Nobelpreisträger Joseph Stiglitz warnt vor einer Krise des globalen Kapitalismus. Seine Lösung: Verteilt den Reichtum. Ein stern-Gespräch.

Wirtschaftsprofessor, Präsidentenberater und politischer Kopf - Stiglitz beim stern-Gespräch in Washington© David S. Holloway/Getty Images
Ja, dabei wurde die Globalisierung noch vor 15 Jahren fast euphorisch begrüßt. Ihr Versprechen lautete: Entwicklung, mehr Wohlstand für alle. Aber heute zeigt sich, dass die Globalisierung zwei Gesichter hat. Die Hoffnungen der Menschen auf eine bessere Zukunft für ihre Kinder haben sich oft nicht erfüllt, weder in den Entwicklungsländern noch in den Industriestaaten. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute sogar in Ländern mit zunehmender Ungleichheit. Für viele ist es wie ein Teufelspakt. Lebensweisen und Grundwerte sind bedroht.
Einigen Entwicklungsländern ist es gelungen, die Globalisierung klug und umsichtig zu nutzen. Allen voran China und einige andere Länder in Ostasien. So befreite das Wachstum der chinesischen Wirtschaft Hunderte Millionen Menschen aus der Armut. Und wahr ist: Noch nie zuvor sind die Einkommen so vieler Menschen so schnell gestiegen. Enorm profitiert haben auch die multinationalen Konzerne. Pharma- und Finanzunternehmen etwa, generell die Multis wie Wal-Mart, die genau verstanden haben, wie Globalisierung funktioniert.
Für viele ist Globalisierung heute gleichbedeutend mit der Amerikanisierung der Wirtschaftspolitik. Und die USA sind neben China bislang ja auch der wirklich große Gewinner der Globalisierung. Doch bei der Bewertung muss man vorsichtig sein: Während die Wirtschaftsleistung stieg, ist das Durchschnittseinkommen der Bürger deutlich zurückgegangen. Generell werden die Menschen in den reichen Ländern durch die Globalisierung eher ärmer.
Ganz oben. Bei der winzigen Gruppe der Topverdiener. In den USA konnten sie zusätzlich noch von den massiven Steuersenkungen der Bush-Regierung profitieren. Das ist ja ein Grund, warum ein Großteil der Welt gegen die Globalisierung aufbegehrt: Es scheint so viele Verlierer und so wenige Gewinner zu geben.
Der berühmte Ökonom Maynard Keynes hat dazu mal gesagt: "Langfristig sind wir alle tot." Klar ist: Es gibt Verlierer. Und zwar viele. Die Politiker propagierten bislang zwar immer, dass der Reichtum, der sich oben ansammelt, irgendwann schon nach unten durchsickern und sich dort verteilen würde. Das war Polit-Rhetorik. In Wahrheit wussten alle, dass die Menschen unten schlechter dran sein würden.
Das weiß niemand genau. Sind es 20 Prozent der Beschäftigten eines Landes oder 70 Prozent, die etwa Lohneinbußen hinnehmen müssen? In jedem Fall sind viele betroffen. In den USA sind die Reallöhne in den vergangenen 25 Jahren um mehr als 30 Prozent gesunken. Und damit auch der Lebensstandard. Zunächst galt das nur für die unteren Lohngruppen. Doch seit fünf, sechs Jahren ist auch die Mittelschicht betroffen. Jeder zweite Amerikaner ist heute schlechter dran als noch vor einigen Jahren.
Das ist kaum zu verhindern. Doch Gewinner könnten die potenziellen Verlierer entschädigen. So könnte man durch höhere Steuern für Reiche für eine Umverteilung der Globalisierungsgewinne sorgen. Der Staat sollte eine aktive Rolle spielen, etwa bei der sozialen Absicherung der Menschen. Und wir müssen eben viel mehr in Bildungssysteme, Wissenschaft und Technik investieren. Denn Löhne können nur steigen, Arbeitsplätze sind nur sicher, wenn die Produktivität steigt.
Globalisierung ist keine Naturgewalt. Nach dem Ende des Kalten Krieges, als die USA die unangefochtene ökonomische Supermacht der Welt waren, da hätten sie die Gesetze der Globalisierung durchaus neu schreiben können. Ein paar Regeln aufstellen, ein paar Werte, Prinzipien. Gleiche Ausgangsbedingungen für alle. Fairness. Dazu hätte gehört, sich endlich von der Subventionspolitik zu verabschieden. Aber es ging nur um eigene Interessen und vielleicht noch um die weniger anderer Industriestaaten. Einer der wichtigsten Hebel dabei war der Washington Consensus ...
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Ausgabe 41/2006
Zur Person Der MahnerJoseph Stiglitz - politischer Ökonom mit großer Mission
Der New Yorker Professor Joseph Stiglitz, 63, war Chefökonom der Weltbank und der oberste Wirtschaftsberater von US-Präsident Bill Clinton. 2001 bekam er den Nobelpreis für Wirtschaft für seine Arbeiten zur "Informations-Ökonomie". Stiglitz warnte früh vor den Gefahren der Globalisierung. Sein erstes Buch zum Thema, "Schatten der Globalisierung" wurde weltweit über eine Million Mal verkauft. Jetzt ist er mit seinem neuen, gut lesbaren Buch auf Rettungsmission: Die Globalisierung könne mehr Wohlstand für alle schaffen, sagt er. Doch die Probleme seien so groß, die Zahl der Verlierer so hoch, dass rasche Veränderungen nötig seien.
Joseph E. Stiglitz: "Die Chancen der Globalisierung"; Siedler Verlag, 24,95 Euro
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