Mit Hedgefonds und Wetten auf Währungen hat er Milliarden verdient. Doch sieht sich George Soros lieber als Philosoph und Kritiker des Weltwirtschaftssystems. Im stern-Interview warnt er vor den Folgen der Finanzkrise, die vor allem den Immobilienmarkt erschüttert hat.

Mit seinem Geld unterstützt Soros Demokratie-Projekte besonders in Mittel-und Osteuropa© Mark Wilson/Getty Images
Soros zögert, lacht schließlich: Es ist nicht immer einfach. Doch wenn man mich nach meinem Beruf fragt, antworte ich: Ja, ich bin Spekulant. Ich spekuliere im Bereich der Finanzen, aber auch im Bereich der Wohltätigkeit und der Philosophie. Und in diesem weiteren Sinne bin ich stolz darauf, ein Spekulant zu sein.
(zögert erneut) Darin liegt sicher ein Stück Wahrheit. Um es klar zu sagen: Ich bin ein Spekulant. Aber ich verteidige die momentane Spekulation nicht…
Weil ich mich an die Regeln halte. Und weil ich seit Langem fordere, dass die Finanzmärkte besser kontrolliert werden sollen, etwa die Kriterien für die Kreditvergabe. Da hat Ihr Bundespräsident recht. Wir müssen den Kapitalismus endlich wieder besser regulieren. Sonst zerstört er sich irgendwann selbst, zerstören wir uns selbst.
Das stimmt nur zum Teil. Denn jede Spekulation ist ja auch in der Realität begründet. Bleiben wir etwa beim Öl - da gibt es auch eine Menge objektiver Gründe, die den Preis nach oben treiben.
Angebot und Nachfrage. Viele Ölfelder sind alt, ihre Produktion geht zum Teil dramatisch zurück, etwa in Mexiko oder Saudi-Arabien, den Lieferanten des Westens. Dies verknappt das Angebot. Außerdem lassen viele Ölproduzenten ihre Reserven in der Erde liegen - in der sicheren Erwartung auf immer weiter steigende Preise. Dazu kommt die Nachfrage in Ländern wie China oder Indien. Und die steigenden Preise stabilisieren autoritäre, korrupte Regime wie etwa in Venezuela, im Iran oder in Russland. Es ist wie ein Fluch der Rohstoffe. Es ist regelrecht pervers.
Nein, natürlich nicht. Spekulanten bilden die Blase, die über allem liegt. Mit ihren Erwartungen, ihren Wetten auf die Zukunft treiben sie die Preise, und ihre Geschäfte verzerren die Preise, vor allem im Rohstoffbereich. Und das ist so, als ob man in einer Hungerkrise heimlich Lebensmittel hortete, um mit den steigenden Preisen Profite zu machen. Das dürfte so nicht möglich sein. Daher fordere ich, dass etwa den großen amerikanischen Pensionsfonds der Handel mit Rohstoffen verboten wird. Auch Hedgefonds sollten höhere Mindesteinsätze zahlen, wenn sie in Rohstoffmärkte investieren wollen. Der momentane Run auf Rohstoffe erinnert mich an eine ähnlich fixe Idee vor gut 20 Jahren. Damals waren alle verrückt nach sogenannten Portfolio-Versicherungen. Auch damals brachten Investoren den Markt aus dem Gleichgewicht. Es kam zum Exzess. Und endete im Aktiencrash von 1987.
Wir stecken inmitten der tiefsten Finanzkrise seit den 30er Jahren. Wir haben in der letzten Zeit ja schon erlebt, wie einige Blasen platzten. Etwa bei den Hightech- Aktien und jetzt am Immobilienmarkt. Hier ist die Krise bei Weitem noch nicht ausgestanden. Ich glaube, wir haben noch nicht einmal die Hälfte des Preisverfalls am Häusermarkt erlebt. Im kommenden Jahr werden über zwei Millionen Hausbesitzer zahlungsunfähig, weil sie ihre Kredite nicht mehr bedienen können. Es findet gerade eine gewaltige Vernichtung von Vermögen statt.
… ja. Die bildete sich seit 1980, als die Ideologie des Marktfundamentalismus Fuß fasste.
Alles sollte sich aus dem freien Spiel der ökonomischen Kräfte entwickeln. Das war übrigens gar keine amerikanische Erfindung. Es begann mit Margaret Thatcher in Großbritannien und wurde dann in den USA vom republikanischen Präsidenten Ronald Reagan vorangetrieben. Der sprach sogar von der "Magie des Marktes". Ausgerechnet dieser Mann wird heute wie ein Heiliger verklärt. Dabei kommt es auf den so gepriesenen Märkten immer wieder zu Exzessen, die man kaum noch kontrollieren kann. In den USA waren die Zinsen so niedrig, dass die Banken die Bürger ermunterten, sich immer mehr Geld zu leihen. Das ist schockierend, verantwortungslos. Allerdings konnte man bislang ja darauf hoffen, dass der Staat schon eingreifen würde, wenn es ganz schlimm kommt.
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Stern
Ausgabe 28/2008