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Reale Gefahr oder Schreckgespenst?

Die Wirtschaft boomt, die Deutschen sind in ungeahnter Kauflaune - und die Preise ziehen spürbar an. Manche Experten warnen vor einer Inflation, andere wiegeln ab. Was ist dran am Schreckgespenst?

  Sieht sich noch nicht zum Handeln gezwungen: EZB-Chef Jean-Claude Trichet

Sieht sich noch nicht zum Handeln gezwungen: EZB-Chef Jean-Claude Trichet

Es ist die Horrorvorstellung eines jeden Sparers: Das mühsam aufgebaute Vermögen auf der Bank wird von Monat zu Monat weniger wert und schmilzt dahin wie Schnee in der Sonne. Gerade erst ist die größte Rezession der Nachkriegszeit überstanden, da geistert das nächste Gespenst durch die Welt: Inflation.

An düsteren Szenarien für die Zukunft mangelt es derzeit nicht: "Wir werden die Inflation vor allem über die höheren Rohstoffpreise importieren", sagte der Chef des Außenhandelsverbands BGA, Anton Börner, in der vergangenen Woche und warnte vor einem Anstieg der Inflation auf vier bis sechs Prozent in den kommenden Jahren. Selbst eine zweistellige Teuerungsrate hält er nicht für ausgeschlossen.

Als weiterer wichtiger Grund für eine steigende Inflationsgefahr gilt die große Menge an Geld, die die Notenbanken zur Krisenbewältigung in den Markt pumpen. Demgegenüber steht aber eine geringere Menge an Waren, sodass das Geld an Wert verliert. Billionen flossen, um die abstürzende Wirtschaft aufzufangen, und angesichts der Staatsschuldenkrise ist kein rasches Ende der lockeren Geldpolitik in Sicht.

Gefahr für den Konsum

Für die Verbraucher macht sich eine steigende Inflation unmittelbar im Geldbeutel bemerkbar: Ob Wohnen, Kosten für Sprit oder der Blick auf den Kassenzettel im Supermarkt - die Bürger müssen allenthalben tiefer in die Tasche greifen. Zwar stiegen die Verbraucherpreise im vergangenen Jahr gerade einmal um 1,1 Prozent und lagen damit unter der Marke von knapp zwei Prozent, die für die Währungshüter der Europäischen Zentralbank (EZB) Preisstabilität bedeutet. Doch die Teuerung zog gegen Ende des Jahres wieder an und lag schon bei 1,7 Prozent. In der Eurozone kletterte die Teuerung im Dezember erstmals seit mehr als zwei Jahren sogar auf 2,2 Prozent.

Ein Hochschnellen der Verbraucherpreise auf breiter Front sieht der Inflationsexperte Hans Wolfgang Brachinger jedoch nicht. Zweistellige Raten seien bei Lebensmitteln auch schon längst Realität. "Das gilt etwa für Salat und Gurken. Und diese Entwicklung werden wir auch weiter beobachten können", erläutert der Professor für Statistik an der Universität Fribourg in der Schweiz. "Wir müssen uns aber darauf einstellen, dass mit steigender Inflationsrate bei häufig gekauften Gütern die Konsumnachfrage zurückgehen wird", betont Brachinger.

Verbraucher noch in Kauflaune

Die aktuelle Stimmungslage ist aber eine ganz andere. Dank der anziehenden Konjunktur haben die Deutschen wieder mehr Lust zum Geldausgeben. Die GfK-Marktforscher ermittelten nach einer kleinen Verschnaufpause für Februar das beste Konsumklima seit Oktober 2007. Das Stimmungsbarometer kletterte auf 5,7 von revidiert 5,5 Punkten im Januar, wie das Nürnberger Unternehmen am Dienstag mitteilte. "Die Binnennachfrage, und hier insbesondere der Konsum, wird damit zu einem zunehmend wichtigeren Faktor der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung", sagte GfK-Experte Rolf Bürkl. Die Aussichten auf mehr Jobs und weniger Arbeitslosigkeit sorgen für gute Stimmung.

Aber es gibt laut Bürkl auch Risiken: die Schuldenkrise in Europa und eben eine mögliche verstärkte Inflation. Beides könnte hemmend auf die bislang so erfreuliche Konsumentwicklung wirken.

So prophezeit Inflationsfachmann Brachinger für die kommenden Monate vor allem Zurückhaltung bei größeren Anschaffungen. "Die Menschen werden sich ein Inflationspolster anlegen." Mit anderen Worten: Der moderne Flachbildfernseher bleibt vorerst im Geschäft, "dafür wird der gewohnte Lebensstandard in punkto Lebensmittel und Alltagsbedarf aufrechterhalten".

Gefühlte Inflation deutlich höher

Auch Ökonom Michael Frenkel, Rektor der WHU - Otto Beisheim School of Management in Vallendar, teilt Befürchtungen von zweistelligen Inflationsraten nicht: "So etwas halte ich für völlig übertrieben. Das wird es nicht geben." Dass das Gespenst der Inflation aber gerade in Deutschland immer wieder sein Unwesen treibt, liegt in der Geschichte begründet. Die Erfahrungen etwa in den Wirren der Weimarer Republik haben sich ins Gedächtnis eingebrannt. "Preisstabilität ist natürlich vernünftig, aber in anderen Ländern lacht man schon, wenn die Deutschen sich heute wegen vermeintlich hoher Inflationsraten von drei oder vier Prozent Sorgen machen."

Stabile Preise sind das Ziel der obersten Währungshüter. Die EZB in Frankfurt mit Jean-Claude Trichet an der Spitze warnt zwar derzeit gehäuft vor steigenden Preisen, sieht aber keine akute Inflationsgefahr im Euroraum. Zwar dürfte die Teuerung wegen der Rohstoffpreise in den kommenden Monaten weiter ansteigen, heißt es im jüngsten Monatsbericht. Doch gegen Jahresende sei wieder eine Abschwächung des Preisanstiegs zu erwarten.

Eine wichtige Rolle dürfte aus Sicht von Statistik-Professor Brachinger auch die "gefühlte Inflation" spielen. Mit diesem Konzept nimmt der Wissenschaftler bei der Berechnung der Teuerung die Sicht der Verbraucher in den Mittelpunkt. "Dabei werden Güter besonders stark gewichtet, wenn sie häufig gekauft werden und in der Lebenswirklichkeit der Verbraucher besonders oft vorkommen", erläutert Brachinger. Je größer die "gefühlte Inflation" ist, desto eher verschieben Konsumenten größere Anschaffungen. Das sieht auch Bürkl so: "Der wieder etwas stärkere Preisauftrieb ist vor allem auf die Energiekosten und einige Lebensmittel zurückzuführen. Das sind Artikel oder Güter, die relativ häufig gekauft werden, und allein deshalb bekommen dann sehr viele Verbraucher den Eindruck, alles würde teurer."

DPA/Reuters/joe/DPA/Reuters

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