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Der Euro macht die Deutschen arm

Der Euro sollte Wohlstand schaffen. Tatsächlich schadet er Deutschland und treibt Europa auseinander. Nur mit einer abgestimmten Hilfsaktion von Politik und Zentralbank lässt sich eine Katastrophe verhindern.

Von Lorenz Wolf-Doettinchem

Der Euro sollte Europa in ein goldenes Zeitalter führen: Wachstum, Arbeitsplätze, Wohlstand. Sieben Jahre nach der Entscheidung über den Abschied von der D-Mark zeigt sich: Die Versprechen von Kanzler Helmut Kohl (CDU) und den vielen Euro-Werbern haben sich nicht erfüllt. Im Gegenteil: Die Währungsunion schadet Deutschland und treibt Europa auseinander. Die ökonomischen Unterschiede nehmen zu: Während Irland boomt, schlittert Italien in die Rezession. Während in Spanien die Preise galoppieren, steht Deutschland am Rande der Deflation. Ein europäischer Einheitszins hat immer die falsche Höhe - entweder ist er für die einen zu hoch oder für die anderen zu niedrig.

Die Zentralbank spielt die Probleme herunter

Die Europäische Zentralbank spielt die Probleme herunter. Die Unterschiede im Euro-Land seien nicht größer als in den USA. Das Argument sticht aber nicht. Die Vereinigten Staaten haben eine gemeinsame Sprache, mobile Bürger und einen flexiblen Arbeitsmarkt. Europa dagegen hat zwar eine gemeinsame Währung, aber noch nicht mal eine abgestimmte Wirtschaftspolitik, geschweige denn einen europäischen Arbeitsmarkt. Der Anpassungsdruck lastet voll auf den nationalen Löhnen und Sozialsystemen.

Der Euro mag gut für die deutschen Unternehmen und Banken sein, für die Arbeitnehmer in Deutschland ist er es nicht. Die gemeinsame Währung hat den Standortwettbewerb verschärft - zu Lasten von Deutschland. Verzweifelt kämpfen die deutschen Belegschaften durch Lohnzurückhaltung um die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Betriebe. Der Euro macht die Deutschen arm - nicht auf dem Sparbuch, wie immer befürchtet, sondern bei den Jobs.

Die Deutsche werden Opfer ihres Stabilitätswahns

Auf gewisse Weise werden die Deutschen Opfer ihres eigenen Stabilitätswahns. Das Modell der Bundesbank wurde nach Europa exportiert und sogar noch verschärft. Die geldpolitischen Erfolge in den USA oder Großbitannien wurden ausgeblendet. US-Notenbankchef Alan Greenspan hat mit dort mit jahrelangen Niedrigzinsen wesentlich zum Boom beigetragen.

Das Gefährlichste für den Euro wäre es, einfach so weiter zu machen wie bisher. Dann ist trotz aller Dementis ein Auseinderbrechen der Währungsunion wahrscheinlich. Das müsste nicht unbedingt eine Rückkehr zur Mark bedeuten, aber einzelne Länder wie Italien, Portugal oder Griechenland könnten abgesprengt werden.

Die Einführung der Währung war ein Erdbeben

Alle Akteure müssen endlich begreifen, dass die Einführung des Euro für Europa ein ökonomisches Erdbeben war. Nur mit einer abgestimmten Hilfsaktion lässt sich eine Katastrophe verhindern: Die Europäische Zentralbank sollte endlich die Zinsen senken, wie es die Experten von OECD und Internationalem Währungsfonds fordern. Boomländer wie Irland oder Spanien müssen durch Steuererhöhungen oder Sparprogramme die Inflation dämpfen. Und Deutschland sollte nicht länger auf Wachstum ausschließlich beim Export setzen. Auch die Kräfte der Binnenwirtschaft müssen gestärkt werden: durch eine verläßiche Wirtschaftspolitik, durch mehr Investitionen (privat und öffentlich) und durch ein Ende der allgemeinen Lohnsenkung.

Sparen ist der falsche Weg für Deutschland

Wer glaubt, Deutschland könne sich gesundsparen, liegt falsch. Neue Studien zeigen, dass eine zu lange Hungerkur die Leistungsfähigkeit vermindert. Im Ökonomen-Jargon heißt das, dass sich so das "Wachstumspotenzial" verringert. Wenn aber die größte Volkswirtschaft Europas dauerhaft herumkrebsen würde, wäre das ein Problem für den ganzen Kontintent. Die Bürger, die heute "Non" oder "Nee" zur EU-Verfassung sagen oder am liebsten wieder ihre alten Währung zurückhaben wollen, werden sich erst dann wieder für Europa begeistern, wenn es aufwärts geht. Europa braucht Wachstum, kein "Weiter so".

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