HOME

Der 200-Millionen-Euro-Fehler

Millionenpanne mit Nachspiel: Ein Mann aus Hessen kämpft vor Gericht um 12.000 Euro Zinsen, die er bezahlen musste, weil er durch einen Bankfehler zum Multimillionär wurde.

Von Peter Neitzsch

Als sich Michael H. an einem Aprilabend im vergangenen Jahr in seinen Online-Account einloggte, traute er seinen Augen kaum: "Es stehen 200 Millionen Euro zu Ihrer Verfügung", stand dort. So hoch war der Dispokredit, der dem Mann aus Hessen von der Comdirect Bank zur Verfügung gestellt wurde. "Da reibt man sich schon erstmal die Augen", sagt Michael H. stern.de. "Faktisch war der Kontostand wie immer, aber ich hatte einen Überziehungsrahmen von 200 Millionen Euro."

Der erste Impuls des 50-Jährigen: "Ich wollte die Bank über diesen Fehler informieren, aber dafür war es um 21 Uhr schon zu spät." Also überweist sich Michael H. zehn Millionen Euro auf sein Girokonto bei einer anderen Bank. Spätestens da hätte der Fehler eigentlich auffallen müssen, begründet er die Aktion im Gespräch. Doch nichts geschah. Als sich der Familienvater am Donnerstagabend hinlegte, war er Multimillionär.

Der Millionärsstatus währte allerdings nicht lange: Freitagmittag bemerkte die Bank die Millionenpanne und H. zahlte das Geld zurück. Damit hätte die Geschichte eigentlich enden können, doch die Comdirect berechnete dem Hessen für einen dreitägigen Dispokredit 14,4 Prozent Überziehungszinsen - bei zehn Millionen satte 12.000 Euro. Geld, das die Bank gleich einbehielt. Seitdem kämpft der Mann aus Friedberg vor Gericht um die Rückzahlung der Summe.

"Ganz normale und übliche Gepflogenheiten"

"Wenn mir so ein Fehler passiert wäre, dann hätte ich mich entschuldigt", sagt H. Stattdessen sperrte ihm die Commerzbank-Tochter das Konto. Aus Sicht der Bank ein ganz normaler Vorgang: "Menschen, die über Geld verfügen wollen, dass ihnen nicht gehört, müssen dafür üblicherweise Zinsen bezahlen: Das geht uns allen so", sagt ein Sprecher der Bank. "Wir haben ganz normale und übliche Gepflogenheiten angewendet - es war nichts weiter als korrektes Verhalten."

Die Richter des Landgerichts Itzehoe, das den Fall am Donnerstag verhandelte, sahen das offenbar anders. H. soll das Geld samt Zinsen zurückbekommen, heißt es in dem Urteilsspruch. Ein sogenanntes Versäumnisurteil. "Genau genommen war das nur ein technischer Sieg", sagt Rechtsanwalt Gerd-Hendrik Grüne, der H. vor Gericht vertreten hat. "Weil der Anwalt der Comdirect Bank keine Anträge eingereicht hat, erging das Urteil zugunsten meines Mandanten." Der Comdirect-Sprecher kündigte daher auch unmittelbar nach dem Urteil an, seine Bank werde gegen die Entscheidung Einspruch einlegen.

H. sieht sich durch das Urteil dennoch bestätigt: "Jeder normale Kredit muss vorher geprüft werden", beklagt sich der kurzzeitige Multimillionär "In meinem Fall wurde mir rechtswidrig ohne Prüfung ein Kredit über zehn Millionen Euro eingeräumt." In einem ähnlichen Fall hatte der Bundesgerichtshof bereits entschieden, dass der Zugriff auf die Millionen keine Straftat ist. Der Kunde ist demnach nicht einmal verpflichtet, die Bank auf den Fehler hinzuweisen.

Michael H. hofft daher, dass die Sache schnell ausgestanden ist. Als gebranntes Kind fühlt er sich dennoch nicht: "Mit anderen Banken habe ich beim Online-Banking nur gute Erfahrungen gemacht."

Von Peter Neitzsch

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren