Ein Kredit bei der Grameen Bank kostet happige 20 Prozent Zinsen. Damit hat Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus so viele Menschen aus dem Elend geholt wie keiner vor ihm. Von Teja Fiedler

Kontakt mit der Kundschaft: Vor 25 Jahren gründete Muhammad Yunus, 68, die Grameen Bank in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch© Namas Bhojani
Alle kennen ihn hier. Die Rikschafahrer, die sich ihren Weg durch die schwüle, wimmelnde Enge von Dhaka bahnen. Die Frauen, die auf dem Bürgersteig über einem Holzkohlefeuer Reisgerichte kochen und für Pfennigbeträge verkaufen. Und die Kinder der besseren Leute in ihren Schuluniformen, die das Handy mit eingebauter Kamera zücken: "Das ist er. Der Doktor Yunus." Gruppenbild mit dem einzigen Weltstar von Bangladesch. Dann heißt es lächeln für den Friedensnobelpreisträger von 2006, immer nur lächeln. Der mittelgroße, ergraute Mann, der seine 68 Jahre gut weggesteckt hat, lächelt gern. Wenn er einem Kind über den Kopf streicht. Wenn ein paar wagemutige Teenager sich um ihn ballen für ein Erinnerungsfoto. Irgendwann rastet dann das optimistische Lächeln um seine haselnussbraunen Augen ein, wird Maske und Markenzeichen.
Sein Leibwächter, ein großer, aber nicht sehr austrainiert wirkender Mann mit Walkie-Talkie als einziger Waffe, hat seinen Doktor lieber im Auto oder zu Hause. Muhammad Yunus' Zuhause steht als einfacher Bungalow auf dem eingezäunten Gelände der Grameen Bank, deren Hauptgebäude sich turmhoch über die Hauptstadt von Bangladesch erhebt und von außen genau so aussieht, wie man sich die Zentrale einer Bank vorstellt.
Doch es ist inzwischen weltbekannt, dass die Grameen Bank ein etwas anderes Geldinstitut ist. Dass sie und ihr Erfinder Yunus seit nunmehr 25 Jahren Kleinkredite an die Menschen in Bangladesch vergeben, die hier ganz besonders häufig sind: die Armen. Bangladesch ist nicht einmal halb so groß wie Deutschland, hat aber mit rund 140 Millionen die fast doppelte Bevölkerungszahl. Trotz eines durchschnittlichen Wirtschaftswachstums von jährlich über sechs Prozent gehört es zu den ärmsten - und korruptesten - Ländern der Welt.
Mit einem US-Diplom für Wirtschaftswissenschaften in der Tasche hat in den 70er Jahren der Sohn aus einem begüterten Elternhaus in den Dörfern Bangladeschs begonnen, durch Darlehen von höchstens dreistelliger Dollarhöhe die Ärmsten der Armen auf eigene Füße zu stellen, sie aus den Händen von Wucherern und Zwischenhändlern zu befreien. 1983 wurde dann die Grameen Bank offiziell etabliert. "Grameen" ist das bengalische Wort für Dorf. Über 97 Prozent aller Mikrokredite gingen bisher an Frauen, die im islamischen Bangladesch nicht nur Kinder zu kriegen, sondern auch den Haushalt zusammenzuhalten haben. Sein Modell hat inzwischen nicht nur in Bangladesch - dort macht ihm vor allem die NGO "BRAC" (Bangladesh Rural Advancement Committee - Komitee für Fortschritt auf dem Lande) Konkurrenz -, sondern auf der ganzen Welt Nachahmer gefunden. Und auch Kritiker, die sagen, die 20 Prozent Jahreszinsen, die Yunus verlangt, seien zu hoch. Dabei sind sie weit niedriger als die Wucherzinsen privater Geldverleiher, die locker bei monatlich 20 Prozent liegen. Der Nobelpreisträger ist davon überzeugt, dass nur Kredite mit für das Land realistischen Zinsen die Armen dazu bringen, wirklich Eigeninitiative zu entwickeln. "Gibst du ihnen Geld für null Zinsen, sehen sie es als Almosen an und nicht als Starthilfe."
Inzwischen hat Yunus das starre Mikrokredit-Programm diversifiziert. Heute steht Grameen für mehr als nur eine Bank der Armen. Grameen-Unternehmen stellen Textilien her, betreiben das größte Mobiltelefonnetz des Landes, bieten Versicherungen an, verkaufen Solaranlagen, entwickeln Software, wollen in jedem Dorf einen Internetanschluss einrichten, vergeben Sipendien, probieren neue Fisch- und Viehzuchtmodelle aus und produzieren seit Neuestem zusammen mit dem französischen Multi Danone eine Art Volksjoghurt. So ist Grameen zum größten Unternehmen von Bangladesch mit 25.000 Beschäftigten geworden.
Und der Dr. Yunus zum Vorstandsvorsitzenden. Oder? "Na ja, irgendwie schon", sagt Yunus, "nur dass meine Aufgabe nicht die Profitmaximierung ist." Auch wenn die Geschäfte gut gehen, zahle Grameen keine Dividende. Jeder Überschuss werde in neue Aktivitäten investiert mit dem Ziel, die Situation der Armen zu verbessern. "Social Business" nennt Yunus sein Geschäftsmodell, Sozialunternehmen. Ein marktwirtschaftlich orientierter Konzern. Yunus sitzt an seinem Schreibtisch im vierten Stock der Hochhauses. Offenes, kragenloses Hemd. Sandalen an den Füßen. Keine zeitgenössische Kunst an den Wänden wie sonst bei Vorständen üblich. An der Decke Neonleuchten und Ventilatoren, die mit mäßigem Erfolg gegen die feuchte Schwüle ankämpfen.
Yunus glaubt an die positive Veränderbarkeit dieser Welt und an das Gute im Menschen. Selbst wenn Letzterer der Spezies Manager angehört. "Der Fehler des klassischen Kapitalismus ist, den Menschen nur eindimensional zu sehen. Macht er Profit, oder kann man mit ihm Profit machen?" Das lasse die Facetten außer Acht, die jenseits des Eigennutzes als Triebfeder des Handelns den Mensch erst zum Menschen machten. Mitgefühl, Verantwortungsbewusstsein. Fantasie.
Und schon sind wir bei Danone, Grameens Vorzeige-Joint-Venture mit einem Multi zur Weltverbesserung, sprich in diesem Fall gesünderen Ernährung der unterernährten, durchfallgeplagten Kinder von Bangladesch. Danone hat angefangen, übers ganze Land verteilt, in kleinen Fabriken Joghurt zu produzieren, angereichert mit Vitaminen und Mineralien. Zu einem Preis, den sich auch arme Familien leisten können, umgerechnet etwa sechs Cent. Falls das Geschäft läuft, kriegt Danone seine Investitionen zurück, mehr aber auch nicht. Und die Erste Welt hat der Dritten gegenüber ihr soziales Gewissen beruhigt.
Das hat Schule gemacht. Yunus: "Aus Deutschland will zum Beispiel eine Schuhfabrik erschwingliche Schuhe herstellen. Slogan: Kein Mensch auf dieser Welt soll barfuß gehen müssen. Und ein Hersteller will imprägnierte Moskitonetze anbieten. Wenn sie billig genug sind, können auch die Armen sie kaufen. Das wäre ein wichtiger Schritt zur Malariabekämpfung."
Gefunden in ...
Stern
Ausgabe 50/2008
Hintergrund Mein Geld arbeitet mit gutem Gewissen
Mit wenig Geld viel bewegen - diese Geschäftsidee der Grameen Bank von Muhammad Yunus haben auch andere Institute aufgegriffen und bieten mit sogenannten Mikrokrediten Hilfe zur Selbsthilfe.
Anleger können dabei mitwirken.
So fördert die Bochumer GLS Bank (Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken) mit den Spareinlagen ihrer 63.000 Kunden "ethisch korrekte" Projekte: vom Existenzgründer aus der Biobranche
über alternative Schul- oder Kulturinitiativen bis zu Wohn- oder Seniorenprojekten. Kunden können in der firmeneigenen Zeitschrift "Bankspiegel" nachlesen, welche Kredite die GLS Bank wofür vergibt.
Die Nürnberger Umweltbank finanziert mit den Kundeneinlagen umweltfreundliche Branchen wie Solaranlagen, Wind- und Wasserkraft.
Die Steyler Bank in Sankt Augustin richtet ihre Geschäftspolitik nach christlichen Prinzipien aus. Die Bankgewinne kommen den Hilfsprojekten der Steyler Missionare in fast 70 Ländern zugute.
Bei der Ethikbank, einer reinen Direktbank, spenden die Kunden einen Teil ihrer Zinsen für Frauen-, Kinder- und Umweltförderung.
Eine Alternative bietet die internationale Genossenschaft Oikocredit, die 1975 auf Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen gegründet wurde. Mitglieder ihrer (auch deutschen) Förderkreise zahlen einen Jahresbeitrag und stellen mindestens 200 Euro zur Verfügung, mit denen Projekte in der Dritten Welt finanziert werden. In der Regel erhalten sie dafür eine Rendite von zwei
Prozent im Jahr.