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Die Drecksbank

So nennt Deutschlands oberster Finanzaufseher die Hypo Real Estate. Das marode Institut brauchte schon mehr als 90 Milliarden Euro an Steuergeldern und soll jetzt sogar verstaatlicht werden. Ein Lehrstück über Maßlosigkeit und Unfähigkeit zweier deutscher Banker.

Von Jan Boris Wintzenburg

Ziemlich genau 20 Jahre nach dem Fall der Mauer ist der Sozialismus zurück in Deutschlands Wirtschaftsordnung: Bundesfinanzminister Peer Steinbrück lässt die Enteignung und Verstaatlichung von Banken vorbereiten. Ein entsprechendes Gesetz könnte schon bald vom Kabinett verabschiedet werden. Es geht darum, die entfesselten Kräfte des Kapitals zu zügeln. Karl Marx lässt grüßen.

Altersvorsorgen gefährdet

Bis vor wenigen Monaten wäre eine solche Zwangsmaßnahme undenkbar gewesen. Doch die internationale Finanzkrise hat auch die deutschen Banken mit voller Wucht getroffen, vor allem eine davon: die Hypo Real Estate, kurz HRE. Werden ihre immensen Verluste nicht vergesellschaftet, so glauben Politiker, Manager und selbst Ökonomen, entstehen Bürgern und Land noch weit größere Schäden. Es ist eine Kapitulation des Kapitalismus. Jetzt geht es nur noch darum, wie teuer die Sache wird.

Die HRE ist Deutschlands kaputteste Bank. Zum vierten Mal muss sich die Regierung seit September 2008 nun schon mit ihr befassen. 92 Milliarden Euro Steuergelder wurden bereits in das marode Institut gepumpt - ohne Erfolg. Nun droht dem Immobilienfinanzierer, der große Teile des deutschen Pfandbriefmarktes beherrscht, schon wieder das Aus. Und dann könnte die Altersvorsorge von Millionen Sparern gefährdet sein, denn ihre Lebensversicherungen legen ihr Kapital größtenteils in Pfandbriefen an. Ein Ausfall der HRE könnte den Markt zusammenbrechen lassen und einige Versicherungen in Zahlungsschwierigkeiten bringen.

Er habe "in einen Abgrund geblickt", sagte Steinbrück bereits bei der ersten HRE-Rettung theatralisch. Aber da ahnte er noch nicht einmal, wie tief der ist. Deutschlands oberster Bankenaufseher Jochen Sanio sprach inzwischen gegen- über Bundestagsabgeordneten von einer "Drecksbank". Er weiß, wovon er redet: Sanio schickte schon Anfang 2008 Experten zu einer Sonderprüfung der Bank und seiner irischen Tochter Depfa, um die Risiken in den Bilanzen des Instituts abzuschätzen. Leider - so jedenfalls die offizielle Version - blieben ihre Berichte im Dickicht des Finanzministeriums hängen und wurden von einer Fachabteilung "abgelegt". Die Opposition zweifelt deshalb auch am Krisenmanagement des Finanzministers. "Steinbrück hat jedes Vertrauen verspielt", sagt FDP-Finanzexperte Volker Wissing.

In einem Atemzug mit Lehman Brothers

Die HRE ist ein Paradebeispiel für Gier und Größenwahn. Sie steht im Zentrum des weltweiten Bankencrashs, denn in ihrer 400-Milliarden-Bilanz steckt ein Gutteil der geschätzten 2200 Milliarden Euro an Verlusten und Wertberichtigungen, die die Krise wohl bringen wird. Längst wird die Münchner Bank mit ihren knapp 2000 Mitarbeitern in einem Atemzug mit Lehman Brothers genannt, jener US-Investmentbank, deren Zusammenbruch im Herbst einen Höhepunkt der Katastrophe markiert. Seitdem traut keine Bank mehr der anderen.

Eine der Hauptfiguren im Milliardenspiel bei der HRE ist der 61-jährige Gerhard Bruckermann aus Solingen. Er durchlief Mitte der 90er Jahre eine klassische Banker-Karriere, die ihn von der WestLB in Düsseldorf über die Deutsche Bank in Frankfurt bis in den Vorstand der Deutschen Pfandbriefbank, kurz Depfa, in Wiesbaden führte. Die Depfa, wenige Jahre zuvor von der Bundesregierung privatisiert, war damals eine langweilige Bank. Ihre einzige Aufgabe war es, eben jene Pfandbriefe herauszugeben, die von den Lebensversicherern so geschätzt werden.

Pfandbriefe sind eine deutsche Spezialität, 1769 im Königreich Preußen erfunden, um die Kreditbedürfnisse von Städten und Gemeinden zinsgünstig zu befriedigen: Weil die Kommunen bei den streng regulierten Pfandbriefen ihre Schulden mit Grund und Boden besichern, gelten sie als extrem solide. Ausfall praktisch ausgeschlossen. Die letzte Pfandbrief-Bankenpleite war im Jahr 1901, und alle Anleger bekamen ihr Geld zurück, ohne dass Grundsicherheiten angetastet werden mussten.

Höheres Risiko, höhere Margen

Normalerweise wäre Bruckermanns Karriere bei der Depfa ohne Glanz zu Ende gegangen. Doch der eloquente, weltläufige Rheinländer witterte eine Chance, als just zu dieser Zeit in den USA reihenweise neue Finanzinstrumente erfunden wurden: Derivate, Futures, Leerverkäufe - all das, was heute, 15 Jahre später, zur größten Finanzkrise der Geschichte geführt hat.

Bruckermann war begeistert: Die riskanten Finanzwetten müssen ihm im Pfandbrief-Einerlei mit seinen biederen kommunalen Kunden wie ein Silberstreif am Horizont vorgekommen sein. In einer Gastvorlesung an der Universität Frankfurt am 16. Juli 1997 beklagt er jedenfalls die geringen Renditen und die strenge deutsche Regulierung des Pfandbriefes: "Höhere Margen lassen sich nur mit risikoreicheren Finanzierungen erzielen", doziert er und fordert die Anwendung der neuen, verlockenden finanzmathematischen Modelle auf den Pfandbriefmarkt. Vor allem müsse man in der Lage sein, den Markt zu "shorten" - also Pfandbriefe zu verkaufen, die man noch gar nicht besitzt. Das kommt dem Versuch gleich, einen alten Traktor mit Spoilern zum Formel-1-Renner hochzurüsten. Bruckermann wollte offenbar Action, zur Not mit Pfandbriefen.

In derselben Vorlesungsreihe fordert kurze Zeit später übrigens ein gewisser Josef Ackermann, damals noch einfacher Vorstand bei der Deutschen Bank, ebenfalls die Abkehr vom Sicherheitsdenken deutscher Bankiers. "Risiko ist grundsätzlich nichts Negatives", so Ackermann damals. "Risiko ist das Geschäft."

Falsche Außendarstellung

Bruckermann und Ackermann - zwei Brüder im Geiste, zwei Banker auf dem Sprung an die Spitze ihrer Institute. Als beide in den Jahren 2000 beziehungsweise 2002 dort ankommen, fordern sie Eigenkapitalrenditen von über 25 Prozent, die mit normalen Bankgeschäften niemals zu erwirtschaften sind. Ackermann baut deswegen massiv das Investmentbanking der Deutschen Bank in London aus. Er schafft die 25 Prozent erstmals 2005.

Bruckermann muss bei der kleineren und verstaubten Depfa radikaler ans Werk gehen: Er siedelt mit der kompletten Bank in die irische Hauptstadt Dublin über, wo weder Steuersätze noch Bankenregulierung an deutsche Standards heranreichen. Dort beginnt er mit seiner gut 600 Mann starken Truppe riesige Derivate-Summen zu bewegen: Ende 2006 stehen bereits 364 Milliarden Euro der Finanzwetten in der Bilanz. Nur ein Teil dient formal überhaupt noch der Absicherung des 220 Milliarden Euro schweren Pfandbriefgeschäftes, das nach wie vor betrieben wird. Schließlich liefert es einen guten Deckmantel für die riskanten Wetten und sichert gute Rating-Noten bei der Kreditaufnahme. Nach außen spielt die Depfa weiter die solide Pfandbriefanstalt, im Inneren zockt sie längst wie ein Hedgefonds.

Auch Bruckermann erreicht schnell über 25 Prozent Eigenkapitalrendite und steigt zum bestbezahlten deutschen Firmenchef auf: Das "Manager Magazin" führt ihn bereits 2004 kurz hinter Josef Ackermann in einem Ranking auf Platz acht der bestverdienenden Unternehmenslenker Europas mit 7,4 Millionen Euro Jahresgehalt. Und während Ackermann sich dafür regelmäßig beschimpfen lassen muss, kennt kaum jemand Gerhard Bruckermann, der sich und seinen Vorstandskollegen immer wieder üppige Aktienpakete der Depfa verschafft. Am Ende werden ihm selbst deutlich mehr als zwei Prozent der Anteile gehören.

Doch der Preis dafür ist hoch. Die Risiken, die seine Bank eingehen muss, werden immer gewaltiger: Ende 2007 beläuft sich das Derivate-Geschäfte auf 471 Milliarden Euro, und mehr als 100 Milliarden Euro der langfristig vergebenen Pfandbrief-Kredite sind nur kurzfristig gegenfinanziert. Es wird immer schwieriger, den Gewinn noch zu steigern, und er steht nicht mehr in einem vernünftigen Verhältnis zu den Gefahren der Finanzwetten, die die Depfa eingeht.

Bruckermann muss schon länger gewusst haben, dass es eng wird. Bereits seit 2006 gibt es immer wieder Gerüchte, dass er einen Käufer für die Depfa sucht. Mitte 2007 wird er endlich fündig: Georg Funke, Chef der HRE, ist bereit, die Depfa für 5,7 Milliarden Euro zu übernehmen. Zu diesem Zeitpunkt zeichnet sich bereits der Niedergang des US-Immobilienmarktes ab.

Verlockende Möglichkeit

Aber Georg Funke stört das offenbar nicht. Er will auch endlich ganz oben mitspielen, wie die Acker- und Bruckermänner der Bankenwelt, sicher auch beim Gehalt. Doch dazu fehlte seiner HRE bisher schlicht die Größe. Sie war als Abspaltung der Hypovereinsbank entstanden und bei ihrer Gründung im Jahr 2003 bereits Folge einer Rettungsaktion: Die Hypovereinsbank hatte rund 20 Milliarden Euro mit ostdeutschen Plattenbauten verloren und lagerte große Teile ihres Immobiliengeschäfts in die HRE aus, um das eigene Überleben zu sichern.

Ähnlich will es die Bundesregierung nun auch bei vielen deutschen Geschäftsbanken machen, denen die Pleite droht. Dort sollen marode Geschäfte in sogenannte "Bad Banks" entsorgt werden. Die Idee dabei: Liegen die faulen Geschäfte unter einem anderen Dach, kann sich eine Spezialistentruppe in aller Ruhe um deren Abwicklung kümmern, während die Mutterbank befreit zum Tagesgeschäft übergeht. Die Bilanz ist entlastet, die Kreditwürdigkeit gegenüber anderen Banken wieder sichergestellt. Die Bad Banks werden derweil von ihrem Führungspersonal abgewickelt - eher ein Himmelfahrtskommando als eine Karriereposition.

Bei der HRE wurde damals mit dem Gelsenkirchener Funke ein Banker aus der zweiten Führungsebene der Hypovereinsbank zum Chef gemacht. Zunächst gelang ihm bei anziehenden Immobilienmärkten und mit einem 590-Millionen-Euro-Risikoschirm der Hypovereinsbank die Sanierung. Aber dann kam Bruckermann mit seiner irischen Depfa. Der Westfale Funke, stets etwas verknautscht und bieder wirkend, erlag dem Charme des Rheinländers Bruckermann, arrogant, kaltschnäuzig und ein ungemein guter Verkäufer.

"Einer der schlechtesten Banker der Republik"

Obwohl schon aus den veröffentlichten Geschäftsberichten klar hervorgeht, dass die Depfa nicht mehr die ehrbare Pfandbriefbank von 1922, sondern einer der größten Hedgefonds der Welt ist, will Funke sie haben. Obschon sämtliche Top-Leute der Depfa bei dem Deal Kasse machen und ausscheiden wollen - allen voran Bruckermann, der wohl rund 120 Millionen Euro für seine Anteile abräumt -, schöpft Funke keinen Verdacht. Zum Verhängnis wird ihm, dass er als beratungsresistent gilt und alles selbst entscheiden will. Funke versucht sogar noch im Frühjahr 2008, als die Krise längst ausgebrochen ist, Bruckermann in den Aufsichtsrat seiner HRE zu holen. Doch der lehnt dankend ab. Er kümmere sich lieber um seine spanische Orangenzucht, teilt er Funke mit. Ein "Jugendtraum" von ihm. Inzwischen muss sich der im Oktober 2008 aus dem Amt gedrängte Funke gefallen lassen, als einer der schlechtesten Banker der Republik bezeichnet zu werden. Aus Verblendung und Größenwahn holte er die marode Depfa zurück nach Deutschland, die kurz darauf Mitverursacher der größten Bankenkrise der Geschichte geworden ist. Nach vorsichtigen Schätzungen werden deutsche Steuerzahler über 100 Milliarden Euro zahlen müssen, um die Drecksbank zu säubern. Geld, das sonst von Irland hätte aufgebracht werden müssen - was die Republik wohl nahe an den Staatsbankrott gebracht hätte.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen gegen Georg Funke wegen Untreue, Marktmanipulation und Verstoß gegen das Aktiengesetz. Funke soll die Probleme der Bank gekannt, Warnungen aber hinausgezögert und Anleger sogar aktiv getäuscht haben - möglicherweise in der Hoffnung, doch noch alles irgendwie hinzubekommen. Wird er verurteilt, drohen ihm bis zu zehn Jahre Haft, Schadensersatzansprüche und der Verlust seines Ruhegeldes, immerhin 560.000 Euro im Jahr.

Gerhard Bruckermann hingegen zieht es hinaus in die Welt: Er kümmert sich um die Orangen auf seiner Plantage in der spanischen Provinz Huelva und hat sich mit Familie von London in die Schweiz abgesetzt, aus steuerlichen Gründen, heißt es.

Seine Bankgeschäfte betreibt er dagegen inzwischen im ländlichen Kambodscha: Dort ist er Direktor der AMK-Bank, die Mikro-Kredite an Kleinbauern und Handwerker vergibt. Ganz nach dem Vorbild von Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus, allerdings ohne den lästigen Gemeinwohl-Aspekt: Die AMK-Bank nimmt nach eigenen Angaben zwischen 28 und 32 Prozent Zinsen und macht ordentlich Gewinn. "Nachhaltigkeit bedeutet im Bankgeschäft, dass man Gewinne macht", rechtfertigt sich Bruckermann. Verluste überlässt er lieber den Steuerzahlern.

Mitarbeit: Frank Donovitz, Cornelia Fuchs, Andreas Hoffmann, Jens König, Hans-Martin Tillack, Matthias Weber, Georg Wedemeyer

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