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11. August 2008, 12:12 Uhr

Adoption statt hoher Steuer

Dank der für 2009 geplanten Erbschaftssteuerreform steigt in Deutschland die Zahl der Adoptionen. Der Grund: Eigene Kinder haben deutlich höhere Freibeträge als andere Erben. Besonders in München bekommen immer mehr Erwachsene auf einmal neue Eltern. Von Julia Groth

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Viele Menschen adoptieren ihre zukünftigen Erben, um ihnen Steuern zu ersparen© Hans Wiedl/DPA

In Astrid Lindgrens Buch "Rasmus und der Landstreicher" ist die Welt noch so, wie man sie erwartet: Der Waisenjunge Rasmus muss ernüchtert feststellen, dass reiche Leute ausschließlich niedliche Mädchen mit blonden Locken adoptieren. Doch in der Realität gelten heute andere Regeln: Inzwischen adoptieren Reiche die Personen, denen sie steuergünstig ihr Vermögen vererben wollen. Experten sprechen schon von einem Adoptionsboom, seit die Große Koalition daran arbeitet, die Erbschaftsteuer zu reformieren.

Nichten, Neffen und Geschwister sind die Verlierer

Nach bisherigem Stand der Reform sind Verwandte wie Neffen, Nichten oder Geschwister eines Verstorbenen die Verlierer. Wenn sie erben, müssen sie zwar schon heute relativ hohe Steuern zahlen - künftig könnten die Sätze aber noch steigen. Wenn zum Beispiel ein Onkel seiner Nichte ein Haus im Wert von 600.000 Euro vererbt, zahlt sie heute knapp 64.000 Euro Erbschaftsteuer. Ab 1. Januar 2009 könnten es 174.000 Euro sein.

Weil Kinder eines Verstorbenen deutlich höhere Freibeträge genießen, kann sich die Adoption der Erben lohnen - in Zukunft noch stärker als schon heute. Zumal der Freibetrag für nahe Verwandte wie Kinder, Enkel und Ehepartner weiter steigen sollen: Demnach sollen Kinder erst ab einem Vermögenswert von 400.000 Euro Erbschaftsteuer zahlen müssen, bisher liegt dieser Freibetrag bei 205.000 Euro. Die Adoption als Trick zum Steuern sparen: Ein Modell, das offenbar immer mehr Menschen attraktiv finden. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Adoptionen in München um 29 Prozent auf fast 500 Fälle gestiegen, belegen Zahlen des Amtsgerichts. "Der Trend scheint sich fortzusetzen", sagt Gerichtssprecherin Ingrid Kaps.

Adoptionen sind nicht ganz einfach

Der starke Anstieg sei fast ausschließlich mit zunehmenden Erwachsenen-Adoptionen zu erklären, sagt Klaus Michael Groll, Fachanwalt für Erbrecht und Präsident des Deutschen Forums für Erbrecht. "Die Zahlen des Gerichts decken sich mit unserer Beratungspraxis." Auch Groll rät vielen seiner Mandanten in Erbangelegenheiten zur Adoption. Allerdings nur, wenn die Bedingungen stimmen: Denn erstens ist es nicht ganz einfach, zu adoptieren. Die beiden Betroffenen müssen ein begründbares Eltern-Kind-Verhältnis haben. Zweitens entstehen aus einer Adoption Unterhaltspflichten auf beiden Seiten. So kann es vorkommen, dass der Unterhalt zum Beispiel für ein Pflegeheim im Alter die Steuerersparnis übersteigt.

In anderen Städten bremsen solche Sorgen den Adoptionsboom offenbar noch aus. Schließlich können die meisten Amtsgerichte in deutschen Großstädten nicht mit Münchens Wachstumsrate mithalten. Die Öffentlichkeit erfährt von den Adoptionen ohnehin kaum etwas. Die meisten werden äußerst diskret behandelt, weiß Groll. Hierzulande sind öffentlich kaum Fälle bekannt, in denen ein begüterter Mensch jemanden in erster Linie wegen der Steuerersparnis beim Vererben adoptiert hätte.

Entwurf könnte noch angepasst werden

Mehr Klarheit über die zukünftigen Erbschaftsteuerregeln gibt es im Winter: Mitte Oktober soll der Bundestag, Anfang November der Bundesrat über die Erbschaftsteuerreform entscheiden. Groll schätzt, dass der bisherige Entwurf bis dahin noch einige Änderungen erfahren wird. Vielleicht sieht dann doch alles ganz anders aus als erwartet: "Ich rechne damit, dass man die Steuersätze für Geschwister, Neffen und Nichten senken oder die Freibeträge erhöhen wird", sagt er. "Die Reform wird sonst eine viel zu starke steuerliche Belastung."

Sollten sich SPD und CDU nicht bis Januar 2009 auf einen Entwurf einigen, können sich Erben ab kommendem Jahr ganz besonders freuen. Denn dann entfällt die Steuer, die dem Staat jährlich etwa drei Milliarden Euro einbringt, nach Beschluss des Bundesverfassungsgerichts erst einmal vollständig.

Von Julia Groth
KOMMENTARE (3 von 3)
 
knilch_59 (11.08.2008, 18:08 Uhr)
@joker_usw – völlig überzogene Reaktion!
Es geht nicht darum die Erbschaftsteuer ab dem ersten Euro einzuführen. Es geht um eine „gerechte“ Verteilung der Steuerlast auf alle Schichten, damit der Staat seine Aufgaben erfüllen kann. Niemand will jemandem etwas abnehmen, lediglich die Übertragung von Vermögen auf einen anderen (der NICHTS dafür geleistet hat) soll einer angemessenen Besteuerung unterzogen werden.
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Das Erbrecht stammt aus einer Zeit, in der der Erbe in aller Regel gerade um die Dreißig war, eine Familie zu versorgen hatte und sich regelmäßig damit rumgeplagt hatte, dass man sich auch noch um die Alten kümmern musste. Im Prinzip war das Erbe nachträgliche Bezahlung für vorher erbrachte kostenlose Familienarbeit. Heute erben gut versorgte Endfünfziger am Ende ihres Berufslebens. Ihnen kommt das Vermögen zu einem Zeitpunkt zu, an dem sie es in der Regel nicht mehr brauchen, und Betreuungsarbeit haben die in aller Regel auch nicht geleistet.
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Das Erben an sich hat seine Bedeutung – jedenfalls in den meisten Fällen – verloren. Es hat nichts mehr mit Existenzsicherung der nachfolgenden Generation zu tun, sondern dient häufig nur noch der Vermögenskonzentration. Wenn – wie heutzutage nicht so ganz selten – zwei Einzelkinder heiraten, deren Eltern ebenfalls Wohneigentum haben, dann haben die in aller Regel vor dem ersten Erbfall schon ihr eigenes Häuschen bezahlt – „brauchen“ tun die die beiden Häuser ihrer Eltern nicht mehr. In der nächsten Generation wären dann schon 7 Immobilien in einer Familie akkumuliert usw. – es kann nicht Sinn staatlichen Handelns sein, so etwas zu befördern, solange 9 % der Bevölkerung am Existenzminimum herumknabbern.
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Noch mal: es geht nicht darum, Erben zu verteufeln. Das besagte Einfamilienhaus sollte man durchaus auch an sein Kind weitergeben können. Aber nicht steuerfrei an Krethi und Plethi und auch nicht das praktische Dritthaus. Jedem Erben sein Freibetrag Ehefrau und Kinder mehr, Geschwistern weniger und anderen noch weniger. Und es geht auch nicht um völligen Vermögensentzug, sondern nur um eine anteilige Besteuerung. Solange der Eingangssteuersatz für jedes Einkommen über dem Existenzminimum über 20 % ist, komme ich mit 40 % Vermögensteuer über dem Freibetrag gut zurecht. Alles andere ist sozial unausgewogen!
Joker_usw. (11.08.2008, 13:53 Uhr)
Warum Erbschaftssteuer???
Da schaffen meine Eltern oder mein Onkel ihr Leben lang, um sich ihr "klaanes Häusche" zu bauen , zahlen ihr Leben lang Steuern und Abgaben an den Staat und an die Bank ab und gönnen sich wenn überhaupt nur einen Zelturlaub an der Ostsee, damit es ihre Kinder "mal besser haben" und dann kommt "Vater Staat" und kassiert wg. der angeblichen "sozialen Gerechtigkeit" erst mal einen dicken Batzen ein. Meine Eltern gehören zur Generation "Meine Kinder sollen mal besser haben als ich". Was hat die soziele Gerechtigkeit oder der Staat damit zu tun? DIEBSTAHL!!! Was interessieren meine Eltern oder mich irgendwelche Sozialschmarotzer, Berufsversager, die so scheint es in diesem Land immer mehr werden, bei einer Erbschaft??? Wir zahlen Steuern, (Einkommen etc.)die mit die höchsten in der Welt sind. Wir haben einen funktionierenden Sozialstaat (vergleichen Sie mal andere Länder). Mein Vorredner kommt sogleich auf die "Reichen". Das ich nicht lache. Warum verlassen bitteschön immer mehr gutverdienende, gebildete, Menschen dieses Land? Ein Grund lesen im Artikel. Wissen Sie was DDR heutzutage in Deutschland heißt? Der Dumme Rest. Welcher, mit eigenem Vermögen lässt sich diesen Neid, diese Missgunst, diese übertriebene Rücksichtnahme auf Loser, Pack, Penner und dergleichen in Deutschland noch bieten? Die wandern alle aus!!!
Gott sei Dank sind wir jetzt hoffentlich diese rote Pack an der Regierung bald los. Ein bisschen Darwin hat noch keinem geschadet.
knilch_59 (11.08.2008, 13:01 Uhr)
Warum arbeiten? Erben ist viel besser!
Zitat: "Wenn zum Beispiel ein Onkel seiner Nichte ein Haus im Wert von 600.000 Euro vererbt, zahlt sie heute knapp 64.000 Euro Erbschaftsteuer. Ab 1. Januar 2009 könnten es 174.000 Euro sein".
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Welch furchtbare Drohung für die Reichen dieses Landes - Steuern zahlen? Igittigitt!
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Selbst die Nichte hätte nur einen Durchschnitts-Steuersatz von unter 20 %, davon können Areitnehmer nur träumen. Die anderen über 80% fließen ihr zu - so funktioniert eine Leistungsgesellschaft. Als nächstes kommt noch jemand auf die Idee, dass das besagte Häusschen für 600.000 € ja nur ein besserer Regenschutz ist und allenfalls das Existenzminimum (für Besserverdienende) darstellt.
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Die Reform der Erbschaftsteuer ist eine der nächsten Nagelproben für CDU/CSU und SPD, ob so etwas wie soziale Gerechtigkeit in diesem Land noch etwas zählt. Bei allen anderen Gelegenheiten haben sie bisher schon versagt, also wäre die Nicht-Einigung auf die Erbschaftsteuerrefform wenigstens konsequent!
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