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Tatort Börse

Über Jahre hat sich eine Clique von Finanzjongleuren mit windigen Geschäften gegenseitig Millionen zugeschachert. Nun ist das System aufgeflogen. Der Vorwurf: Kursmanipulation bei Aktien. Die Beteiligten: Unternehmer, Journalisten, Aktienhändler, Aktionärsschützer.

Von Renate Daum und Christian Kirchner, Frankfurt

Es ist zehn Uhr morgens, als die Ermittler zuschlagen. Etwa 160 Polizisten, zwölf Staatsanwälte und sieben Beamte der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) stürmen am vergangenen Dienstag 48 Büros und Wohnungen unter anderem in München, Hamburg, Berlin und Kitzbühel, darunter die Räume der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) und der VEM Aktienbank. 31 Beschuldigte sollen die Aktienkurse von mindestens 20 Unternehmen manipuliert und so illegal viele Millionen Euro verdient haben. Bei drei Verdächtigen sind die Anschuldigungen so schwerwiegend, dass sie in Untersuchungshaft genommen wurden.

Die Razzia war der bislang größte Vorstoß gegen organisierte Kursmanipulation in Deutschland. Es geht um ein mutmaßlich kriminelles Netzwerk bei Börsengeschäften. Eine Bande von Männern, die sich untereinander mit Insiderinformationen versorgt haben sollen. Und mit künstlich herbeigeführten Kursbewegungen bei Aktiengesellschaften wie Wirecard, Nascacell, Thielert und Conergy jede Menge Geld kassiert haben sollen. Es geht ein Beben durch die Szene. Die Geschichte des Kartells scheint alle Zutaten zu haben, die ein ordentlicher Wirtschaftskrimi braucht: Manipulation, Doppelmoral, Rotlichtmilieu. Mittendrin Unternehmer, Aktienhändler, Finanzjournalisten, Herausgeber von Börsenbriefen - und Anlegerschützer. Ausgerechnet die Leute, die einst angetreten waren, um Anleger vor diesen kriminellen Machenschaften zu schützen.

Gezielte Veröffentlichungen

Schon seit zwei Jahren ermitteln die Behörden im Zusammenhang mit Kursmanipulation bei Aktien. Nun hatten sie offenbar genug beisammen, um im großen Stil losschlagen zu können. Die Untersuchungen werden lange andauern. Vor allem bei denen, die mit dem Pushen und Bashen von Nebenwerten zu tun haben, geht nun die Angst um. Denn es könnte nur der Auftakt eines großen Reinemachens sein.

Bei den drei Inhaftierten handelt es sich nach Informationen der "Financial Times Deutschland" um Markus Straub, den früheren Vorstand der SdK, Tobias Bosler, ebenfalls ehemaliger Funktionär der Schutzgemeinschaft und heutiger Vermögensverwalter, und den Verfasser eines Börsenbriefs. Von den Durchsuchungen sind auch etliche Journalisten betroffen. Sie sollen durch gezielte Veröffentlichungen die Aktienkurse herauf- oder heruntergeschrieben haben.

Das System ist einfach und effektiv. Es gibt zwei Wege, eine Kursmanipulation herbeizuführen und daran zu verdienen. Beim "Scalping" wird ein Kurs gezielt durch fingierte oder ausschließlich positive Nachrichten nach oben getrieben, um von diesen Kurssprüngen zu profitieren. Oder die Aktien werden durch gezielt negative Nachrichten zum Absturz gebracht, um auch davon mit entsprechenden Aktienoptionen zu profitieren. Funktioniert das Empfehlungskarussell, ist das Potenzial enorm. Selbst mit kleinen Aktiengesellschaften sind so Millionengewinne möglich. Solche Marktmanipulationen sind genauso wie Insiderhandel nur schwer nachweisbar, können aber mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden. In der aktuellen Affäre geht es offenbar um beide Arten der Manipulation.

"Das Management weiß, auf welchem Schatz es sitzt"

Ausgerechnet Straub und ein weiteres SdK-Mitglied spielen eine wichtige Rolle in einem besonders eindrucksvollen Beispiel - dem Fall Nascacell Technologies. Beide gaben dem kleinen Münchner Unternehmen 2000 Risikokapital. Einer übernahm zeitweise den Aufsichtsratsvorsitz. Ende 2006 wurde die auf kleine Biomoleküle spezialisierte Firma in den unregulierten Markt der Frankfurter Börse einbezogen - ohne offiziellen Prospekt. Auffällig war, dass rund um diesen Termin eine Reihe geradezu euphorischer Kaufempfehlungen erschienen. Ein bundesweites Anlegermagazin jubelte: "Das Management weiß, auf welchem Schatz es sitzt." Es sei nun "die einmalige Chance, zu Schnäppchenpreisen an die Aktien zu kommen". Ebenso trommelten die beiden Börsenbriefe "International Stock Picker" und "Small Cap Scout" aus Zürich.

Das Handelsvolumen war damals erstaunlich hoch, doch die meisten Aktionäre hatten wenig Freude an dem Wert. Als im November 2006 endlich doch noch der Wertpapierprospekt erschien, wurde klar, dass etliche relevante Informationen nicht in den Berichten über die Aktie standen. Der Aktienkurs stürzte von 8 Euro am Tag der Erstnotiz auf zuletzt weniger als 1 Cent. Die BaFin erstattete wegen des Verdachts auf Kursmanipulation Anzeige bei der Staatsanwaltschaft in München. Wer wie stark vom Börsengang profitierte, blieb bisher unklar. Die SdK selbst hat sich zu der Aktie nie öffentlich geäußert. Die Wohnungen des Mitarbeiters des Anlegermagazins und des Mitarbeiters der Börsenbriefe wurden vergangene Woche jedenfalls ebenfalls durchsucht.

Wie wenig Unrechtsbewusstsein bei Straub vorhanden war, zeigte sich beispielsweise bei einem Auftritt 2006. Als Vorstand der SdK wetterte er auf den Anlegerschutztagen in Berlin gegen die Maßlosigkeit der Banken, die komplexe Zertifikate auf den Markt werfen. Kein Privatanleger durchblicke, wie ihn die Institute über den Tisch zögen, schimpfte er und nahm dabei wie gewohnt kein Blatt vor den Mund.

Ein anderes Problemfeld, das für Anleger mindestens genauso viele Gefahren birgt, klammerte er dafür weitgehend aus. Schon damals schwappte eine Welle windiger Aktienempfehlungen durchs Land. Börsendienste lockten unerfahrene Anleger in obskure Aktien, die nach einem kurzen, heftigen Aufschwung genauso heftig abstürzten. Besonders gut eignen sich dafür Papiere von Firmen, über die wenig bekannt ist. In einem Interview sagte Straub: "Man muss darauf achten, wie man zu einem Tipp gelangt ist. Dazu sollte man die Qualität der Quelle recherchieren, aus der man die Informationen erhalten hat. Nur wenn diese seriös ist, kann man die Aktie kaufen."

Boxer aus dem Rotlichtmillieu

Ihren Höhepunkt erreichte die Doppelmoral dann zwei Jahre später. Wer von fallenden Kursen profitieren will, muss darauf hoffen, dass sich möglichst viele Aktionäre in einem gewissen Zeitfenster davon überzeugen lassen, dass sie angesichts der negativen Nachrichten besser verkaufen. Die SdK kritisierte den Flugzeugmotorenhersteller Thielert hart. Auf der Hauptversammlung des Bezahldienstleisters Wirecard geißelte SdK-Chef Klaus Schneider die Bilanzierungspraxis des Unternehmens. Der Kurs stürzte von zwischenzeitlich mehr als 14 Euro auf 4,38 Euro ab, dabei wurde ein dreistelliger Millionenbetrag an Börsenkapital vernichtet.

Es ist die originäre Aufgabe eines Aktienschützervereins, auf Unstimmigkeiten hinzuweisen. Brisant sind in diesem Fall nur die Informationen, die Wirecard nach dem Kurssturz ausgegraben hat. Straub und Bosler haben als Privatpersonen im großen Stil auf fallende Kurse gesetzt. Das Unternehmen erstattete Anzeige bei der BaFin und der Staatsanwaltschaft. Straub ließ sich nicht beirren. Selbst als ihm das Unternehmen einen Anwalt mit zwei Boxern aus dem Rotlichtmilieu vorbeischickte, blieb er stur. Erst das öffentliche Entsetzen brachte ihn zum Rücktritt. Reue zeigt er nicht. In seiner Rücktrittsmail kündigte er an, er werde "im nächsten Jahr Ski fahren gehen, auf einer Hütte ein paar Bier trinken und dann wahrscheinlich irgendwo in den Schnee pissen". Prophetisch kündigte er an, "dass mein Name gelegentlich wieder in der Presse auftauchen wird".

Nur ein Mitläufer

Straub ist trotzdem nur ein Mitläufer, sagen Leute, die ihn gut kennen, einer der irgendwie mit hineingeraten ist. Strippenzieher bei allen großen Deals war immer Tobias Bosler. So unterhielt er beispielsweise einen SMS-Zirkel. Dessen Mitglieder erhielten Nachrichten mit Tipps, wo man investieren oder gegen was man wetten sollte. Klar war allerdings nie, wer zu welchem Zeitpunkt die SMS bekommt, was entscheidend für die Gewinnsumme war. So war Bosler stets von einer Schar Männer umgeben, die versuchten, in seiner Gunst zu steigen.

Gelegenheiten gab es dafür genug. Regelmäßig lud der Vermögensverwalter die Clique zu großen Partys auf seine Jacht vor Mallorca. Oder er traf sich mit einem auserwählten Zirkel in der Münchner Allianz-Arena. Dort hatte die VEM Aktienbank einen Tisch gebucht, in der fensterlosen Sponsorenlounge waren die Herren ganz unter sich.

Bisher hielt sich die abschreckende Wirkung der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen in Grenzen. Das zeigte sich im Frühjahr dieses Jahres. Der umstrittene Informationsdienst Goldman, Morgenstern & Partners (Gomopa) veröffentlichte eine Falschmeldung über Wirecard. Wieder stürzte der Kurs ab. Am vergangenen Dienstag wurden auch die Geschäftsräume von Gomopa untersucht. Der Chef Klaus Maurischat geht davon aus, "dass das Verfahren gegen uns eingestellt wird". Immerhin einer versucht sich an einer Art Aufklärung. Der Mitarbeiter des Anlegermagazins hat gerade ein Buch veröffentlicht. Es geht darin um Komplotte im Kapitalismus - und Manipulationen.

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