Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Hilfe, meine Bank leiht mir kein Geld mehr

Unternehmer klagen, Verbände mahnen, Politiker warnen. Mitten in der Wirtschaftskrise knausern die deutschen Finanzinstitute mit Darlehen. Dabei ist es zwingend nötig, dass wieder mehr Geld verfügbar ist, um die Wirtschaft in Gang zu bringen. Droht eine Kreditklemme in Deutschland?

Von M. Arnsperger, A. Hoffmann und J. Reuter

Roland Rademacher ist ein jovialer Typ mit ansteckender Fröhlichkeit. 1992 hat sich der Rheinländer in Gosheim auf der Schwäbischen Alb selbstständig gemacht. "Rademacher Präzisionsschleifen" heißt sein Unternehmen, das Röhren, Wellen und Stangen um Bruchteile von Millimetern abschleift, die später in Motoren und Getrieben ihren Dienst tun. Präzisionsarbeit, die sich gelohnt hat. "Es ging immer nur bergauf", sagt Rademacher. "Ich hatte nie ein Problem, Geld für neue Maschinen zu bekommen, ein Anruf bei der Bank genügte."

Seit Dezember ist Schluss mit der Großzügigkeit - und Rademacher stinksauer. Im "Mercedes- Dorf", wie Gosheim wegen seiner Zulieferindustrie genannt wird, schlug die Krise im Automobilbau zu. In den ersten drei Monaten dieses Jahres halbierte sich der Umsatz von Rademachers Firma. Ein Ausweg wäre der Ausbau der Medizintechnik gewesen, doch dafür gab es nicht genug Geld. Immerhin lasten noch eine Million Euro Schulden auf der Firma. "In der Bank hieß es: Freundchen, deine Lohnkosten müssen runter", sagt der 56-Jährige, der 4 seiner 14 Mitarbeiter entlassen musste. Das Kreditinstitut selbst will zu Einzelfällen nichts sagen und beruft sich auf das Bankgeheimnis. Für Rademacher ist die einzige Möglichkeit, die Krise durchzustehen, jetzt die Überziehung des Girokontos. Dafür zahlt der Unternehmer bis zu 17,5 Prozent Zinsen. "Ich muss mir neue Kunden suchen, doch die Bank lässt mich hängen."

Es klemmt an allen Ecken und Enden im Land. Der Schmierstoff Geld, mit dem die Banken die Wirtschaft in Schwung halten, ist offenbar knapp und teuer geworden. Vor allem der Mittelstand klagt. So meldet der Zentralverband Elektrotechnik und Elektronikindustrie, dass sich der Anteil der Firmen, die eine Kreditklemme spüren, von März bis Juni auf 57 Prozent mehr als verzehnfacht hat. Kreditklemme bedeutet: Die Banken stellen kein Geld mehr für Investitionen zur Verfügung - sei es, weil sie nicht wollen oder weil sie nicht können. Die Vorstufe ist die Kreditverknappung: Es gibt zwar noch Geld, aber zu schlechteren Bedingungen. Darunter leiden derzeit die Großunternehmen: 36 Prozent beschweren sich über restriktivere Konditionen, Anfang des Jahres waren es lediglich 26 Prozent.

Vorwürfe aus der Politik

Nicht nur in der Wirtschaft wächst die Wut - auch die Politik nimmt die Finanzbranche ins Visier. "Die zahlen ein Prozent Sparzinsen, nehmen zehn Prozent Dispo-Zinsen und bieten den Unternehmen Betriebsmittelkredite von 12 oder sogar 18 Prozent an - in der Hoffnung, dass die Betriebe dankend abwinken", wettert SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier. Der Wahlkämpfer fordert eine Gegenleistung für die Milliardenhilfen des Staates: "Jetzt sind die Banken dran, etwas für Deutschland zu tun."

Die aber meinen, sie täten schon genug. "Wir haben bis heute keine Kreditklemme", sagt Manfred Weber, Geschäftsführender Vorstand des Bundesverbandes deutscher Banken, und verweist auf die Zahlen der Deutschen Bundesbank. Diese zeigen: Das Kreditvolumen nimmt immer noch zu - allerdings deutlich weniger als im vergangenen Jahr. "Das überrascht nicht", sagt Olaf Meuser, Experte für Firmenkredite bei der Deutschen Bank. "In der Wirtschaftskrise ist die Investitionsneigung geringer, und die Firmen fragen weniger Kredite nach." Heiner Kamps, Gründer der gleichnamigen Bäckereikette, regt sich über die Sprüche der Banker auf. Er arbeitet heute als Finanzinvestor und sieht bei jungen und mittelständischen Unternehmen massive Probleme: "Wer behauptet, es gebe keine Kreditklemme, dem entgegne ich: Das ist gelogen!"

Was stimmt denn nun? "Wir haben Probleme in Teilbereichen", räumt Bankensprecher Weber immerhin ein. Vor allem in der Autobranche und im Maschinenbau hakt es offenbar. Wie die Probleme aussehen, erfährt Otto Bernhardt jeden Tag, wenn er in seinem Wahlkreis im schleswig-holsteinischen Rendsburg unterwegs ist. Der CDU-Abgeordnete, ein ausgebildeter Bankkaufmann, saß im Vorstand diverser Banken. Regelmäßig berichten ihm Firmenchefs, wie zaghaft die Kreditinstitute werden. Sie wollen mehr Sicherheiten, mehr Eigenbeteiligung der Firma, sie verlangen höhere Zinsen und lassen sich viel Zeit, die Unterlagen zu prüfen. "Wenn ich zehn Unternehmer treffe, sagen mir drei, dass die Banken die Zügel anziehen", sagt Bernhardt.

Ängstliche Banken

Fehlende Sicherheiten - das ist auch das Hauptproblem von Roland Rademacher. "Vor einem Jahr war mein Firmengebäude noch 1,2 Millionen Euro wert", sagt er. "Inzwischen hat sich der Wert nach Ansicht der Bank halbiert." Sicherheiten spielen im Kreditgeschäft eine große Rolle. Auf sie kann die Bank zurückgreifen, wenn der Kreditnehmer seine Raten nicht mehr zahlen kann. Bei Unternehmern sind es Gebäude und Maschinen, bei Privatpersonen die eigene Wohnung oder die Lebensversicherung.

Daran hakt es auch bei Hartmut Valentin, dessen Firma CVA Werbung und Marketing im niedersächsischen Isernhagen seit 1988 mit Werbeartikeln handelt. Er brauchte von seiner Hausbank 30.000 Euro, um für die wachsende Zahl seiner Auftraggeber in Vorkasse gehen zu können. "Jetzt hat die Bank mein Wohnhaus abgewertet und akzeptiert es nicht mehr als Sicherheit für die Kreditsumme", sagt der 58-Jährige.

Dass die Banken immer vorsichtiger werden, hat einen Grund: Deutschland befindet sich in der schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit. Der Internationale Währungsfonds rechnet für dieses Jahr mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung von 6,2 Prozent, und auch 2010 soll es noch nicht aufwärts gehen. Selbst wenn sich die Lage zuletzt etwas aufgehellt hat, fehlen den Firmen noch viele Aufträge im Vergleich zu früheren Zeiten. Das heißt aber auch: Es fällt ihnen schwer, die Darlehen abzustottern - was wiederum die Banken weiter schwächt. Denn in ihren Tresoren fault es bereits kräftig. Dort lagern Immobilienkredite und allerlei sonstige Wertpapiere, die eines gemeinsam haben: Sie verlieren rapide an Wert. US-Banken haben sie verpackt und weltweit verkauft - auch nach Deutschland. In einem Positionspapier spricht der staatliche Bankenrettungsfonds Soffin von einem "dramatischen Handlungsbedarf". Er fürchtet sogar, dass bei den Banken die "ausreichende Kapitalisierung gefährdet" sein könnte.

Kreditrisiko und Bonität

Nun müssen die sowieso geschwächten Banken infolge der Krise zusätzlich Kredite abschreiben. Und da kommt einiges auf sie zu. Im ersten Quartal rutschten laut Statistischem Bundesamt zehn Prozent mehr Firmen in die Pleite als im Vorjahr. In den nächsten Monaten könnte nach Ansicht von Experten die Zahl der Pleiten um 20 Prozent steigen und die Marke von 35.000 erreichen. Bei jeder Insolvenz muss eine Bank um ihre Kredite bangen und weiß nicht, wie viel sie am Ende davon wiedersieht.

Dennoch stößt das Gebaren der Banken auf großes Unverständnis bei Unternehmern, insbesondere das der Institute, die staatlich gestützt werden. Das größte, an dem sich der Staat beteiligt hat, ist die Commerzbank. Und da zeigt sich das Dilemma besonders augenfällig: Um ihre Bilanz in Ordnung zu bringen, darf sie das Kreditrisiko nicht ausweiten, sondern muss es verringern. Die Nöte der Banken werden durch Finanzrichtlinien der Europäischen Union verschärft. Sie zwingen sie, bei der Kreditvergabe die Bonität ihres Schuldners - also seine Zahlungsfähigkeit - zu berücksichtigen.

Für einen guten Schuldner muss das Kreditinstitut wenig eigenes Kapital bereithalten, für einen schlechten viel. Da im Zuge der Krise die Bonität vieler Firmen sinkt, benötigen die Banken für die bereits laufenden Kredite zusätzliches Eigenkapital, um die Vorgaben zu erfüllen. Das fällt schwer, wenn man unter faulen Wertpapieren leidet. Deshalb werden auch viele auslaufende Kredite nicht mehr verlängert. So würgt das Regelwerk ausgerechnet in der Krise den Kreditmotor ab.

Drohgebärden der Regierung

"Wir müssen enorm aufpassen, dass uns keine dauerhafte Rezession wie in Japan blüht", sagt der SPD-Haushaltspolitiker Carsten Schneider. Eine verhängnisvolle Perspektive, taumelte Japan doch fast während der gesamten 90er Jahre durch eine Krise. Die düsteren Aussichten - und wohl auch der aufziehende Wahlkampf - lassen die Tonlage der Politik schriller werden. So droht Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) den Banken mit Maßnahmen, "die es noch nie gegeben hat", sollten sie den Firmen nicht ausreichend Darlehen gewähren.

Mit starken Worten versuchen die Politiker auch, von eigenen Fehlern bei der Bankenrettung abzulenken und ihre Schwäche zu überdecken: Eine Regierung kann gegen eine Kreditklemme wenig tun. Denn die Europäische Zentralbank EZB vermag kaum, die Aufgabe der 2200 Banken in Deutschland zu übernehmen und selbst Kredite auszuteilen. Und sie will es auch nicht, wie EZB-Präsident Jean-Claude Trichet beteuert.

Zwangsmaßnahmen halten Experten sowieso für falsch. "Das ist keine gute Idee", sagt der Wirtschaftsweise Peter Bofinger. "Im Moment versucht die Politik, die Banken von schlechten Krediten zu befreien, da darf man ihnen nicht neue schlechte Kredite hineinschieben." Und Christoph Schalast von der Frankfurt School of Finance warnt: "Wenn man die Banken jetzt zwingt, wahllos Kredite zu vergeben, türmt sich in ein paar Jahren wieder eine Welle fauler Kredite auf, die uns die nächste Finanzkrise bringt."

Begrenzte Möglichkeiten

Am Ende bleibt der Politik nur die Hoffnung. Zum Beispiel darauf, dass ihr Bad-Bank-Gesetz funktioniert. In einer solchen Auffangbank sollen die Kreditinstitute ihre problematischen Wertpapiere abladen dürfen, um unbelastet wieder im eigentlichen Geschäft, der Kreditvergabe, tätig zu werden. Doch ob das funktioniert, ist völlig offen.

Bleibt noch ein kleiner Hebel, den die Politik nutzen kann: die staatseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Sie schickt seit Wochen Beratungsbusse quer durch die Republik, um - so der offizielle Titel - die "Konjunktur auf Tour" zu bringen.

Stuttgart, Fußgängerzone am vergangenen Mittwoch. KfW-Mitarbeiterin Eske Ennen informiert über die Fördermöglichkeiten im Rahmen der Konjunkturpakete. Allein für Unternehmer und Freiberufler hat die Bundesregierung 40 Milliarden Euro reserviert.

Hoffnung in der Not

Auf eine Geldspritze hofft Ingrid Brandt, die mit Vater und Bruder seit 1992 das Opel-Autohaus Fürst im schwäbischen Ditzingen führt. Sie braucht einen Betriebsmittelkredit von 80.000 Euro, um Vorführwagen und neue Ausrüstungen für die Werkstatt zu kaufen. Das örtliche Finanzinstitut lehnte ab. "Dabei ist unsere Unternehmerfamilie seit 50 Jahren treuer Kunde und hat noch nie eine Pleite hingelegt", sagt die Unternehmerin. Am meisten ärgert sie, dass ihre Hausbank immer wieder abgewiegelt hat, als sie und ihr Vater nach der Möglichkeit eines KfW-Kredits fragten. "Da bekommen Sie sowieso nichts, es gibt kein geeignetes Programm, hieß es."

Deshalb ist sie nach Stuttgart gefahren. Im blauen KfW-Bus gibt es zwar auch kein Geld, aber einen Termin bei der L-Bank, dem Landesförderungsinstitut, bei dem man Ingrid Brandt beraten will. Immerhin ein Hoffnungsschimmer in Zeiten der Unsicherheit. Mutlosigkeit ist das Letzte, was Unternehmer brauchen. Wirtschaftsminister Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg sagt: "Die Furcht vor einer Kreditklemme greift schneller um sich als die tatsächliche Kreditklemme."

print
täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools