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Ein Bankmanager packt aus

Er arbeitete bei der Investmentbank Goldman Sachs - jetzt berichtet Greg Smith, wie dort den Kunden Schrottpapiere angedreht wurden. Oberstes Ziel: Goldene Gänse ausnehmen.

Von Katja Gloger

  Mit seinem Buch "Why I left Goldman Sachs" sorgt Greg Smith für Schlagzeilen

Mit seinem Buch "Why I left Goldman Sachs" sorgt Greg Smith für Schlagzeilen

Er ging noch einmal in sein Büro, heimlich fast, es war ein Samstagabend im März dieses Jahres. Er wollte nicht gesehen werden, so zumindest beschreibt er es. Räumte seinen Schreibtisch in der Londoner Niederlassung seiner Firma auf, stopfte seine Papiere in einen Karton, die Überwachungskameras zeichneten ihn auf, als er am späten Abend das Gebäude verließ. Dann stieg er in ein Flugzeug nach New York.

So beschreibt der junge Investmentbanker Greg Smith seinen eher ungewöhnlichen Abgang bei der Bank, der er für ein Jahressalär von bis zu 500.000 US-Dollar zuvor zwölf Jahre lang treu gedient hatte; und natürlich wäre das nicht weiter erwähnenswert, wenn es sich bei diesem ehemaligen Arbeitgeber nicht um die wohl umstrittenste und die wohl erfolgreichste Investmentbank aller Zeiten handeln würde: Goldman Sachs. Jene Bank, bei der so viele tätig waren, die später öffentliche Ämter bekleideten: der damalige US-Finanzminister Hank Paulsen etwa und auch der Italiener Mario Draghi, heute Chef der EZB.

"Wir verrichten Gottes Werk"

Denn Greg Smith hatte sich zu einer ungewöhnlichen Form der Kündigung entschlossen: ein öffentlicher Abgang in Form eines Gastbeitrages in der "New York Times", der unter dem Titel "Warum ich Goldman Sachs verließ" erschien. Es war eine Abrechnung mit den Praktiken einer Bank, die sich für "Integrität" und "Vertrauen" rühme, in Wahrheit aber ihre zum Teil milliardenschweren Kunden als "Muppets", also als Deppen bezeichne und nur ein Ziel habe: ihre Kunden abzuzocken.

Der Artikel sorgte damals für eine kleine Sensation: Packte da doch ein Insider aus, klagte die Killerkultur einer ebenso aggressiven wie erfolgreichen Bank an, in der es (wen wundert's eigentlich?) nur um Milliardenprofite geht. Und die machte Goldman Sachs ja, jahrelang, einer der großen Profiteure der Immobilienblase, der wahnwitzigen Jahre, in denen man Schrottpapiere verscherbelte. Die Bank perfektionierte dabei den Eigenhandel, Geldgeschäfte auf eigene Rechnung, und sie wurde damit so reich, so mächtig, dass 2006 selbst der sonst so kritische "Economist" titelte: "On Top of the world". Goldman Sachs und sein CEO Lloyd Blankfein: Ganz, ganz oben. "Wir verrichten Gottes Werk", sagte der.

Es gab in diesen wilden Jahren übrigens nur eine Bank, die sich mit Goldman Sachs messen konnte, denn nur sie war ähnlich erfolgreich: die Deutsche Bank. Verantwortlich für den Geschäftsbereich war damals Anshu Jain, heute Co-Chef der Deutschen Bank.

Bankenrettung mit Milliarden Steuergeldern

Mit seinem Artikel traf Goldman-Sachs-Mann Greg Smith jedenfalls einen Nerv. Beschrieb er doch die Kultur der Gier, der Arroganz und der Allmachtphantasien in den Handelsräumen der Wall Street, die Jagd auf Boni um jedem Preis. Und er brach eines der ehernen Gesetze bei Goldman Sachs: das Gesetz des Schweigens.

Er traf einen Nerv auch, weil die Zunft ja reumütig Besserung gelobt, einen Kulturwandel gar, neue Verantwortung. Denn die Banken waren Hauptverursacher der großen Krise, die 2008 die Weltwirtschaft an den Abgrund führte. Die Banken wurden mit Hunderten Milliarden Steuergeldern gerettet. Aber immer noch sind viele "too big to fail", zu groß, um pleitegehen zu können. Sie sind ein "systemisches Risiko" für ganze Länder.

Jetzt versprechen sie eine neue Kultur: mehr Verantwortung, weniger Boni, eine neue Moral gar. Es ist das größte PR-Problem der Branche: Die Banken haben alle Glaubwürdigkeit verloren.

Karrieretipps eines Insiders

"Wie kommst du schnell nach oben", schreibt Greg Smith da über die offenbar ganz normalen Karrierepraktiken bei Goldman Sachs auch nach 2008: a) Sei besonders gut mit "Äxten" - überzeuge deine Kunden in jene Aktien oder Produkte zu investieren, die wir los werden wollen, weil sie nicht besonders viel Gewinn versprechen; b) Gehe auf Elefantenjagd - überzeuge deine Kunden, das zu kaufen oder verkaufen, was der Bank den größten Gewinn bringt und c) versuche einen Job in einer jener Abteilungen zu bekommen, in denen man mit jenen undurchsichtigen Produkten handelt, die aus drei Abkürzungen bestehen.

Alle wollen nur eins, so Smith: den goldenen Preis, eine so genannte "goldene Gans" nämlich: Einen möglichst reichen, aber möglichst blauäugigen Kunden. Denn oft seien die Finanzprodukte so kompliziert gewesen, dass die Kunden gar nicht mehr verstanden hätten, dass man ihnen massiv überhöhte Gebühren abgeknöpft habe.

Der Gegenangriff von Goldman Sachs

Jetzt ist das Buch zur öffentlichsten Kündigung der Welt unter dem Titel "Why I left Goldman Sachs" erschienen. 1,5 Millionen Dollar soll Greg Smith dafür bekommen haben, und ab Montag wird es auch in Deutschland auf dem Markt sein. Kein Buch, das man lesen muss, ein Buch aber, das man lesen kann: ein Ausflug in die Maschinenräume bei Goldman Sachs. Einblicke in die zynische Sprache und in die Kultur der Boni.

Goldman Sachs äußert sich nicht öffentlich zu den Inhalten des Buches – ging aber noch vor Erscheinen zum Gegenangriff über: Man habe eine interne Untersuchung durchgeführt, forensische Experten nach inkriminierenden E-Mails suchen lasen, heißt es. Greg Smith habe eine Gehaltserhöhung um 100 Prozent gefordert, wollte eine Million Dollar verdienen, die habe man ihm aber nicht zahlen wollen.

Gerichtsverfahren droht

Das letzte Wort über Goldman Sachs wird allerdings wohl vor Gericht gesprochen – und da gehört es auch hin. Schon vor zwei Jahren zahlte Goldman Sachs 550 Millionen Dollar Strafe wegen "irreführender Informationen" beim Verkauf eines jener teuflischen Finanzprodukte aus der Zeit der Immobilienblase: des Kreditversicherungspapiers "Abacus 2007-AC1".

Der Händler Fabrice Tourre war damals am Geschäft mit dem Schrottpapier beteiligt: Er muss sich jetzt wegen möglichen Betruges an Investoren verantworten, so die US-Börsenaufsicht. Das Gerichtsverfahren soll im kommenden Sommer beginnen.

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