Marios Magie

6. September 2013, 16:45 Uhr

Erinnern Sie sich? Vor einem Jahr sagte EZB-Chef Mario Draghi, er werde "alles" tun, um den Euro zu stützen. Kaum gesagt, war Ruhe. Draghi musste gar nichts mehr tun. Der Psychotrick reichte. Von Andreas Hoffmann

Mario Draghi, Finanzmärkte, Euro, Staatsanleihen, Griechenland

Ein Sommer ohne Schrecken: Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank©

Märchen gibt es eigentlich nicht, aber vor einem Jahr trug sich doch eines zu. Es war auf dem Kontinent Europa, als die Menschen um ihre Währung zitterten. Der Norden fürchtete, für den Süden zahlen zu müssen, der Süden, dass ihn der Norden um seine Existenz bringt und alle zusammen, dass ihr Europa zerreißen könnte. In diesen düsteren Tagen trat ein Mann auf und sagte drei Worte. Er werde "alles Nötige tun", um die gemeinsame Währung zu retten. Und die Krise verschwand.

Okay, ob die Euro-Krise völlig vorbei ist, weiß keiner. Doch seit der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) Mario Draghi am 6. September 2012 ankündigte, notfalls unbegrenzt Staatsanleihen von Krisenstaaten zu kaufen, hat sich die Währungsfront merklich beruhigt. Zum ersten Mal seit drei Jahren erlebten wir einen Sommer ohne ständig zu bangen: Wann fliegen die Griechen raus? Retten die Spanier noch ihre Banken? Wie schlimm steht es um Italiener und Franzosen? Endlich wieder August-Sonne ohne Euro-Schrecken. Italien und Spanien bekommen leichter Kredit, in Frankreich wächst überraschend die Wirtschaft, selbst bei den Griechen geht es vorsichtig voran, auch wenn sie vermutlich einige zusätzliche Milliarden brauchen werden. Draghi sei Dank.

Angst mit Psychologie bekämpfen

Wobei er nichts getan hat. Bis heute hat die EZB nicht einen einzigen der geplanten Staatsanleihen-Käufe getätigt. Nicht einen einzigen. Doch vor einem Jahr schien der Untergang nahe, hiesige Experten zeichneten ein Bild, als seien alle Dämme gebrochen, als würde Deutschland unter einer Schuldenflut begraben, als hätte die EZB den Untergang besiegelt. Von wegen. Dem Euro wuchsen Muskeln. Der to=USD;amt=1;Kurs gegenüber dem Dollar kletterte und kletterte.

Draghis Worte wirkten. Sie wirkten, weil er Angst mit Psychologie bekämpfte. Darum geht es auf den Finanzmärkten: um Psychologie. Die Finanzmärkte treten das Erbe der Alchimisten des Mittelalters an. Nicht weil sie Blei in Gold umschmelzen können, sondern weil sie Meinungen in Tatsachen verwandeln können. Wenn viele Investoren glauben, dass ein Land klamm ist, ziehen sie ihr Geld ab, und das Land ist tatsächlich klamm. Indien, Malaysia und Indonesien spüren das gerade. In diesen Ländern hat sich nicht viel geändert - außer der Meinung der internationalen Geldgeber. Sie glauben nicht mehr an diese Länder. Die Währungen taumeln.

Das Abenteuer des Schuldenschnitts

Ähnlich erlebte es die Euro-Zone. Erst wirkte das Ende der Investmentbank Lehman Brothers nach, dann schummelten die Griechen mit ihren Defiziten, und die Euro-Retter chaotisierten. Den größten Schaden richteten Angela Merkel und Wolfgang Schäuble an. Sie wollten helfen. Sie wollten gerecht sein. Sie wollten die Profiteure der Krise büßen lassen. Für private Gläubiger galt 2011 in Griechenland ein Schuldenschnitt, griechische Staatsanleihen waren schlagartig die Hälfte wert.

Rund um den Globus rätselten die Investoren: Wenn die verrückten Europäer so bei den Griechen vorgehen, was machen sie in Portugal, was in Spanien, was in Italien? Werden diese Staatsanleihen auch rasiert? Ist mein Geld futsch? Plötzlich glaubten die Geldgeber nicht mehr an den Euro. Erst Draghi brachte den Glauben zurück. Das Geld in Europa ist nicht verloren, die EZB sorgt dafür. Das war seine Botschaft. Sie wurde gehört. Merkel und Schäuble wollen diese Botschaft nicht gefährden. Ihnen reicht das Abenteuer des ersten Schuldenschnitts, sie wollen ihn nicht wiederholen.

Verfassungsgericht und Minority Report

Wie lange die Magie des Mario Draghi halten wird, weiß keiner. Das gehört zur Alchimie der Finanzmärkte. Dort können sich Meinungen rasch ändern, manchmal reichen kleine Anlässe, schlechte Wirtschaftsdaten oder unbedachte Äußerungen von Politikern. Beim Euro könnte das Bundesverfassungsgericht den Zauber der EZB zerstören. Die Richter wollen im Herbst über das Anleiheprogramm urteilen, nachdem Kritiker Verfassungsbeschwerden eingereicht hatten.

Dass das Gericht das Programm ablehnen wird, ist unwahrscheinlich. Ein Nein wäre absurd. Normalerweise befinden die Verfassungshüter, ob ein Gesetz gegen das Grundgesetz verstößt. Für die Anleihekäufe der EZB gibt es aber kein Gesetz. Es gibt nicht mal eine Tat, es gibt nur einen Plan. Mehr nicht. Das ganze erinnert an den Science-Fiction-Streifen Minority Report, in dem Polizisten Verbrechen verhindern, bevor sie geschehen. Die Karlsruher Richter wären weiter als Hollywood. Vor der Tat fällen sie das Urteil. Und seit wann befinden deutsche Richter über europäische Behörden? Der Geltungsbereich des Bundesverfassungsgerichts ist Deutschland nicht die Euro-Zone.

Die Kosten der Einheit

Aber wenn die Magie des Mario Draghi doch eines Tages verfliegt? Werden wir am Ende nicht irrsinnig blechen? Die Experten schrecken mit diesen Summen: 200 Milliarden, 500 Milliarden oder gar 800 Milliarden Euro könnte die Krise kosten.

Ein Leben im Schuldenloch droht.

Von wegen. Bislang hat Deutschland vor allem Kredite und Bürgschaften gewährt. Keiner weiß, wie viel davon zurückgezahlt werden. Nur dass alle Gelder auf einen Schlag futsch sind, ist unwahrscheinlich. Bei Schuldenkrisen werden Kredite in der Regel umgeschuldet, ein Teil geht verloren, aber nie alles. Wen das nicht beruhigt, sollte an die deutsche Einheit denken. Etwa 1,2 Billionen Euro hat sie gekostet. Die haben wir gezahlt, obwohl wir damals ärmer waren. Auch so'n Märchen, von dem keiner glaubte, dass es je wahr werden könnte.

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