Deutschlands Manager sind Meister im Abkassieren: Sie bekommen nicht nur Millionengehälter. Mit Sonderzahlungen, Aktienoptionen und Luxusrenten verdoppeln viele ihr Einkommen. Und fliegt mal einer raus, gibt es eine dicke Abfindung. Wie eine Elite das Vertrauen verspielte. Von Jan Boris Wintzenburg

Jürgen Schrempp mit Frau Lydia: Der Daimler-Chrysler-Boss war einer der bestbezahlten Manager der Republik. Richtig reich wurde er aber erst nach dem Ausscheiden: Seine Aktienoptionen sind geschätzte 100 Millionen Euro wert© Ralph Orlowski/Getty Images
Die 56 Vorstandschefs der in den Aktienindizes Dax und MDax vertretenen Unternehmen gehören zu den bestbezahlten Angestellten des Landes. Die 56 Herren haben im Jahr 2006 zusammen 218 Millionen Euro Gehalt bekommen. Das sind im Schnitt knapp 4 Millionen Euro pro Kopf - und damit mehr, als die allermeisten Deutschen in ihrem Leben verdienen werden.
Jahrzehntelang wurden ihre Gehälter wie Firmengeheimnisse gehütet. Erst seit wenigen Jahren müssen börsennotierte Firmen die Bezüge der Bosse offenlegen. Aber gerade bei den Spitzenverdienern wird verschleiert, was das Zeug hält.
So gibt der Stromkonzern RWE für Ex-Firmenchef Harry Roels, der vorigen Monat die Firma verließ, für 2006 ein Grundgehalt von 1,4 Millionen Euro an. Dazu kamen 2,4 Millionen Euro "variable Vergütung", 24 000 Euro "Sachbezüge" (Dienstwagen et cetera) und 120.000 Euro "Mandatseinkünfte" aus Aufsichtsratsposten bei Tochterunternehmen. Macht zusammen rund 3,9 Millionen Euro.
Dann ist da noch die "langfristige Vergütung" von 8,4 Millionen Euro, die sich aus früher zugeteilten "Wertsteigerungsrechten" der Aktie ergibt. 2006 wurden außerdem "Performance Shares" im Wert von 3 Millionen Euro an Roels ausgegeben. Sie werden aber erst später fällig und dürfen - darauf legte das Unternehmen besonderen Wert - nicht einfach zum Gehalt addiert werden, da ihr Wert "erst nach Ablauf der dreijährigen Wartezeit" feststehe.
Aber das ist noch nicht alles: Für die Altersabsicherung des Vorstandsvorsitzenden fielen "Service Costs" von 1,3 Millionen Euro an. Die für Laien fast unverständliche Antwort auf die vom Gesetzgeber gestellte Frage "Wie viel verdient der Vorstand im Jahr?" nimmt im Geschäftsbericht der RWE sechs Seiten ein. Auf Basis dieser Daten taxiert die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung Harry Roels auf 13,6 Millionen Euro Jahresgehalt. Doch nicht für alle Unternehmen liegen überhaupt genaue Daten vor. Der Gesetzgeber verlangt lediglich die Veröffentlichung der Gesamtsumme der Gehälter aller Vorstände eines Unternehmens.
Noch immer brauchen Firmen wie Porsche ihre Vorstandsvergütung nicht komplett offenzulegen - wohl auch deshalb nicht, weil Chef Wendelin Wiedeking vermutlich der bestbezahlte Manager des Landes ist. Experten schätzt ihn auf über 20 Millionen Euro im Jahr. Diese Geheimniskrämerei ist völlig legal. Auch andere Unternehmen sagen nicht, was ihr Spitzenpersonal im Einzelfall verdient. Viele würden weit vorne in der Aufstellung landen.
Doch in dieser Geschichte soll es nicht um Neid gehen. Es geht um gerechten Lohn für gute Arbeit und vor allem um das Vertrauen in die Führungselite der deutschen Wirtschaft. Denn von ihrem Erfolg hängen die Jobs von Millionen Arbeitnehmern ab. Und dieses Vertrauen ist so erschüttert wie lange nicht: In einer repräsentativen Forsa- Umfrage für den stern misstrauen 88 Prozent der Befragten den Bossen. 75 Prozent glauben, dass Manager vor allem ihre eigenen Ziele verfolgen und nicht die der Anteilseigner, Kunden oder Mitarbeiter.
Die Ereignisse der vergangenen Woche zeigen, wieso das Vertrauen in die Bosse so ruiniert ist: Weite Teile des Top-Managements der Firmen EADS und Airbus stehen unter Verdacht, mit Insidergeschäften abkassiert zu haben. Die Manager bestreiten das. Nun wird ermittelt. Siemens akzeptierte eine Strafzahlung von 201 Millionen Euro, weil bestochen und vertuscht wurde. Und auf der außerordentlichen Hauptversammlung von Daimler-Chrysler ging es um das endgültige Ende der von Ex-Vorstandschef Jürgen Schrempp geschaffenen "Welt-AG": Die Fusion mit Chrysler wurde rückabgewickelt. Dabei entlud sich der aufgestaute Frust enttäuschter Anleger: Von einer "parasitären Entwicklung eines Managerkapitalismus" war die Rede. Von einer "Kultur des Absahnens und der Ignoranz". Es sei unerträglich, "dass sich Verantwortliche ungestraft die Taschen vollstopfen". Das Management der Firma sei "mäßig erfolgreich, aber unmäßig raffgierig" gewesen. Als ein Redner Schrempp als "dieser Kerl" bezeichnet, jubeln viele der über 5000 Aktionäre. Kein Top-Manager hat in der Geschichte des Konzerns eine so verheerende Bilanz hinterlassen. Und keiner hat so hemmungslos abkassiert.
Immer neue Meldungen aus den Chefetagen über exorbitant gestiegene Gehälter, Privilegien und traumhafte Altersversorgungen verärgern die Bürger. Während seit dem Jahr 2000 die Durchschnittseinkommen von Arbeitern nach Abzug der Inflation gleich blieben, stiegen die der selbst ernannten "Leistungselite" Jahr für Jahr in großen Schritten. Ihre Argumente, dass Manager eine extreme Arbeitsbelastung haben und viele Unternehmen doch blendend dastehen, die gemachten Fehler Einzelner also gesamtwirtschaftlich nicht so schlimm sein können, überzeugen nicht. Die Fehlleistungen weniger und das enorme Einkommensniveau aller genügen, um den Ruf der Managerzunft nachhaltig zu beschädigen. Millionengehälter und miese Leistung passen einfach nicht zusammen. Das Die-da-oben-wir-hier-unten- Gefühl ist wieder da.
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Stern
Ausgabe 42/2007