Wie wir ticken, wenn es ums Geld geht

20. Mai 2010, 15:26 Uhr

Anlageentscheidungen treffen wir nicht mit kühlem Kopf, sondern aus Angst, Gier und Neid. Das große Problem: Überbleibsel aus der Steinzeit machen uns sinnvolles Investieren schwer. Von Beate Flemming

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Ihr Geld lässt sich leicht vermehren. Wenn nur die Angst vor dem Verlust nicht wäre©

Warum gehen "meine" Fonds ab, sobald ich sie verkauft habe? Warum rauschen sie in den Keller, kaum dass ich eingestiegen bin? Was hat mich Idioten bloß dazu gebracht, auf den "Geheimtipp" meines Bruders zu hören? Und wieso habe ich mir vor drei Jahren diesen Sparkassenbrief mit den mickrigen Zinsen aufschwatzen lassen, wo ich doch mit den richtigen drei Aktien aus dem Dax meinen Einsatz verdoppelt hätte? Fragen, mit denen sich wohl alle Anleger gelegentlich ihr Hirn zermartern.

Unser Gehirn ist nur bedingt börsentauglich

Und genau da liegt auch die Antwort: Das Gehirn des Menschen hat sich überwiegend in der Steinzeit entwickelt und in den Jahrmillionen davor, die seine Vorfahren zum Teil noch auf den Bäumen zugebracht haben. Jedenfalls ist dieser Apparat nur begrenzt börsentauglich. Noch heute teilt sich die Menschheit in Jäger und Sammler. Zu welcher Kategorie Sie gehören? Machen Sie doch mal Ihre Kellertür auf (falls das Gerümpel dahinter das noch zulässt). Oder eben Ihre Ordner mit dem Aufkleber "Bank".

Ein Papierwust über Konten, an deren Eröffnungsgrund Sie sich nur noch schemenhaft erinnern? Oder besuchen Sie täglich Ihr Online-Depot? Die Sondertilgung für Ihr Häuschen: Sammeln Sie die auf Ihrem Girokonto? Wenigstens auf einem verzinsten Tagesgeldkonto? Oder spekulieren Sie mit der Kohle gar an der Börse? Kurz: Sind Sie ein Klippenspringer ("No risk, no Rendite!") oder ein Beckenrandschwimmer, der sich sein Sparbuch von der Inflation anknabbern lässt? Tja, wenn man das nur wüsste. Und zwar vorher!

Bedienungsanleitung zum Glücklichsein

Aber fragen Sie nicht Ihren Vermögensberater (falls vorhanden). Der denkt vor allem an die nächste Provision. "Soll ich auf Nummer sicher gehen oder ein bisschen Risiko spielen?" Auf diese Frage erhalten Sie bestenfalls die Antwort, von der er glaubt, dass Sie sie hören wollen. Hilfe findet die überforderte Anlegerpsyche neuerdings von einer Wissenschaft, die kühle Kalkulierer und rationale Entscheider (dafür halten sich irrtümlicherweise wohl die meisten Anleger) kaum im Kopf haben: die "Neuroökonomie" - eine Mischung aus Anthropologie, Psychologie und Hirnforschung.

"Wenn Sie sich vorstellen, die gesamte Entwicklungsgeschichte des Menschen sei auf einer Papierrolle von einem Kilometer Länge aufgeschrieben, würde die erste Börse erst sieben Zentimeter vor deren Ende auftauchen", schreibt der US-Wirtschaftsjournalist Jason Zweig in seinem Buch "Gier. Wie wir ticken, wenn es ums Geld geht". Ein hochamüsanter Spaziergang entlang den Furchen und Gletscherspalten in unserem Kopf, aber auch, zumindest nach dem Willen des Autors, eine Art Bedienungsanleitung zum Glücklichsein. Schließlich gebe kaum eine andere menschliche Aktivität so vielen sehr klugen Menschen das Gefühl, dumm zu sein, wie das Anlegen von Geld.

Da ist zum Beispiel der Magenspezialist Clark Nelson Harris aus New York: Der verliebte sich einmal in Aktien des niederländischen Landmaschinenherstellers CNH Global N.V., obwohl er nicht nur von Berufs wegen null von Mähdreschern versteht. "Ich habe einfach ein gutes Gefühl dabei, das ist alles", sagte er. Das gute Gefühl gründete allein darauf, dass die Firma dieselben Initialen wie Dr. C. N. H. hat. Andere Anleger sympathisieren mit den Aktien ihrer Turnschuh- oder Automarke, oder, eine zweifelhafte Anlagestrategie, gar mit den Wertpapieren ihres Arbeitgebers, denn: Macht die Firma pleite, ist man nicht nur den Job los, sondern auch noch die Altersvorsorge.

Verliebt in eine Aktie

Kurz: Intuition war vielleicht in der Steinzeitsteppe nützlich, auf dem Börsenparkett ist sie nichts ohne Reflexion. Und deshalb lautet Zweigs oberstes Gebot der Geldanlage: "Zweimal überlegen". Das ist natürlich leider mit Arbeit verbunden. Der erste Schritt zur Besserung liegt in der mühsamen Selbsterkenntnis, siehe oben. Dazu mal ganz sachlich gefragt: Welches Geld will ich mehren? Mein Zubrot für die kümmerliche Staatsrente? Die Studiumsfinanzierung der Kinder? Eine kleine, unverhoffte Erbschaft?

Eine Studie der RWTH Aachen hat wissenschaftlich belegt, was schon lange gefühlte Börsenwahrheit ist: Je mehr mir eine Anlage am Herzen liegt, desto größer meine "Verlust-Aversion". Beispiel: Habe ich mich in die Aktie einer Internetbude verknallt und auch noch fünf Freunde mit meinem Geheimtipp angesteckt, dann rutscht bei einem Kurssturz nicht nur mein Anlagekonto ins Minus, sondern auch mein Gefühlshaushalt. Liegt dagegen meine private Altersvorsorge sicher, und ich habe nur mit ein bisschen Spielgeld gezockt, lässt mich schon ein kleiner Gewinn pubertäre Siegesposen einnehmen.

Das Steinzeithirn sucht nach Mustern

Verluste hingegen: "So what!", wie der Engländer zu sagen pflegt. Werden wir wenigstens aus Schaden klug? Leider nein, lautet die Botschaft aus Aachen. Versagen wir, war es natürlich "Schicksal", liegen wir aus Versehen mal richtig, tragen wir die Nase hoch und werden leichtfertig. Und wie! Wussten Sie zum Beispiel, dass die neuronalen Aktivitäten eines Anlegers, der eine profitable Spekulation durchführt, praktisch übereinstimmen mit denen eines Koksers, der sich gerade sein Pülverchen mit der Kreditkarte zurechtschiebt?

Es ist auch reichlich leichtsinnig, sein Vermögen einem Fondsmanager anzuvertrauen, nur weil der zwei Jahre hintereinander besser war als der Markt. Warum machen wir das? Weil das Steinzeithirn nach Mustern sucht, und eins davon heißt "aller guten Dinge sind drei". Wer also zwei Jahre erfolgreich war, sollte es doch auch im dritten schaffen. Tatsächlich liegt aber die Wahrscheinlichkeit im Laufe von drei Jahren besser zu sein als der Markt rein rechnerisch nur bei 12,5 Prozent!

Angst, Neid, ein Gruppenverhalten, das dem von Schimpansen ähnelt, und ein Selbstvertrauen, das zu Überschätzung neigt ("Was Warren Buffett kann, kann ich auch!"), sind weitere wesentliche Faktoren, die unser prähistorisches Hirn auf abwegige Ideen bringen. Zum Beispiel: zu kaufen, wenn die Kurse fallen, und zu verkaufen, wenn sie steigen. Nicht wenige Besucher des Wertpapiermarktes lassen sich - ähnlich wie Casinobesucher - von ihrem Glauben an eine "Glückssträhne" steuern, statt von ihrem Verstand. Zuverlässig feuert jedenfalls die sogenannte Insula, gelegen an den inneren Oberflächen des Großhirns, bei verlustreichen Spekulationen ähnlich dolle Impulse ab wie beim Betrachten eines Haufens fauler Fische. Das nennt man dann Reue. Und was nun? Lesen Sie unseren Ratgeber und entscheiden Sie, welche Anlageform für Sie die beste ist.

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