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5. April 2009, 15:17 Uhr

Die dunkle Seite des Geldes

Ein Kredit aufzunehmen ist heute scheinbar so normal, wie das Aufbewahren der Quittung nach dem Kauf. Es ist ja auch nicht schlimm - solange man den Kredit abbezahlen kann. Immer mehr, immer jüngere Deutsche schaffen das aber nicht. Eine Reise durch ein Land mit sieben Millionen Schuldnern. Von Beate Fleming

Kredit, Schulden, Zwegat

"Sie haben mich gerufen?" Schuldenberater Peter Twegat klingelt, rechnet und hilft© Oliver Mark

Die Haustüren, an denen der Mann mit Aktentasche und Beamtenmantel klingelt, sehen immer ganz harmlos aus. Wie in einem Horrorfilm beginnt das Grauen, sobald sie sich öffnen und Peter Zwegat seine Hand ausstreckt - "Sie haben mich gerufen". Das macht er immer mittwochs pünktlich um 21.15 Uhr auf RTL. Wo Zwegat hingeht, ist, auf Deutsch, die Kacke am Dampfen - manchmal so doll, dass sogar der unerschütterlichste Schuldnerberater Deutschlands zwischendurch rausmuss, um sich an einer Marlboro fest zuhalten. Millionen gruseln sich mit ihm, gebannt von einer Mischung aus Vor- und Schadenfreude. Und Angst.

An diesem sonnigen Vormittag in Berlin- Charlottenburg sitzt er in der düstersten Ecke des Cafés. Mit Schulterblicken checkt er, ob sich vom Eingang her jemand mit überquellenden Ordnern nähert. In Wirklichkeit raucht er noch mehr als auf RTL und trinkt dazu einen Dreiviertelliter Kaffee. Wer ist schuld an den Schulden?

Finanziell fatal

Dazu fallen Zwegat ein Haufen Beispiele ein: Da sind die Azubis, "die das Wort Dispositionskredit nicht buchstabieren können, aber einen haben". Dann kennt er "junge Menschen, die ihre erste Wohnung beziehen, aber die muss gleich perfekt eingerichtet sein". Dann gibt es "Frauen, die keine Schulden hätten, wenn sie den 'Kerl' nicht hätte". Finanziell fatal findet Zwegat auch den "übermächtigen Wunsch vieler Paare nach einem Eigenheim, obwohl sie verdienstmäßig dafür nicht infrage kommen, die Finanzierung nicht von der Verbraucherberatung überprüfen lassen. Und drittens: Mindestens jede dritte Ehe wird geschieden", unkt Zwegat. Wirklich zur Verzweiflung aber treiben ihn jene, "die ihr Recht auf Dummheit missbrauchen". Kurz gesagt: Schuld ist, wer nicht so ist wie Zwegat. Der wohnt seit 1974 in derselben Wohnung - zur Miete. Seine erste Einrichtung bestand "aus Jaffa-Möbeln und einem alten Sessel von der Oma". Weil "jeder Wunsch sofort zwei Junge kriegt", hat er keinen Flachbildschirm, kein iPhone und keine Kredite. Waschkörbeweise bewerben sich die Menschen beim vernünftigen Herrn Zwegat, "weil ich vielleicht so was bin wie der gute Freund und Papa, den viele nicht mehr haben".

Borgen und Schmausen endet mit Grausen. Den alten Spruch hatten die Deutschen fast vergessen. Doch jetzt überholt sie die Horrorwirklichkeit. In der Weltwirtschaft wie auch privat. Auftragsrückgang, Kurzarbeit, Insolvenzen, Entlassungswelle und eine Regierung, die den Schirm über Banker hält, während immer mehr Bürger im Regen stehen. Schon 2008, als die Krise nur in der Zeitung stand, war jeder zehnte Erwachsene überschuldet. Doch jetzt steht sie im Wohnzimmer. Was wird 2009? Viele hoffen, noch mehr unken, jedenfalls wird dieses Jahr sogar Berufspessimisten negativ über raschen. Eins war schon immer klar: Es kann jeden treffen.

Hamburg-Harburg. Kaum ist er aus seinem Dacia Pick-up gestiegen und hat einem die weiche Pranke gereicht, schon liegt sein Leben da wie eine alte Hure mit gespreizten Beinen. Die Reling seines Hausboots ist brüchig, sein Bett ungemacht, die Küchenregale sind voll mit Diätfutter-Dosen, und in der Abfalltonne liegen ausgedrückte Tablettenblister. Dazwischen steht Gunter Gabriel, 66, baumgroß und dröhnt: "Ich hab Mundgeruch und Fußpilz!" Und außerdem hat er Schulden. "Ich kann im Moment nicht genau sagen, wie viele. Auf jeden Fall sechsstellig." Das nur, weil der Schlagerstar ("Hey Boss, ich brauch mehr Geld!") eigentlich sparen wollte: Steuern. Zu dem Zweck hatte er vor 20 Jahren 40 Eigentumswohnungen gekauft. Schrott-Immobilien. Habsucht ist die Wurzel allen Übels. Gabriel holt ein Fan-T-Shirt raus. Darauf prangt: "Steh auf! Mann." Dann kommt sein Band- Kumpel mit einem Schraubenschlüssel und einer schlechten Nachricht rein. "Deinen Trockner krieg ich nicht mehr hin." - "Große Scheiße", flucht Gabriel.

Alle haben Schulden

Eine zutreffende Einschätzung der aktuellen finanziellen Lage sowohl von Gunter Gabriel als auch von Deutschland. Schulden: Selbst die schrumpfende Minderheit der Bundesbürger, die denkt, sie hätte keine, hat welche. Und zwar 18.825 Euro. 2262 Euro zahlen wir Zinsen - pro Sekunde, für die Miesen von Bund, Ländern und Kommunen, also von uns.

Die Regierenden, die soeben Rettungspakete im Wert von gut zwei Millionen Einfamilienhäusern beschlossen haben, wollen jetzt auf die Schuldenbremse treten. Jetzt? Äh, ab 2020. Es soll ja noch Bürger geben, die sich darüber aufregen können. Der große Rest schweigt und hofft, dass die Sache gut ausgeht. Machen wir doch genauso: Allein 200 Milliarden Euro haben die Deutschen zum Beispiel an Konsumentenkrediten laufen. Rund 25.000 Euro geben sie im Schnitt für ihren Neuwagen aus. Etwa 70 Prozent kaufen ihn auf Pump. Zusätzlich zu den Konsumschulden haben die Bürger laut Bundesbankstatistik Kredite in Höhe von 1094 Milliarden Euro für ihre Eigenheime aufgenommen. Schulden sind wie Mundgeruch - ein bisschen peinlich, aber man kann damit leben. Solange einen keiner darauf anspricht. Noch weniger gern als über Geld reden wir Deutschen nämlich über Geld, das wir noch nicht verdient haben. Über Schulden. Aber wenn es Nacht wird in unserer Minusgesellschaft, wälzt sich mancher schlaflos im Bett und betreibt Zinsrechnung: neues Haus, neue Küche, neuer Flachbildschirm und dann noch der neue A6 - kann man das alles in einem Leben abbezahlen?

Vielleicht. Wenn wir uns fünf Jahre lang nur Margarine aufs Brot schmieren. Beten, dass nichts verrutscht. Vor allem nicht das Kondom. Bloß kein drittes Kind! Bloß gesund bleiben! Schaffe, schaffe, Häusle baue - von wegen. Sogar die Schwaben haben ihr Motto mittlerweile umgedreht: Häusle baue und dann: hoffen, hoffen - dass es mich nicht trifft. Manche verplanen sogar die Rente der 85-jährigen Oma für die nächsten 20 Tilgungsjahre. Wer weiß, bei guter Pflege …

Überschuldung

Überschuldung bedeutet: Das Monatsgehalt reicht nicht, um Lebenshaltungskosten und Raten zu decken. Die Auslöser: 1. Arbeitslosigkeit, 2. Scheidung, 3. Krankheit. Aber wenn die Pleite, wie Schuldenberater Zwegat sagt, "das letzte Tabu" ist - warum ziehen die Leute sich dann bei RTL, manchmal wortwörtlich, bis auf die Unterhosen aus? Weil es in Deutschland zu wenig Beratungsstellen gibt, Wartezeit bis zu anderthalb Jahre.

"Herr Zwegat ruiniert uns", sagt Frank Wiedenhaupt von der Schuldnerberatung "Neue Armut e.V." in Berlin-Neukölln. "Die Leute fragen, warum wir sie nicht auch zu Hause besuchen und Händchen halten." Donnerstagvormittag ist Sprechstunde in der Richardstraße 111. "Handy kaputt. SIM-Karte kaputt. Trotzdem jedäh Monat Brief. Soll zahle 35 Euro!" Herr F., Witwer aus Ex-Jugoslawien, hat noch eine Plastiktüte voller Rechnungen dabei: Fernsehgebühren, Strom für die vorherige Wohnung, Gas für die vorvorige, und das Sozialamt will auch noch Geld zurück. Er hat alle Forderungen in Klarsichthüllen gesteckt. Gezahlt hat er nichts.

Jährlicher "Schuldneratlas"

Jahr für Jahr erstellen Creditreform und Schufa, beides Zusammenschlüsse von Unternehmen, die Wert auf die Bonität ihrer Kunden legen, den "Schuldneratlas" beziehungsweise "Schuldenkompass" der Republik. Der ist an fast allen Stellen deckungsgleich mit dem Nord-Süd-Gefälle der Arbeitslosenstatistik: viele rote Flecken in Bremen, Berlin und weiten Teilen des Ruhrgebiets; Bayern und Baden-Württemberg dagegen: grün. In Wuppertal sind 18,82 Prozent der Bevölkerung überschuldet, in Eichstätt 4,01 Prozent. Bundesweit sind 6,9 Millionen über 18-Jährige betroffen, 1,17 Millionen davon wohnen im Osten. Auf Platz eins der aktuellen Hitliste: die Offenbacher. Fast jeder fünfte Erwachsene ist dort abgestürzt ins Schuldenloch.

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Ausgabe 14/2009

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