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Die blühenden Finanzen des Vatikans

Über finanzielle Probleme kann die katholische Kirche in Italien nicht klagen - dank Steuerbefreiung, Spendenrekord und Kirchensteuer. Ums Geld kümmern sich Top-Manager. Doch auf Forderungen nach mehr Transparenz reagiert der Vatikan gereizt.

Von Luisa Brandl

Unter den Zinnen und Zacken der Dolomiten, oberhalb des mondänen Bergdorfes Cortina d'Ampezzo bewohnt der Orden der Ursulinen ein restauriertes, ehemaliges Hotel aus der Jahrhundertwende. Im Winter unterrichten die Nonnen Gymnasiasten in ihren Räumen, im Sommer bieten sie 57 Fremdenzimmer und fünf Appartments an. Die Übernachtung kostet schlappe 55 Euro. Die Ursulinen können niedrige Preise anbieten, denn sie verbinden Kommerzielles mit Religiösem und somit ist ihr Haus von der Grundsteuer befreit.

Die Katholische Kirche besitzt in Italien rund 10.000 Immobilien. Der Vatikan spart für seine Krankenhäuser, Schulen, Universitäten, Hotels und Altenheime jedes Jahr 400 Millionen Euro Grundsteuer. Es genügt etwa, dass ein Hotel eine Kapelle vorweisen kann, um die Steuer zu umgehen. Die Europäische Union hat die Steuerschlupflöcher mehrfach angeprangert, da dem Vatikan daraus ein Wettbewerbsvorteil entstehe. Erneut hat Brüssel die italienische Regierung zu mehr Transparenz aufgefordert. Es ist das erste Mal in der Geschichte Westeuropas, dass die EU-Kommission mit Nachdruck in die Beziehungen zwischen Italien und dem Heiligen Stuhl eingreift.

Der Vatikan reagiert empfindlich. Dreimal in zwei Tagen hat sich der Präsident der italienischen Bischofskonferenz, Angelo Bagnasco, zu Wort gemeldet und jedes Mal wurde sein Ton schärfer. Bagnasco warf Brüssel "Antiklerikalismus" vor und verlangte, Italien solle gefälligst dankbar sein für das soziale Engagement der Kirche. Es geht jedoch weniger um Werte als ums Geld. Wenn es tatsächlich zu einer Verurteilung käme, müsste der Vatikan mit Steuerrückzahlungen in Höhe von einer Milliarde Euro rechnen. Das wäre ein hässlicher Fleck auf den glänzenden Bilanzen des Heiligen Stuhls.

Top-Manager verwalten Vatikan-Gelder

Die Katholische Kirche prosperiert unter Benedikt XVI. Es ist auch das persönliche Verdienst des deutschen Papstes. Joseph Ratzinger ist sein Image als eiskalter Theoretiker losgeworden und erreicht die Massen. Bei der Mittwochsaudienz und beim Sonntagsgebet ist der Petersplatz randvoll. Auf dem Jugendtag in Loreto skandierten 500.000 junge Gläubige "Be-ne-detto, Be-ne-detto". Die Beliebtheit des Bayern zahlt sich aus. Die Spenden sind im Vorjahr um mehr als die Hälfte auf 74,7 Millionen Euro gestiegen, wie das Magazin L'Espresso berichtete. 86 Millionen Euro (ein Plus von 16,3 Prozent) haben die Bischofskonferenzen 2006 nach Rom überwiesen, vorneweg die US-Amerikaner und Deutschen.

Der Vatikan verwaltet seine Güter akkurat. Laut L'Espresso sitzen in der Vermögensverwaltung Top-Manager, abgeworben von den großen Banken wie Merrill Lynch und Goldmann Sachs. Mit Immobiliengeschäften, so das Magazin, erzielte der Heilige Stuhl im vorigen Jahr 32,3 Millionen Euro Gewinn, vor allem aus Mieteinnahmen und einigen Verkäufen. Der Boom der Vatikanischen Museen und der Personalabbau von 1500 Stellen im Vatikanstaat spülte 22 Millionen Euro in die Kassen. Über das Vermögen der Vatikan-Bank IOR (Istituto delle Opere Religiose) gibt es hingegen nur Schätzungen. L'Espresso zufolge beträgt es rund sechs Milliarden Euro und hat auch in diesem Jahr eine zweistellige Millionenrendite erwirtschaftet, die der Vorstand direkt dem Papst überweist. Mit dem Ertrag und den Spenden werden die Missionen in aller Welt und die ärmeren Diözesen finanziert.

Segensreiche Kirchensteuer

Die Haupteinnahmequelle des Heiligen Stuhls ist jedoch die Kirchensteuer. Sie beträgt zwar nur 0,8 Prozent der Steuerschuld der Italiener, aber die Einnahmen liegen weitaus höher. Jeder italienische Steuerzahler kann durch ein Kreuz auf seinem Steuerformular bestimmen, wer den Obolus erhalten soll: die Katholische Kirche, eine andere Konfession oder der Staat zur Förderung der Kultur und Wissenschaft. Wer jedoch kein Kreuz macht, finanziert die Kirche dennoch mit. Denn die enthaltenen Stimmen werden auf die sieben anerkannten Religionsgemeinschaften, je nach ihrem Gewicht, verteilt.

Die Katholiken sind in der Überzahl und bekommen den größten Zuschlag. 40 Prozent der Steuerzahler kreuzen bei der Katholischen Kirche an. Nach der Verteilung der Stimmenthaltungen sind es aber fast 90 Prozent. So hat der italienische Staat dem Vatikan im vorigen Jahr 991 Millionen Euro überwiesen. Gut für die Kirchenfürsten: die Kirchensteuer wurde im Konkordat von 1984 festgelegt, eine Änderung würde eines bilateralen Abkommens zwischen Italien und dem Heiligen Stuhl bedürfen.

Das Geschäft mit den Pilgerreisen

Aber auch beim Geschäft mit den Pilgerreisen liegt der Vatikan vorn, denn der religiöse Tourismus boomt wie selten zuvor. Priester und Nonnen bieten in Italien 250.000 Betten an. 40 Millionen Gäste jährlich sorgen für fünf Milliarden Euro Umsatz. Erst kürzlich stieg der Vatikan in das Geschäft mit den Charterflügen ein. Die neue Fluglinie soll Wallfahrtsorte in aller Welt ansteuern. Die Maschinen vom Typ Boeing 737 sind in den Landesfarben gelb-weiß gehalten und mit dem Vatikanwappen verziert. Die Stewardessen in gelb-weißen Halstüchern bieten statt Parfum aus dem Duty-Free-Shop den Pilgern religiöse Andenken an. Die Kopfstützen sind geschmückt mit dem Schriftzug "Ich suche Dein Antlitz, Herr". Laut Ankündigung sollen im nächsten Jahr 150.000 Pilger zu himmlischen Flügen abheben.

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