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26. Dezember 2008, 17:08 Uhr

Sein Geld verändert die Welt

Ein Kredit bei der Grameen Bank kostet happige 20 Prozent Zinsen. Damit hat Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus so viele Menschen aus dem Elend geholt wie keiner vor ihm. Von Teja Fiedler

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Grameen Bank, Mohammad Yunus, Friedensnobelpreis, Kredit, Bangladesch

Kontakt mit der Kundschaft: Vor 25 Jahren gründete Muhammad Yunus, 68, die Grameen Bank in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch© Namas Bhojani

Alle kennen ihn hier. Die Rikschafahrer, die sich ihren Weg durch die schwüle, wimmelnde Enge von Dhaka bahnen. Die Frauen, die auf dem Bürgersteig über einem Holzkohlefeuer Reisgerichte kochen und für Pfennigbeträge verkaufen. Und die Kinder der besseren Leute in ihren Schuluniformen, die das Handy mit eingebauter Kamera zücken: "Das ist er. Der Doktor Yunus." Gruppenbild mit dem einzigen Weltstar von Bangladesch. Dann heißt es lächeln für den Friedensnobelpreisträger von 2006, immer nur lächeln. Der mittelgroße, ergraute Mann, der seine 68 Jahre gut weggesteckt hat, lächelt gern. Wenn er einem Kind über den Kopf streicht. Wenn ein paar wagemutige Teenager sich um ihn ballen für ein Erinnerungsfoto. Irgendwann rastet dann das optimistische Lächeln um seine haselnussbraunen Augen ein, wird Maske und Markenzeichen.

Sein Leibwächter, ein großer, aber nicht sehr austrainiert wirkender Mann mit Walkie-Talkie als einziger Waffe, hat seinen Doktor lieber im Auto oder zu Hause. Muhammad Yunus' Zuhause steht als einfacher Bungalow auf dem eingezäunten Gelände der Grameen Bank, deren Hauptgebäude sich turmhoch über die Hauptstadt von Bangladesch erhebt und von außen genau so aussieht, wie man sich die Zentrale einer Bank vorstellt.

Eines der ärmsten Länder

Doch es ist inzwischen weltbekannt, dass die Grameen Bank ein etwas anderes Geldinstitut ist. Dass sie und ihr Erfinder Yunus seit nunmehr 25 Jahren Kleinkredite an die Menschen in Bangladesch vergeben, die hier ganz besonders häufig sind: die Armen. Bangladesch ist nicht einmal halb so groß wie Deutschland, hat aber mit rund 140 Millionen die fast doppelte Bevölkerungszahl. Trotz eines durchschnittlichen Wirtschaftswachstums von jährlich über sechs Prozent gehört es zu den ärmsten - und korruptesten - Ländern der Welt.

Mit einem US-Diplom für Wirtschaftswissenschaften in der Tasche hat in den 70er Jahren der Sohn aus einem begüterten Elternhaus in den Dörfern Bangladeschs begonnen, durch Darlehen von höchstens dreistelliger Dollarhöhe die Ärmsten der Armen auf eigene Füße zu stellen, sie aus den Händen von Wucherern und Zwischenhändlern zu befreien. 1983 wurde dann die Grameen Bank offiziell etabliert. "Grameen" ist das bengalische Wort für Dorf. Über 97 Prozent aller Mikrokredite gingen bisher an Frauen, die im islamischen Bangladesch nicht nur Kinder zu kriegen, sondern auch den Haushalt zusammenzuhalten haben. Sein Modell hat inzwischen nicht nur in Bangladesch - dort macht ihm vor allem die NGO "BRAC" (Bangladesh Rural Advancement Committee - Komitee für Fortschritt auf dem Lande) Konkurrenz -, sondern auf der ganzen Welt Nachahmer gefunden. Und auch Kritiker, die sagen, die 20 Prozent Jahreszinsen, die Yunus verlangt, seien zu hoch. Dabei sind sie weit niedriger als die Wucherzinsen privater Geldverleiher, die locker bei monatlich 20 Prozent liegen. Der Nobelpreisträger ist davon überzeugt, dass nur Kredite mit für das Land realistischen Zinsen die Armen dazu bringen, wirklich Eigeninitiative zu entwickeln. "Gibst du ihnen Geld für null Zinsen, sehen sie es als Almosen an und nicht als Starthilfe."

Inzwischen hat Yunus das starre Mikrokredit-Programm diversifiziert. Heute steht Grameen für mehr als nur eine Bank der Armen. Grameen-Unternehmen stellen Textilien her, betreiben das größte Mobiltelefonnetz des Landes, bieten Versicherungen an, verkaufen Solaranlagen, entwickeln Software, wollen in jedem Dorf einen Internetanschluss einrichten, vergeben Sipendien, probieren neue Fisch- und Viehzuchtmodelle aus und produzieren seit Neuestem zusammen mit dem französischen Multi Danone eine Art Volksjoghurt. So ist Grameen zum größten Unternehmen von Bangladesch mit 25.000 Beschäftigten geworden.

Der Glaube an das Gute

Und der Dr. Yunus zum Vorstandsvorsitzenden. Oder? "Na ja, irgendwie schon", sagt Yunus, "nur dass meine Aufgabe nicht die Profitmaximierung ist." Auch wenn die Geschäfte gut gehen, zahle Grameen keine Dividende. Jeder Überschuss werde in neue Aktivitäten investiert mit dem Ziel, die Situation der Armen zu verbessern. "Social Business" nennt Yunus sein Geschäftsmodell, Sozialunternehmen. Ein marktwirtschaftlich orientierter Konzern. Yunus sitzt an seinem Schreibtisch im vierten Stock der Hochhauses. Offenes, kragenloses Hemd. Sandalen an den Füßen. Keine zeitgenössische Kunst an den Wänden wie sonst bei Vorständen üblich. An der Decke Neonleuchten und Ventilatoren, die mit mäßigem Erfolg gegen die feuchte Schwüle ankämpfen.

Yunus glaubt an die positive Veränderbarkeit dieser Welt und an das Gute im Menschen. Selbst wenn Letzterer der Spezies Manager angehört. "Der Fehler des klassischen Kapitalismus ist, den Menschen nur eindimensional zu sehen. Macht er Profit, oder kann man mit ihm Profit machen?" Das lasse die Facetten außer Acht, die jenseits des Eigennutzes als Triebfeder des Handelns den Mensch erst zum Menschen machten. Mitgefühl, Verantwortungsbewusstsein. Fantasie.

Und schon sind wir bei Danone, Grameens Vorzeige-Joint-Venture mit einem Multi zur Weltverbesserung, sprich in diesem Fall gesünderen Ernährung der unterernährten, durchfallgeplagten Kinder von Bangladesch. Danone hat angefangen, übers ganze Land verteilt, in kleinen Fabriken Joghurt zu produzieren, angereichert mit Vitaminen und Mineralien. Zu einem Preis, den sich auch arme Familien leisten können, umgerechnet etwa sechs Cent. Falls das Geschäft läuft, kriegt Danone seine Investitionen zurück, mehr aber auch nicht. Und die Erste Welt hat der Dritten gegenüber ihr soziales Gewissen beruhigt.

Das hat Schule gemacht. Yunus: "Aus Deutschland will zum Beispiel eine Schuhfabrik erschwingliche Schuhe herstellen. Slogan: Kein Mensch auf dieser Welt soll barfuß gehen müssen. Und ein Hersteller will imprägnierte Moskitonetze anbieten. Wenn sie billig genug sind, können auch die Armen sie kaufen. Das wäre ein wichtiger Schritt zur Malariabekämpfung."

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 50/2008

Hintergrund Mein Geld arbeitet mit gutem Gewissen Mit wenig Geld viel bewegen - diese Geschäftsidee der Grameen Bank von Muhammad Yunus haben auch andere Institute aufgegriffen und bieten mit sogenannten Mikrokrediten Hilfe zur Selbsthilfe. Anleger können dabei mitwirken.
So fördert die Bochumer GLS Bank (Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken) mit den Spareinlagen ihrer 63.000 Kunden "ethisch korrekte" Projekte: vom Existenzgründer aus der Biobranche über alternative Schul- oder Kulturinitiativen bis zu Wohn- oder Seniorenprojekten. Kunden können in der firmeneigenen Zeitschrift "Bankspiegel" nachlesen, welche Kredite die GLS Bank wofür vergibt.
Die Nürnberger Umweltbank finanziert mit den Kundeneinlagen umweltfreundliche Branchen wie Solaranlagen, Wind- und Wasserkraft.
Die Steyler Bank in Sankt Augustin richtet ihre Geschäftspolitik nach christlichen Prinzipien aus. Die Bankgewinne kommen den Hilfsprojekten der Steyler Missionare in fast 70 Ländern zugute.
Bei der Ethikbank, einer reinen Direktbank, spenden die Kunden einen Teil ihrer Zinsen für Frauen-, Kinder- und Umweltförderung.
Eine Alternative bietet die internationale Genossenschaft Oikocredit, die 1975 auf Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen gegründet wurde. Mitglieder ihrer (auch deutschen) Förderkreise zahlen einen Jahresbeitrag und stellen mindestens 200 Euro zur Verfügung, mit denen Projekte in der Dritten Welt finanziert werden. In der Regel erhalten sie dafür eine Rendite von zwei Prozent im Jahr.

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KOMMENTARE (8 von 8)
 
barbaros68 (27.12.2008, 16:12 Uhr)
Einige sachen berichtigen
Oft wird bei diesen Mikrokrediten keine Dollars oder Euros vergeben sondern Landeswaehrung. Da in diesen Laendern die Inflation hoch ist muessen auch die zinsen dem entsprechend sein. Ausserdem wird hier das System der Mikrokredite mit dem System der Spende oder Almosen verwechselt. Die Bank wil ihr Geld zurück und zwar auch mit mit einem Mikrogewinn. Waeren die zinsen niedrig würde man das Systen haben. Man erhaelt einen Kredit und leiht wiederum dieses geld mit horrenden Zinsen weiter. Der Zweck des mikrokredites ist aber das den Frauen ein relatives niedriges Startkapital gegeben wird, damit sie wirtschaftlich auf eigenen Füssen stehen können. Auch in der türkei wo ich lebe wird das System der Mikrokredite inzwischen angeboten. Man muss dabei formulieren was man machen will und zwar schon recht detailliert, einen Kostenvoranschlag abgeben wieviel man am Anfang braucht. Hört es sich plausibell an erhaelt bis zu etwa 2500 euro umgerechnet. Bis jetzt wurde an alle Kredite pünktlich zurückgezahlt. Zur zeit können ja "normale" Banken von so etwas nur traeumen.
Halodri73 (27.12.2008, 13:18 Uhr)
@ Starmax
20% p.a. sind deutlich besser als 20% p. Monat!
Bei uns Wucherzins? Ja.
100$ Kredit bei einer Bank? Viel Spaß. Übrigens sind die Dispozinsen bei normalem Zinsgefüge ( aktuell erleben wir eine historiche Niedrigzinsperiode ) auch nahe 20% und 100$ kriegt man hier auch nur über Dispo.
Also ist das mal gar nicht sooo weit von hiesigen Gepfogenheiten entfernt.
Außerdem zählt für mich die Absicht, den Bürgern wirklich zu helfen und seinen unternehmerischen Gewinn nicht auf Kosten seiner Kunden, sondern in einem Fairen Handel zu machen. Ehrenwert. Und das sah das Nobel-Komitee wohl auch so.
:-)
Vincent_Vega (27.12.2008, 12:17 Uhr)
@starrmax: Was soll die DErr- bzw. Aufregung?
Eigentlich sagen Sie es selbst:
"Und 20% Zinsen sind (in Europa) gerichtlich als Wucher benannt und verboten."
Mohammed Yunus lebt aber nicht in Europa - Huch noch gar nicht aufgefallen? - daher gelten für sein Land, Bangla-Desh, woll auch andere Regeln. Man kann nicht einfach die Regeln Europas auf die ganze Welt übertragen. Der überwiegende Großteil der Welt lebt nämlich längst nicht so komfortabel wie wir in Europa, daher gelten für diesen Großteil der Welt auch andere Bemessungsgrundlagen als für uns in Europa.
starmax (26.12.2008, 23:15 Uhr)
@watchtower - Sachlich bleiben...
und zur Sache schreiben. Geldverleiher sind eine, Banken eine andere Sache. Auch hier in D gibt es unter Zockern die Regel "10 Tage - 10 Prozent" (pro Tag).Minus 100 Euro Spesen bei Auszahlung.
Auch aus Thailand sind mir solche Auswüchse bekannt. Was alles nichts daran ändert, daß solche kriminellen Auswüchse nur in unserem schädlichen Zinsezinssystem möglich und immer zum Nachteil des Schuldners sind. Arabische Banken nehmen übrigens keine Zinsen - da ist der Gewinn in den Gebühren enthalten.
Vincent_Vega (26.12.2008, 22:13 Uhr)
Der Wucher ist Moslems verboten
und wenn man dabei unterhalb der landesüblichen Zinsnahme bleibt oder überhaupt die Bank gerade mal überleben kann, wird es wohl gestattet sein.
Noch dazu , wo es nicht Mohammed Yunus selbst ist, der Zinsen annimmt, sondern die Grammeen-Bank.
watchtower (26.12.2008, 20:28 Uhr)
@starmax zum Zweiten: Irgenwo steht was in Stein gemeißelt.
So auch "Du sollst nicht töten" - oder so.
Insgesamt 10 solcher Grundsätze hat sich eine ehemalige Splittergruppe der jüdischen Glaubensgemeinschaft im alten Rom zu Lebensmaximen auserkoren.
Und seither ist alles paletti und alle Mitglieder der Nachfolgeorganisation jener Fisch-Sybolik-Truppe haben sich ganz arg lieb - oder wie?
watchtower (26.12.2008, 20:17 Uhr)
@starmax: Schon mal in Indien oder in einem südostasiatischen Land gewesen?
15-30% monatlich sind da auch unter Christenmenschen üblich, wenn ein Habenichts Geld haben will. Ob für Medikamente oder sonstwas, das ist den Geldverleihern so breit wie hoch.
Dagegen sind 20 % pro Jahr eine göttliche Wohltat - egal ob hinter dieser ein Allah oder ein/e sonstwas dahinter steht.
Besinnliche Tage Ihnen noch.
starmax (26.12.2008, 19:09 Uhr)
Moslem und 20% Zinsen?
Doch recht blauäugig, dieser Bericht. Da kann einigesn nicht stimmen. Bei den Moslems herrscht laut Koran Zinsverbot!
Und 20% Zinsen sind (in Europa) gerichtlich als Wucher benannt und verboten. Das klingt alles sehr mafiös und kriminell.Auch der mit diesem Wucherprofit zusammengekaufte Gemischtwarenladen spricht für undurchsichtige Schiebereien.
1000 Dollar leihen, im 5 Jahren nochmal 1000 Dollar Zinsen gezahlt, aber immer noch 1000 Dollar schuldig?
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