfall günstiger sein können. Um sie zu identifizieren, hilft nur Eigenrecherche. Lokale Unternehmen sollten Kunden-Nachfragen, etwa von welchen Kraftwerken sie konkret versorgt werden, offen beantworten. Denn wichtigstes Kapital der Ökostromanbieter ist ihre Glaubwürdigkeit - und dazu gehört größte Transparenz.

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