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Wenn der Finanzberater zweimal klingelt

Die Lebensversicherer haben zunehmend Probleme mit den Garantiezinsen. Verbraucherschützer warnen die Kunden, sich jetzt nicht austricksen zu lassen. Von Daniel Bakir

Die Deutschen und ihre Lebensversicherer - das war lange Zeit eine innige Beziehung, in der sich beide Seiten durchaus wohl fühlten. Die Kunden freuten sich über langfristige Zinsversprechen, die Versicherer schnitten sich ein ordentliches Stück von den enormen Sparsummen ab. 1990 zahlten die Deutschen noch rund 27 Milliarden Euro in Lebensversicherungen ein, 2010 waren es erstmals mehr als 90 Milliarden. Eine Erfolgsgeschichte, könnte man meinen.

Die gegenseitige Liebe ist in den vergangenen Jahren allerdings deutlich erkaltet. Wegen der niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt sank der garantierte Mindestzins von einst vier Prozent auf nur noch 1,75 Prozent. Und selbst diese Rendite können die Lebensversicherer derzeit kaum erwirtschaften. Denn einen Großteil der Kundengelder müssen sie in besonders sichere Anlagen wie Bundesanleihen investieren - und die werfen derzeit weniger als 1,5 Prozent ab.

Die Branche sucht nach einem Ausweg

Nun überlegt die Branche fieberhaft, wie sie aus dieser Falle entkommen kann. Medienberichten zufolge wird diskutiert, den gesetzlichen Garantiezins weiter abzusenken oder sogar zeitweise auszusetzen. Finanzministerium und Finanzaufsicht Bafin könnten mit solchen Maßnahmen eine drohende Schieflage einzelner Institute abwenden. Das "Handelsblatt" zitiert aus einem internen Protokoll des Ministeriums, es könne nicht ausgeschlossen werden, "dass einzelne Unternehmen künftig in Schwierigkeiten geraten können". Für ein Fünftel der Versicherer könnte es ab 2018 eng werden, wenn sich an der Situation nichts ändere.

Der Branchenverband GDV betonte, es handele sich um "rein hypothetische Betrachtungen". Die Ratingagentur "Fitch" habe den Ausblick für die Versicherungswirtschaft mit "stabil" bewertet. Zudem könne man nicht bestätigen, dass einzelne Unternehmen eine vorübergehende Aussetzung der garantierten Zinszahlungen beantragen wollten. Doch das Misstrauen der Kunden wächst. Denn in ihrer Verzweiflung scheinen einige Versicherer auch vor anderen Methoden nicht zurückzuschrecken.

Verbraucherschützer prangern "Umdeckungen" an

Verbraucherschützer beklagen, dass es in letzter Zeit zunehmend zu unsauberen Aktionen im Vertrieb kommt. "Wir stellen fest, dass Kunden verstärkt angetragen wird, von alten hochverzinsten in neue niedrigverzinste Verträge zu wechseln", sagt Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten stern.de. Die Anbieter lockten mit vermeintlich besseren Leistungen, tatsächlich sei die sogenannte Umdeckung aber fast immer zum Schaden des Kunden.

Die Ergo-Versicherung musste kürzlich einräumen, dass fast 5000 Kunden der Sparten Victoria und Hamburg-Mannheimer dazu verleitet wurden, ihre hochverzinsten Lebensversicherungen in niedriger verzinste Unfallpolicen umzutauschen. Die Vertreter wurden nach Recherchen des "Handelsblatts" dafür mit der doppelten Provision belohnt. Schließlich sparten sie ihrem Arbeitgeber viele Millionen an Zinszahlungen.

Verbraucherschützer Kleinlein empfiehlt daher: "Auf keinen Fall blindlings einen neuen Vertrag unterschreiben, sondern unabhängigen Rat einholen." Den gibt es zum Beispiel bei den Verbraucherzentralen, wo das Problem "Umdeckung" ebenfalls bekannt ist. "Da werden die Kunden dann zum zweiten Mal abgezockt", sagt Edda Castello von der Verbraucherzentrale Hamburg stern.de. Sie hält schon den ersten Abschluss einer Kapitallebensversicherung in den meisten Fällen für eine schlechte Wahl. Das sehen bei den derzeitigen Konditionen auch die meisten Kunden so.

Daher werden die Lebensversicherer wohl schon bald mit neuen Ideen auf Kundenfang gehen. Auf einer Versicherungskonferenz erklärte kürzlich der Finanzchef der deutschen Generali, Torsten Utecht, die Versicherer spielten mit dem Gedanken, neue Produkte anzubieten, die den Zins nur für eine gewisse Zeit garantierten, wie die "Financial Times Deutschland" berichtet. Der Kunde auf Lebenszeit würde so endgültig zum Lebensabschnittspartner werden.

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