Böse Reiche, schlechter Reichtum? Alles überholte Klischees, meint Reichtumsforscher Thomas Druyen im Gespräch mit stern-Autor Arno Luik. Denn ohne Reiche, die ihr Geld zurückfließen lassen, kann unsere Gesellschaft die Probleme der Zukunft nicht mehr meistern.

"In fast allen Kulturen spielt das große Geld eine riesige Rolle, aber der Reiche wird nicht unter die Lupe genommen"© ColourBox.com
Dieses Bonmot Balzacs, dass hinter jedem großen Vermögen ein Verbrechen steht, hält sich hartnäckig in den Köpfen der Menschen. Als Romancier mag Balzac so einen Satz hinwerfen, nichts dagegen. Aber als Soziologe muss ich sagen, er ist natürlich Unsinn. Und gefährlich. Er mystifiziert die Reichen, schlimmer, er denunziert sie. Diese Haltung passt nicht mehr ins 21. Jahrhundert. Wir müssen raus aus den alten Kampfstiefeln. Ich sehe das so: Ohne die finanzkräftigen Vermögenden schaffen wir es nicht, die Probleme unserer Welt zu lösen. Es ist also eine Schicksalsfrage. Der selbstsüchtige Reiche - das ist ein böses Zerrbild und...
Ja, ich möchte den Reichen erkennen. Sein Gesicht, den Menschen hinter dem Mythos, den Charakter. Denn mir geht es um viel mehr: Was ist mit Vermögen zu machen? Aber darüber kann man kaum entspannt diskutieren. Wenn es um Geld geht, wird es sehr heikel. Ab einer bestimmten Größenordnung macht es klick, und die Tür ist zu. Doch diese Tabuisierung des Reichtums können wir uns nicht mehr leisten.
Nein, aber die Gesellschaft muss ihr Verhältnis zu den Vermögenden klären. Auch im Eigeninteresse der Vermögenden. Es gibt jedoch in der Politik eine große Scheu, das Thema Reichtum transparent zu machen.
Ja, die Trennung zwischen Reich und Arm verschärft sich in unserer Gesellschaft. Es ist eine unheilvolle Schere. Der Trend ist eindeutig: Die Reichen werden immer reicher. Das Soziale der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ist verschwunden. Und noch nichts hat dieses verloren gegangene Gemeinschaftsgefühl, die kollektive Sorge um das Gemeinwohl ersetzt. Eine Religion des Geldes herrscht nun. Eine Vergötterung des Mammons. Aber erfüllt sie den Menschen? Kann eine Gesellschaft es lange aushalten, wenn ein Fußballspieler den Wert eines Unternehmens mit Hunderten von Arbeitsplätzen besitzt? Oder ein Fondsmanager 500 Millionen Euro verdient oder sogar einige Milliarden? Die Bürger verspüren eine um sich greifende soziale Kälte, sie vermuten Ungerechtigkeiten.
Es hat etwas Absurdes, wie diese Wirklichkeiten auseinanderklaffen. Wir können uns jetzt gegenseitig mit Zahlenkolonnen lähmen. Sicher, unterschwellig herrscht ein Unbehagen in der Gesellschaft. Man könnte es sogar laut hinausschreien.
Vielleicht leben wir in einer vorrevolutionären oder einer postkulturellen Situation. Das sind für mich sprachliche, artistische Übungen. Viele im Westen sind mit der Beschreibung des eigenen Untergangs beschäftigt. Wir haben eine riesige Interpretationsmaschine. Aber sie bringt uns nicht weiter. Man könnte mit Shakespeares Hamlet feststellen, "the time is out of joint", die Zeit ist aus den Fugen. Bringt diese Erkenntnis etwas? Mein Gott, natürlich, unser System kann implodieren oder explodieren! Vor vier Tagen hat mein Vater einen Gehirnschlag bekommen, er war sein Leben lang nicht krank. Jetzt, seine Horrorvision, ist er gelähmt, hat Blut im Kopf.
Gesellschaften können - wie Individuen - von einem auf den anderen Tag zusammenbrechen. Wir haben keinen Anspruch auf permanente Glückseligkeit. Aber trotz dieses Wissens kann der Mensch konstruktiv sein. Dazu brauchen wir eine positive Theorie des Reichtums. Die ganze Welt strebt nach Reichtum, aber wir sind nicht mal in der Lage, Reichtum wissenschaftlich zu erfassen. Im letzten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung drehen sich 95 Prozent um das Thema Armut, man weiß alles über die Armen, aber nichts über die Reichen. Es ist paradox! In fast allen Kulturen spielt das große Geld eine riesige Rolle, aber der Reiche wird nicht unter die Lupe genommen.
Diese Beschreibung ist so großartig wie unkorrekt. Es ist eine Polemik, eine Karikatur, die dem Reichen Hässlichkeit, Niedertracht und Tatenlosigkeit unterstellt. Aber sie zeigt auch die ewige Faszination des Reichtums. Der Reichtum als der große Verwandlungskünstler, ein Zauberstab, der selbst das Schlimmste in sein Gegenteil verkehrt.
Es gibt nicht den Reichen. Und es geht mir auch nicht um die Dax-Vorstände, die sind nicht wirklich reich. Das sind Angestellte, gutbezahlte Handlanger, die nur cash im Kopf haben und bei ihrer Jagd nach guten Zahlen einen gewissen Inhumanismus in die Welt bringen. Wirklicher Reichtum beginnt für mich bei 100 Millionen. Dieser Besitz verändert die neuronale Struktur, für diese Menschen gibt es so gut wie keine Grenzen und ...
Ja, das ist das Ergebnis unternehmerischen Handelns. Ist dieser Besitz ungerecht? Hat es jemals Zeiten in der Menscheitsgeschichte gegeben, in der es keine Unterschiede gab? Über 100 Milliardäre gibt es in Deutschland, weltweit ungefähr 900. Diese Superreichen - im Gegensatz zu den Neureichen, die oft ohne Kultur sind -, brauchen zur Steigerung ihres Selbstwertgefühls keine Protzereien mehr. Sie sind jenseits vom Gehabe so vieler Neureicher.
Der Reichtumsforscher Thomas Druyen ist Professor am Institut für Soziologie der Universität Münster, außerdem hat er einen Lehrstuhl für vergleichende Vermögenskultur an der Sigmund Freud PrivatUniversität in Wien. Sein Lehrstuhl für Reichtumsforschung ist der einzige seiner Art in den deutschsprachigen Ländern. Gerade ist im Hamburger Murmann Verlag sein Buch "Goldkinder. Die Welt des Vermögens" erschienen.