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11. Oktober 2008, 20:27 Uhr

Was uns der Crash lehren sollte...

Da stehen sie nun beisammen, die Banker, Börsianer und Politiker. Und neben ihnen stehen wir. Am Abgrund, wie es heißt. Kurz vor dem Exitus, wie man nach dieser Crash-Woche meinen könnte. Und was lernen wir daraus? Einiges. Eine Analyse von Frank Donovitz

Finanzkrise, Lehren

Die Talfahrt an den Börsen nimmt kein Ende© Frank Rumpenhorst/DPA

Nehmen wir einmal an, die menschliche Gier sei eine Sucht. Wir alle seien mehr oder weniger süchtig - nach mehr. Vor allem nach mehr Geld. Wer ist Schuld an dieser Sucht? Die Süchtigen selbst, wir Sparer und Anleger? Unsere "Dealer", die Finanzberater? Oder die "Drogen-Anbauer", Investmentbanker? Oder am Ende "Polizei" und Politik, die den Sumpf nicht austrocknen können, oder auch nur glaubten, es nicht zu können?

Sie alle, wir alle, haben Schuld am Crash. Nicht gleichermaßen, und nicht mit gleichen Folgen. Also der Reihe nach.

"Polizei" und Politik. Ein Vierteljahrhundert hat sich die Politik von Wirtschaftstheoretikern und Geschäftemachern einreden lassen, nur der allerfreieste Markt bringe das Paradies auf die Erde. Wenig Gesetze, kaum Regeln, wenig Staat, ganz viel Markt - und schon liefe alles wie am Schnürchen. Auch am Finanzmarkt. Zuerst eingeschlagen hat Maggie Thatcher, die frühere britische Regierungschefin. Und Ronald Reagan, der zur selben Zeit US-Präsident war. In beiden Ländern ist der Abgrund heute am tiefsten. Ihre "Polizisten" in Zentralbanken und Aufsichtsbehörden gaben sich oder waren machtlos, oder - weit schlimmer - Helfershelfer. Sie senkten den Preis für Geld, den Zins, um jeden Preis. Das "Drogen"-Geschäft musste am Laufen gehalten werden - sonst würde es gefährlich.

So wurde ein selbstgemachter Aufruhr nach dem nächsten erstickt: Der globale Börsen-Crash 1987, der Immobilien- und Banken-Crash in Japan zu Beginn der 1990er Jahre, der "Tiger-Staaten-Rubel"-Crash 1997/98, der Internet-Crash 2000, und aktuell der Kredit- und Geldmarkt-Crash. Ganz nebenbei bügelte die amerikanische Zentralbank-"Polizei" auch noch geopolitische Crashes aus, zum Beispiel den ersten Irak-Krieg, den Terror des 11. September 2001, den zweiten Irak-Krieg. Dass diese 25 Jahre andauernde Geld- und Finanzpolitik - besonders anglo-amerikanischer Art - nicht unbedingt das Paradies hervorbringt, ist mittlerweile klar. Sogar in London und Washington gibt man sich lernfähig - weil es sonst wirklich gefährlich würde.

Die "Drogen-Anbauer". Es wird ja niemand gezwungen, unsere Angebote zu kaufen, murmeln die letzten Lobbyisten der Investmentbanken, die selbst schon seit Tagen stumm wie Fische sind. Und illegal sei das alles ja auch nicht gewesen. Und auf Risiken und Nebenwirkungen habe man in jedem Prospekt hingewiesen. Juristisch einwandfrei, versteht sich. Stimmt. Stimmt alles. Und es ist auch nicht alles schlecht oder wirtschaftlich unnütz, was Investmentbanker aussäen. Es ist am Ende schlicht die Frage von Moral und Verantwortung, die Physiker zwischen Röntgenstrahlung und Bombenverstrahlung, den Botaniker zwischen Heil- und Giftplanzenzucht entscheiden lassen. Diese Frage haben die allermeisten Investmentbanker zu ihren Gunsten, und damit zu Lasten aller anderen entschieden. Sie haben sich damit disqualifiziert, mit samt ihren Giganten-Gehältern. Geht damit in Frieden, aber geht! Was nachkommende Investmenbanker daraus lernen, ist offen.

Unsere "Dealer". Man sei wirtschaftlich gezwungen gewesen, den Stoff zu verkaufen, heißt es verschämt aus den Banken. Mit Zinsgeschäft sei schließlich jahrelang keine müde Mark zu machen gewesen - Schuld seien Politik und "Polizei". Also ging man auf Provision. Ganz irre seien die Süchtigen auf das Zeug gewesen. Die Anleger zum Beispiel auf hohe Dividenden bei Finanz-Aktien. Solche Erklärungsversuche sind blanker Hohn. Wer zum Beispiel wie in den USA Kredite vergibt, pardon "dealt", im Wissen, dass sie gar nicht zurückgezahlt werden können, gehört raus aus Filialen und Kunden-Wohnzimmern - direkt auf eine Anklagebank.

Dorthin gehören auch Leute, die Zertifikate als sichere Anlage verkloppen. Dummerweise verabsämte die Politik bislang entsprechende Strafgesetze. Jetzt ist das Vertrauen in die "Dealer" auf Null, unguter Weise, denn sie haben auch Gesundes im Sortiment. Sie werden wieder lernen müssen, sich mit dessen Verkauf zu begnügen. Schnellstens! So, wie das vor 25 Jahren, rund 1000 Jahre (mit Ausnahme der 1930er Jahre) zumindest ohne Weltzerstörung funktioniert hat. Und ihre Anteilseigner haben sich gefälligst mit entsprechend geringeren Dividenden abzufinden - oder ihre Anteile zu verkaufen.

Wir "Süchtigen". Klar wollen einige von uns dicke Villen, Monster-Flachbildfernseher und PS-Boliden, ohne etwas auf dem Konto zu haben. Klar sind die Amerikaner dabei am weitesten vorne. Klar haben war Sparbücher und Bausparverträge als Witzbegriffe verwendet. Waren wir besoffen! Haben wir uns von den "Dealern" beschwatzen lassen! Hätten wir sie doch nur so eingeschätzt, wie wir Gebrauchtwagenhändler, Handy-Tarifdreher oder auch nur manch redlich bemühten Versicherungsvertreter einschätzen. Dann wäre uns der kalte Entzug dieser Tage erspart geblieben. Denn wir hätten uns mit der Materie ausgekannt, oder wären zumindest gesund skeptisch geblieben. Doch leider wissen wir sogut wie nichts über unser Geld. Jedenfalls zu wenig. Das sollten wir ändern. Der nächste Entzug und das steuerliche Begleichen der Rechnungen von "Drogen-Baronen" ist nur durch Aufklärung zu verhindern.

Und die 30.000 ganz, ganz Schlauen? Die, die 6,10 Prozent "sicheren" Jahreszins bei der isländischen Kaupthing Bank kassieren wollten? Bei vier Prozent allgemeinem Zinsniveau, ohne deutsche Einlagensicherung? Offen gestanden: Mitleid für Nicht-Therapierbare (man erinnere sich an all die Crashes der letzten 25 Jahre!), die sich fit wie Turnschuhe wähnen, hält sich arg in Grenzen. Seit Jahren schreiben und senden sich unabhängige Journalisten die Finger gegen solche Zockereien wund - an mindestens 30.000 Adressen rauschten die Botschaften vorbei. Es wird Ihnen eine Lehre sein. Vielleicht.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Womöglich, so könnte man dagegen halten, hörte das Publikum lieber die Botschaften jener Medien, die "Finanzdienstleistern" scheinbar jeden Mist abgekauft haben. Wenn dem so wäre - wofür einiges spricht -, sollte es jenen Medien eine Lehre sein.

Hoffung stirbt zuletzt. Auch an der Börse. Die Crashes der vergangenen 150 Jahre wurden jedenfalls immer wieder aufgeholt - zumeist in weniger als zehn Jahren. Sollte es diesmal etwas länger dauern, wäre das womöglich gar kein so schlechtes Signal. Dann hätten nämlich alle etwas gelernt.

Eine Analyse von Frank Donovitz
 
 
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