3. Mai 2007, 20:18 Uhr

"Reichtum darf kein Tabu sein"

Böse Reiche, schlechter Reichtum? Alles überholte Klischees, meint Reichtumsforscher Thomas Druyen im Gespräch mit stern-Autor Arno Luik. Denn ohne Reiche, die ihr Geld zurückfließen lassen, kann unsere Gesellschaft die Probleme der Zukunft nicht mehr meistern.

"In fast allen Kulturen spielt das große Geld eine riesige Rolle, aber der Reiche wird nicht unter die Lupe genommen"©

Herr Druyen, einer der wichtigsten französischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, Honoré de Balzac, hatte eine sehr klare Meinung von den Reichen: Er hielt sie für Verbrecher - allesamt.

Dieses Bonmot Balzacs, dass hinter jedem großen Vermögen ein Verbrechen steht, hält sich hartnäckig in den Köpfen der Menschen. Als Romancier mag Balzac so einen Satz hinwerfen, nichts dagegen. Aber als Soziologe muss ich sagen, er ist natürlich Unsinn. Und gefährlich. Er mystifiziert die Reichen, schlimmer, er denunziert sie. Diese Haltung passt nicht mehr ins 21. Jahrhundert. Wir müssen raus aus den alten Kampfstiefeln. Ich sehe das so: Ohne die finanzkräftigen Vermögenden schaffen wir es nicht, die Probleme unserer Welt zu lösen. Es ist also eine Schicksalsfrage. Der selbstsüchtige Reiche - das ist ein böses Zerrbild und...

Und Sie hoffen ihn zu finden: den guten Reichen?

Ja, ich möchte den Reichen erkennen. Sein Gesicht, den Menschen hinter dem Mythos, den Charakter. Denn mir geht es um viel mehr: Was ist mit Vermögen zu machen? Aber darüber kann man kaum entspannt diskutieren. Wenn es um Geld geht, wird es sehr heikel. Ab einer bestimmten Größenordnung macht es klick, und die Tür ist zu. Doch diese Tabuisierung des Reichtums können wir uns nicht mehr leisten.

Vielleicht ist die Tabuisierung des Reichtums eine wichtige Voraussetzung für den Reichtum.

Nein, aber die Gesellschaft muss ihr Verhältnis zu den Vermögenden klären. Auch im Eigeninteresse der Vermögenden. Es gibt jedoch in der Politik eine große Scheu, das Thema Reichtum transparent zu machen.

Vielleicht ist es ja einfach die Angst, dass die Bürger den großen Reichtum als zu ungerecht empfinden? Neulich erklärten bei einer Untersuchung in München 70 Prozent der Befragten, die sozialen Unterschiede in ihrer Stadt seien zu groß.

Ja, die Trennung zwischen Reich und Arm verschärft sich in unserer Gesellschaft. Es ist eine unheilvolle Schere. Der Trend ist eindeutig: Die Reichen werden immer reicher. Das Soziale der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ist verschwunden. Und noch nichts hat dieses verloren gegangene Gemeinschaftsgefühl, die kollektive Sorge um das Gemeinwohl ersetzt. Eine Religion des Geldes herrscht nun. Eine Vergötterung des Mammons. Aber erfüllt sie den Menschen? Kann eine Gesellschaft es lange aushalten, wenn ein Fußballspieler den Wert eines Unternehmens mit Hunderten von Arbeitsplätzen besitzt? Oder ein Fondsmanager 500 Millionen Euro verdient oder sogar einige Milliarden? Die Bürger verspüren eine um sich greifende soziale Kälte, sie vermuten Ungerechtigkeiten.

Sie vermuten Ungerechtigkeiten? Sie sehen, wie die Vorstandsmitglieder der DAX-30-Unternehmen - ohne Sondervergütungen - im Schnitt drei, neun Millionen Euro im Jahr verdienen. Das ist so viel wie ein Durchschnittsbürger in 100 Jahren verdient, also in drei Arbeitsleben. Und sie sehen: Die oberen zwei Prozent der deutschen Haushalte verfügen über 30 Prozent des Gesamtvermögens, die unteren 50 Prozent müssen sich mit knapp fünf Prozent begnügen.

Es hat etwas Absurdes, wie diese Wirklichkeiten auseinanderklaffen. Wir können uns jetzt gegenseitig mit Zahlenkolonnen lähmen. Sicher, unterschwellig herrscht ein Unbehagen in der Gesellschaft. Man könnte es sogar laut hinausschreien.

Der Münchner Soziologe Ulrich Beck meint, "objektiv leben wir in einer vorrevolutionären Situation". Sein Darmstädter Kollege Michael Hartmann ergänzt: "Es gibt keinen Fall in der Menschheitsgeschichte, in der die als zu groß empfundene Ungerechtigkeiten nicht zu einem Knall geführt hätten."

Vielleicht leben wir in einer vorrevolutionären oder einer postkulturellen Situation. Das sind für mich sprachliche, artistische Übungen. Viele im Westen sind mit der Beschreibung des eigenen Untergangs beschäftigt. Wir haben eine riesige Interpretationsmaschine. Aber sie bringt uns nicht weiter. Man könnte mit Shakespeares Hamlet feststellen, "the time is out of joint", die Zeit ist aus den Fugen. Bringt diese Erkenntnis etwas? Mein Gott, natürlich, unser System kann implodieren oder explodieren! Vor vier Tagen hat mein Vater einen Gehirnschlag bekommen, er war sein Leben lang nicht krank. Jetzt, seine Horrorvision, ist er gelähmt, hat Blut im Kopf.

Was wollen Sie damit sagen?

Gesellschaften können - wie Individuen - von einem auf den anderen Tag zusammenbrechen. Wir haben keinen Anspruch auf permanente Glückseligkeit. Aber trotz dieses Wissens kann der Mensch konstruktiv sein. Dazu brauchen wir eine positive Theorie des Reichtums. Die ganze Welt strebt nach Reichtum, aber wir sind nicht mal in der Lage, Reichtum wissenschaftlich zu erfassen. Im letzten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung drehen sich 95 Prozent um das Thema Armut, man weiß alles über die Armen, aber nichts über die Reichen. Es ist paradox! In fast allen Kulturen spielt das große Geld eine riesige Rolle, aber der Reiche wird nicht unter die Lupe genommen.

Karl Marx hat vor langer Zeit über ihn nachgedacht: "Was durch das Geld für mich ist, was ich zahlen kann, d.h., was Geld kaufen kann, das bin ich, der Besitzer des Geldes selbst. So groß die Kraft des Geldes ist, so groß ist meine Kraft. Die Eigenschaften des Geldes sind meine. Ich bin häßlich, aber ich kann mir die schönste Frau kaufen. Also bin ich nicht hässlich, denn die Wirkung der Hässlichkeit, ihre abschreckende Kraft ist durch das Geld vernichtet. Ich bin geistlos, aber das Geld ist der wirkliche Geist aller Dinge, wie sollte der Besitzer geistlos sein? Zudem kann er sich die geistreichen Leute kaufen."

Diese Beschreibung ist so großartig wie unkorrekt. Es ist eine Polemik, eine Karikatur, die dem Reichen Hässlichkeit, Niedertracht und Tatenlosigkeit unterstellt. Aber sie zeigt auch die ewige Faszination des Reichtums. Der Reichtum als der große Verwandlungskünstler, ein Zauberstab, der selbst das Schlimmste in sein Gegenteil verkehrt.

Nun sagen Sie: Wie ist er der Reiche - das unbekannte Wesen?

Es gibt nicht den Reichen. Und es geht mir auch nicht um die Dax-Vorstände, die sind nicht wirklich reich. Das sind Angestellte, gutbezahlte Handlanger, die nur cash im Kopf haben und bei ihrer Jagd nach guten Zahlen einen gewissen Inhumanismus in die Welt bringen. Wirklicher Reichtum beginnt für mich bei 100 Millionen. Dieser Besitz verändert die neuronale Struktur, für diese Menschen gibt es so gut wie keine Grenzen und ...

... manche sind grenzenlos reich: Die zwei reichsten Deutschen, die beiden Aldi-Brüder, besitzen 37 Milliarden Euro - das reicht aus, um 116 Fußballplätze mit 500-Euro-Scheinen zuzupflastern.

Ja, das ist das Ergebnis unternehmerischen Handelns. Ist dieser Besitz ungerecht? Hat es jemals Zeiten in der Menscheitsgeschichte gegeben, in der es keine Unterschiede gab? Über 100 Milliardäre gibt es in Deutschland, weltweit ungefähr 900. Diese Superreichen - im Gegensatz zu den Neureichen, die oft ohne Kultur sind -, brauchen zur Steigerung ihres Selbstwertgefühls keine Protzereien mehr. Sie sind jenseits vom Gehabe so vieler Neureicher.

Der Reichtumsforscher

Der Reichtumsforscher Thomas Druyen ist Professor am Institut für Soziologie der Universität Münster, außerdem hat er einen Lehrstuhl für vergleichende Vermögenskultur an der Sigmund Freud PrivatUniversität in Wien. Sein Lehrstuhl für Reichtumsforschung ist der einzige seiner Art in den deutschsprachigen Ländern. Gerade ist im Hamburger Murmann Verlag sein Buch "Goldkinder. Die Welt des Vermögens" erschienen.

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KOMMENTARE (10 von 10)
 
GeorgeDoe (04.05.2007, 11:36 Uhr)
Reich&Schön
Die Menschen sind NICHT gleich! (Sie sollten allerdings vor dem Gesetz gleich behandelt werden...)
Menschen haben unterschiedlich starke Antriebskräfte, unterschiedlich viel Glück/Pech, unterschiedliche Interessen. Und was die daraus resultierende Akkumulation von Vermögen angeht: Angeblich hat Jakob Fugger schon gewußt "Handel ist legalisierter Raub; Bank ist legalisierter Betrug!"
Es hilft aber nichts, die Unterschiede zu beklagen - obwohl es vielleicht das Gemüt erleichtert...
Primaklima (04.05.2007, 07:12 Uhr)
Reich?
Ein weiser Mann hat gesagt reich ist nur wer geben kann. Wie heißt es so Schön "Taler Taler du mußt wandern....." In Schließfächern verottet das Zeug doch nur.-)
Aber schon sehr symptomatisch für die Deutsche Presse ist das Ihnen bei Reichtum nur der Materielle Reichtum einfällt...Es gibt doch soviel anderes!
gmathol (04.05.2007, 01:53 Uhr)
Voellig unsinnige Auffassung.
Den Dripp-Down Effekt von Reich nach Arm gibt es praktisch ueberhaupt nicht. Speziell dann, wenn diese "Reichen" nicht einmal Steuern zahlen, aber dafuer alle Einrichtungen einer Gemeinschaft kostenfrei nutzen koennen.
Ein Schmarren. Hier nur einige Zahlen in den USA wo 99% der Vermoegen/Reichtuemer sich in der Hand von 0.1% der Bevoelkerung befinden gibt es 12 Millionen Obdachlose, 40% der Bevoelkerung ohne Krankenversicherung und was richtig wehtut 30 Millionen Amerikaner haben nicht genug zu essen.
Informieren!
Hubert.R (04.05.2007, 01:13 Uhr)
Nichts als Neid..
Eine solche Einstellung zu Reichtum gibt es nur in DE. Ich behaupte, gebt jedem, der hier gegen Reichtum protestiert 100 Millionen Euro, und seine Meinung wird sich um 180 Grad drehen. Aber; Reichtum bedeutet auch Verantwortung! Buchempfehlung: "Eine Billion Dollar".
JonnyBeGood (03.05.2007, 23:38 Uhr)
Naja
Solange es "Reichtumsforscher" gibt, hat unsere Gesellschaft keine wirklichen Probleme.
FordGalaxy (03.05.2007, 23:22 Uhr)
Jeder Reichtum ist gestohlen!
Ich finde es seltsam, dass niemand fragt, woher der ganze Reichtum kommt. Im Prinzip ist heute jeder Reichtum der Wenigen begründet auf der Armut der Vielen. Solange irgendwo auf der Welt Menschen um ihre Existenz kämpfen müssen, ist es absurd, den Überfluß der Anderen zu legitimieren. Und wenn Herr Gates die Hälfte seines Milliarden Dollar Vermögens spendet, so besitzt er immer noch viele Milliarden, die er der Menschheit entwendet hat und ihr weiterhin vorenthält. Ich glaube wir Menschen insgesamt brauchen eine neue Ethik, sodass wir rechtzeitig bemerken, wenn wir uns zuviel von Allem nehmen und in unserer Habgier Ungleichgewichte schaffen! Lieber Herr Druyen, fragen Sie also lieber mal nach den Ursachen, denn die lieben Großzügigen, die "geben wollen und können" haben zuvor mehr genommen als sie brauchen! Wenn Ihnen ein Auto gestohlen wird, dann bedanken Sie sich doch auch nicht noch beim Dieb, wenn er Ihnen dafür ein Fahrrad schenkt, oder?
starmax (03.05.2007, 23:06 Uhr)
Es geht nicht um Geld
Geld und Zins - das sind die Mittel der Oligarchen-Elite, um den Rest der Welt auf Distanz zu halten; nada mas.
Es geht um Menschenrechte ! Es geht darum, Reichtum erst dann zuzulassen, wenn alle anderen mit dem Nötigen versorgt sind. Schampus und Kaviar erst dann, wenn Alete und Medizin für a l l e Kinder bereit stehen!
Countryjoe (03.05.2007, 21:57 Uhr)
Akkumulation
Sehr großer Reichtum scheint die Wirkung eines schwarzen Loches zu haben. Er zieht immer mehr Geld an. Leider ist die Menge an Geld aber begrenzt und so findet eine Akkumulation zugunsten einer, wie man anhand des Inteviews implizieren kann, kleinen Kaste von Aliens statt.
So gesehen, laßts krachen :) Dann werden die Karten halt mal neu gemischt.
Yslsl (03.05.2007, 21:44 Uhr)
Adel
Vermutlich wird es immer einen Adel geben: im Mittelalter der Blutadel, im Kommunismus die Parteichefs und im Kapitalismus der Geldadel. Selbst in der Anarchie herrschen eben die Warlords.
In der Tat führte immer zu große Ungleichheiten zu Revolutionen. Allerdings kann man das durchaus verhindern, wie zahlreiche niedergeschlagene Rebellionen beweisen. Vielleicht streben unsere Machthaber (im Lande "D") ja deshalb den totalen Überwachungsstaat an (BKA-Würmer, Mautsystem zum Tracking, etc. etc.) - in einem solchen System ist eine Revolution nämlich in der Tat technisch unmöglich und die Verhältnisse sind zementiert.
max2006 (03.05.2007, 20:36 Uhr)
Die Beute des Löwen
Also, wenn ich das Interview lese, muss ich an eine Episode aus Thornton Wilders Roman `Der 8. Schöpfungstag` denken. Da wird der Kapitalist mit dem Löwen verglichen, der einen Brocken Fleisch in den Pranken hält. Versuche nun, dem Löwen das Fleisch weg zu nehmen, bietet Wilder an: das kannst du, aber nur, wenn du den Löwen zuerst umbringst.
Die geben niemals etwas freiwillig her, es sei dem, um mit Gegebenen noch mehr Profit zu machen - eben wie Gates das tut.
Aber wir brauchen keine Revolution. Wir brauchen eine Weltregierung, denn die Reichen können sich ihre Unverschämtheiten nur darum erlauben, weil der Nationalstaat der globalen Wirtschaft nicht gewachsen ist. Erst ein globaler Staat kann die globale Wirtschaft unter Kontrolle bekommen und den Reichen ihre Beute weg zu nehmen, um damit die Zukunft zu gestalten.
Wie das vor sich gehen könnte, das ist in diesem Blog hier schon ziemlich gut beschrieben.
http://kungfutius.blog.de/2006/11/30/utopia_realis_0~1386162
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2013)
Hoffen oder handeln?
 
 
 
 
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