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16. Februar 2009, 18:05 Uhr

Der Preis für ein behindertes Leben

Sie kann nicht mehr allein laufen, essen oder aufs Klo gehen. Und auch sonst kann Sarah seit dem Autounfall vor vier Jahren nicht mehr viel. Deshalb fordert ihre Mutter nun von der Versicherung die Rekordsumme von 4,3 Millionen Euro - die höchste Schadenersatzsumme bisher. Ihre Chancen stehen gut. Von Uli Hauser

Autounfall, Schadensersatz, Generali, Volksfürsorge

Sarah war 19 Jahre alt als sie verunglückte, seitdem ist sie ein Pflegefall. Von der Versicherung will sie keine lebenslange Rente, sondern eine Einmalzahlung© Marcus Vogel

Sarah möchte nur raus. Heraus aus ihrem geschundenen Körper, heraus aus ihrem kaputten Leben, heraus aus der engen Wohnung. Sie weiss, wie schlecht es ihr geht, sie ahnt, dass es ihr vielleicht nie wieder gut gehen wird. Vier lange Jahre sind seit diesem Unfall vergangen, und seit vier langen Jahren versucht Sarah, 23, anderen begreiflich zu machen, wie sie sich fühlt. Sie kann mittlerweile Wörter von sich geben, Laute mit halboffenem Mund, ein schwer erarbeiteter Therapie-Erfolg. Sarah schaut durch das Wohnzimmerfenster ins Freie und sagt, kaum vernehmbar: "Ich lebe wie in einem Gefängnis. Ich möchte einen Garten."

Keine behindertengerechte Wohnung

Ihre Mutter sitzt neben ihr, mit ernstem Gesicht. Frau T. , 56, kümmert sich Tag und Nacht um Sarah, die nicht mehr allein laufen, essen, trinken kann. Wenn sie ihrer Mutter bedeutet, dass sie ins Badezimmer will, greift die Mutter unter ihre Schultern, hebt sie hoch und schleppt Sarah durch den Flur. Die Wohnung ist nicht behindertengerecht ausgebaut.

Sarah war 2004 mit ihrem Mann und ihrem Sohn Manuel auf einer Urlaubsreise nach Italien schwer verunglückt. Der Wagen geriet auf der Brenner-Autobahn bei 110 Stundenkilometern außer Kontrolle; ihr Mann erklärte später, ein vor ihm fahrender Lkw habe plötzlich gebremst. Das Auto prallte gegen die rechte Leitplanke, stieß von dort gegen die Leitplanke des Mittelstreifens und kam schließlich auf der Standspur zum Stehen. Sarah und ihr damals neun Monate alter Sohn wurden nach draußen geschleudert. Ihr Mann zog sich mehrere Brüche zu, das rechte Ohr war abgerissen, der kleine Manuel blieb wie durch ein Wunder ohne ernste Verletzungen.

Versicherung spielt auf Zeit

Sarah aber erlitt ein schweres Hirntrauma, einen Unterschenkelbruch und eine Lungenquetschung, das waren die ernsthaftesten Verletzungen. Aus dem Koma erwachte sie erst, als ihr der Arzt den Jungen auf den Bauch legte. Seine Mutter hat mehrere schwere Operationen und Therapien hinter sich. Und sich von ihrem Mann getrennt, beide kamen mit der neuen Situation nicht mehr zurecht. Die bitterste Auseinandersetzung aber führt Sarah derzeit gegen die Haftpflicht-Versicherung. Gegen die "Volksfürsorge", mittlerweile fusioniert mit der "AMB Generali". Die wirbt mit dem Slogan: "Schutz unter den Flügeln des Löwen."

Es geht um eine unterschiedliche Einschätzung der ihr zustehenden Schadensersatz- und Schmerzensgeld-Ansprüche. Die Versicherung bestreitet nicht, dass sie für die Unfallfolgen haften muss, auch wenn Sarahs Mann, der Halter des Wagens, den Unfall verursacht hatte. Bisher wurden 375.000 Euro für Schmerzensgeld und Pflege überwiesen, zudem zahlt die Versicherung monatlich 500 Euro Rente.

Einmalige Entschädigung

Sarah und ihre Mutter aber wollen keine monatliche Mini-Rente und die monatliche Übernahme von Pflegekosten. Sie fordern eine einmalige Gesamtentschädigung von 4,3 Millionen Euro. Die größten Posten sind mit knapp 375.000 Euro der "kapitalisierte Haushaltsführungsschaden für die Zukunft" und mit 2,9 Millionen Euro die zukünftigen Pflegekosten. Insgesamt handelt es sich um eine der größten Haftpflicht-Forderungen in der Geschichte der Bundesrepublik.

Weil die "Generali" jedoch im Rahmen einer "pauschalen Restentschädigungssumme im Wege einer Generalabfindung" nur eine Million Euro zahlen möchte, muss nun das Hamburger Landgericht entscheiden. Die Richter haben auch zu entscheiden, ob Unfallopfer Anspruch auf einmaliges Kapital statt auf Rentenzahlung durchsetzen können. Und wieviel ein behindertes Leben wert ist.

Sie wird nie wieder arbeiten

Denn Sarah wird, so sehr sie sich auch anstrengt, wohl nie wieder arbeiten können, so wie sie es sich mit 19 Jahren, vor dem Unfall, vorgestellt hatte. Sie wollte Versicherungskauffrau werden oder Journalistin, Russisch lernen und Englisch, auf jeden Fall aber nach dem Abitur studieren. Jetzt muss ihre Mutter sehr aufpassen, dass Sarah aus Verzweiflung nicht dauernd den Kopf gegen die Wand schlägt und so laut brüllt, dass es zwei Häuser weiter zu hören ist. Wenn ihre Mutter nicht arbeitet, ist sie bei ihr, sie schläft auf dem Sofa im Wohnzimmer. Vor einem Jahr ist die Mutter unter der Last von Arbeit und Sorgen zusammengebrochen. Sechs Monate war sie arbeitsunfähig. "Ich bin auf den Boden gekrochen, ich war völlig am Ende." Spätestens in diesem Moment wurde ihr klar, dass sie weiter kämpfen musste für die Zeit, in der sie sich vielleicht nicht mehr um Sarah würde kümmern können. "Ich lebe ja nicht ewig."

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