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Der alte Mann und die Steuer - es geht um 30 Millionen

Der Filmproduzent Artur Brauner und seine Familie schulden dem Fiskus mehr als 30 Millionen Euro. Die Behörden haben den Fall jahrelang verschleppt.

Filmproduzent Artur "Atze" Brauner: Der alte Mann und die Steuer

In der vergangenen Woche feierte Artur Brauner, genannt "Atze", seinen 99. Geburtstag

Es gibt gute Gründe, , den Doyen des deutschen Nachkriegskinos, hochleben zu lassen. Seine Produktionsfirma CCC-Film, die neben Dutzendware wie "Old Shatterhand" immer wieder engagierte Produktionen hervorbrachte ("Die Weiße Rose"), blickt auf glanzvolle 70 Jahre zurück. Anfang August feierte der Grandseigneur seinen 99. Geburtstag, was der "Bild"-Zeitung eine Ode auf "Berlins Sonnenkönig" wert war. In seiner Familie gilt Brauner ohnehin als "Genie", wie seine Tochter erzählt: "Deshalb muss man ihm alles verzeihen." Lang lebe Atze Brauner!

In seiner Welt mag Artur Brauner unangreifbar sein. Außerhalb seiner Villa in Berlin-Grunewald erwächst jedoch gerade mächtig Ärger. Nach Informationen des soll das Ehepaar Brauner dem Staat mehr als 31 Millionen Euro schulden: Die Forderung gegen Artur Brauner beläuft sich auf 13.006.430,13 Euro. Seine Frau Theresa, mit der er 70 Jahre lang verheiratet war, ist vor einigen Tagen verstorben. Sie war mit ihrem Mann auch geschäftlich eng verbunden und sollte gut 18,2 Millionen Euro zahlen.

Der Finanzsenat schiebt Rückstände bereits seit vielen Jahren vor sich her

Die enormen Summen, die das Finanzamt -Wilmersdorf nun eintreibt, bringen die Behörden selbst in Erklärungsnot. Denn der Finanzsenat schiebt Rückstände bereits seit vielen Jahren vor sich her – offenbar lange ohne bei dem prominenten Paar ernsthaft durchzugreifen.

Vom stern konfrontiert, lässt Brauner mitteilen, es handele sich nicht um originäre Steuerschulden, sondern um "Nebenforderungen des Finanzamtes, insbesondere Säumniszuschläge". Gegen diese wolle er gerichtlich vorgehen. Daneben sind auch noch Steuerforderungen streitig. Uli Hoeneß kam ins Gefängnis, weil er Millionengewinne aus Spekulationen in der Schweiz versteckte. Fußballer Ronaldo muss sich in Spanien wegen 15 Millionen Euro erklären, die er zu Briefkastenfirmen umleitete. Aber wie kommt einer wie Artur Brauner auf Schulden beim in dieser Größenordnung?

Karl May, Edgar Wallace und "Hitlerjunge Salomon": Seit 70 Jahren ist Brauner im Filmgeschäft

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Der Fall hat weniger mit seinem Filmschaffen als mit ganz anderen Investitionen zu tun. Neben der Kino- und TV-Produktion verfügten der Mann mit dem markant gezirkelten Oberlippenbärtchen und seine Familie lange über ein riesiges Immobilienvermögen mit mehr als 70 Wohn- und Geschäftshäusern vorwiegend im Westen der Hauptstadt. Doch auf dem Berliner Immobilienmarkt lief es nicht immer so glänzend wie heute (stern Nr. 25/2005 "Atze in Not"), auf Druck der Gläubigerbanken musste Brauner im Lauf der Zeit die meisten Objekte verkaufen. Mindestens 15 Blocks stehen jedoch heute noch in Familienbesitz, davon einige am Ku'damm wie etwa das Hollywood Media Hotel.

Wegen der Immobiliengeschäfte ringt Brauner seit Jahren mit dem Fiskus. Meist ging es dabei um die Höhe der Gewerbesteuer. Brauner verweigerte hartnäckig fällige Zahlungen. 6,8 Millionen Euro schuldete das Ehepaar bereits 2004 dem Staat. Das Finanzamt versuchte sogar, das Privathaus zu pfänden, und ließ sich eine Teilsumme – gut eine Million Euro – als Grundschuld eintragen. Sie steht noch heute in den Büchern, ist möglicherweise noch immer nicht getilgt. Und als das Amt sich anschickte, auch die Gehälter von Artur und Theresa Brauner zu pfänden, ließen die beiden die Behörde mit einem simplen Trick ins Leere laufen: Sie zahlten sich einfach nichts mehr aus.

"Der Ermittlungseifer war nicht gerade überschäumend"

In dieser Zeit wurde zudem ruchbar, dass die Brauners über einen geheimen Schatz verfügen müssen, den sie für Umschuldungen nutzten: Über die Züricher Dependance der israelischen Leumi-Bank etwa wurden Immobilienkredite in Berlin abgelöst. "Es gibt eine Einheit im Ausland", bestätigte Brauner damals (stern Nr. 17/2012: "Der Trick-Reiche"). Wie die Geschäfte genau abliefen, ist bis heute nicht ganz klar.

Immobilien-Großbesitz, Auslandskonten – es hätte genügend Möglichkeiten für ein Finanzamt gegeben, durchzugreifen, zum Beispiel über eine Zwangsversteigerung. Der Geschäftsführer der Anwaltskammer und Experte für Geldwäschefälle, Frank Johnigk, schickte bereits vor neun Jahren zusammen mit dem Anwaltsbüro Scharpf eine Verdachtsanzeige an die Ermittlungsbehörden, in der es um auffällige Verbindungen zu Schweizer Banken und Liechtensteiner Treuhandfirmen ging. Johnigk: "Der Ermittlungseifer war nicht gerade überschäumend". Es passierte – nichts.

Gut vernetzt: Brauner und Berlins langjähriger Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit

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Erst im Herbst 2013 kam Schwung in den Fall. Der Name Brauner tauchte auf einer Steuer-CD mit möglichen Schwarzgeldkonten auf, die das Land Nordrhein-Westfalen angekauft hatte. Die Daten betreffen die Leumi-Bank. Die Staatsanwaltschaft Köln nahm Ermittlungen auf, und die in solchen Fällen versierte Wuppertaler Fahndung zog die Steuerakten der Betroffenen bei. Im Dezember kam es zu Durchsuchungen bei rund 50 Kunden der Bank in Deutschland. Auch die Brauners mussten Papiere offenlegen. Den "Herren" sei "bereitwillig Einsicht gewährt" worden, gab Sohn Heinrich Brauner an.

Artur Brauner selbst erklärte, bei dem Geld in der Schweiz – angeblich ein hoher zweistelliger Millionenbetrag – handele es sich um "versteuertes Vermögen", dem zudem Verbindlichkeiten gegenüberstünden. Die Ermittlungen bezeichnete er als "permanente Schikane". Brauner, ein polnischstämmiger Jude, der vor den Nazis fliehen musste, fühlt sich verfolgt: "Offensichtlich haben die Vergangenheit und deren Gräueltaten keinerlei Bedeutung mehr", klagte er. "Es zählt nur der Steuerzahler Brauner."

Artur Brauner habe sieben Jahre lang – unverschuldet – keine korrekten Bilanzen erstellen können

Für die Auseinandersetzung um Steuerrückstände präsentierte er ebenfalls eine Erklärung: Er habe sieben Jahre lang – unverschuldet – keine korrekten Bilanzen erstellen können. Die Steuern seien deshalb geschätzt worden – zu hoch, wie er fand. Er stünde darüber in Verhandlungen.

Das war im Februar 2014. Mittlerweile sind weitere drei Jahre vergangen, die Schulden wuchsen weiter – und machen den Fall für das Land Berlin zum Politikum. Denn nach Erkenntnissen der Fahnder aus Nordrhein-Westfalen agierte die chronisch klamme Metropole bei den Brauners lange äußerst zurückhaltend. Angeblich erließ sie der Familie einen hohen Millionenbetrag.

Die Berliner Finanzverwaltung kommentiert konkrete Steuerfälle nicht. Allerdings räumt der Finanzsenat ein, dass es immer wieder Steuerrückstände gibt, bei der die Vollstreckung ausgesetzt wird. In der Regel geschehe dies "mangels Erfolgsaussicht". Zum Jahresende 2016 belief sich diese Summe auf insgesamt 247,7 Millionen Euro. Unter der Regierung Wowereit (2001 bis 2014) war sie zeitweise doppelt so hoch. Hatte der Senat auch bei den Brauners die Hoffnung aufgegeben, noch an das Geld zu kommen?

Konten in der Schweiz: Brauners Bank Leumi

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Der Kurswechsel des Fiskus, niedergeschlagene Forderungen doch wiederzubeleben, erklärt sich auch durch eine veränderte Lage bei Brauners Geschäften. Nach stern-Informationen wurde das Finanzamt erst kürzlich auf einen jahrealten Immobilien-Deal aufmerksam, aus dem den Brauners noch Millionenzahlungen zustehen. Diese Ansprüche sind nun Teil der Pfändung durch das Finanzamt.

Es gibt eine Begebenheit, über die Artur Brauner viel lieber plaudert als über Steuergeschichten. Sie handelt von Curd Jürgens und dem Königsspiel Schach. Brauner wollte den Star unbedingt für eine Filmrolle anheuern, Jürgens zierte sich. Da überredete ihn Brauner, um die Verpflichtung zu spielen. Und Jürgens, ein glänzender Schachspieler, verlor. Geschichten wie diese sollten Brauners Ruf als Ausnahmekopf befeuern. Er erzählt gern, wie er schon als Kind in seiner Heimatstadt Lódz an Turnieren teilgenommen und an 22 Tischen simultan gespielt habe – "18 Partien habe ich gewonnen." Man darf gespannt sein auf seinen nächsten Zug.

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