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Arbeiten bis 70? Es gibt bessere Ideen, um die Rente zu sichern

Politiker beschwören, dass wir immer länger arbeiten müssen, um die Rentenkasse zu sanieren. Dabei muss das nicht sein: Um die Alterssicherung zu retten, gibt es bessere Ideen.  

Was zu werkeln gibts ja immer, zum Beispiel am Fahrrad. Aber sollten wir gezwungen sein, bis ins hohe Alter regulär zu arbeiten?

Was zu werkeln gibts ja immer, zum Beispiel am Fahrrad. Aber sollten wir gezwungen sein, bis ins hohe Alter regulär zu arbeiten?

Was soll man von einem Mann halten, der in einer Kontaktanzeige über sich schreibt: Er habe "nur ein Auge", pflege "ein seltsames Sozialverhalten" und müsse "einen Studentenkredit von 146.000 Dollar" zurückzahlen. Ein Spinner?

Vielleicht. Doch Michael Burry, so heißt der Mann, ist ziemlich vernünftig. Hollywood hat ihm mit dem Film "The Big Short" ein Denkmal gesetzt, und von ihm könnten Politiker, Journalisten und Ökonomen einiges lernen. Burry hat etwas inzwischen sehr seltenes getan. Er hat die Realität beobachtet. In den Jahren 2003 und 2004 hat er Immobilienkredite der US-Banken untersucht und entdeckt: Die Darlehen sind faul. Ihre Besitzer werden die Raten nicht zurückzahlen können, die Geldhäuser sitzen auf Sprengstoff, der in die Luft gehen wird.

Zu dieser Zeit glaubte kaum jemand an eine Finanzkrise. Politiker und Investmentgurus beschworen die Börse als heiligen Gral der Zukunft. Wen interessiert schon Michael Burry. Doch der Mann ließ sich nicht beirren, wettete gegen den Boom, und als 2008 tatsächlich die Krise ausbrach, strich sein Hedgefonds einen Gewinn von 500 Prozent  ein. "Ich muss auf die Fakten vertrauen", sagte Burry. Er wusste, die Realität würde sich Bahn brechen.

Was sind die Fakten bei der Rente?

Auf die Fakten vertrauen. Die Wirklichkeit anschauen. Das sind seltene Tugenden geworden. Politiker, Ökonomen und manche Journalisten bauen sich ihre eigene Welt, sperren die Realität aus.

Nehmen wir die Rente. Dort gibt es einen Satz, der zum Refrain der Sozialpolitik geworden ist, der dem ehrwürdigen CDU-Finanzminister Wolfgang Schäuble ebenso über die Lippen kommt wie SPD-Denkmal Franz Müntefering. Er lautet: "Wenn die Leute älter werden, müssen sie auch länger arbeiten." Es reicht nicht, mit 65 oder 67 in den zu wechseln. In Zukunft müssen wir bis 70, 71 oder 75 Jahren malochen. Nur so überlebt die Rentenkasse.

Ich habe diesen Satz geglaubt. Lange Zeit jedenfalls. Er klingt so.... logisch. Doch inzwischen zweifele ich, ob er stimmt. Die Fakten sprechen dagegen.

Im Jahr 2012 haben wir begonnen, dass gesetzliche Rentenalter anzuheben, und zwar so wie es die Deutschen mögen - ziemlich langsam. Innerhalb von 18 Jahren steigt es von 65 auf 67 Jahre, in den ersten 12 Jahren um jährlich einen Monat, in den folgenden sechs Jahren um je zwei Monate. Momentan liegt das Rentenalter bei 65 Jahren und 5 Monaten, bis zum Ziel von 67 Jahren liegt noch drei Viertel des Weges vor uns.

Rentenkasse gedeiht prächtig

Dennoch gedeiht die prächtig. Die Überschüsse sind enorm gewachsen, in den Jahren 2013, 2014 und 2015 lagen sie bei über 32 Milliarden Euro, in den letzten 35 Jahren waren sie noch nie so hoch und sogar der Beitrag sank etwas. Die Horrorprognosen, die einige Bescheidwisser vor einigen Jahren predigten, verschimmeln längst im Müll.    

Es klingt wie ein Märchen. Die Rente hat sich saniert, ohne dass die heilsversprechende Reform groß umgesetzt wurde. Das Rentenalter von 67 Jahren gilt ja erst im Jahr 2030.

Woran das liegt? Am Jobwunder. Deutschland erlebt seit über sieben Jahren einen Boom. Die Arbeitslosigkeit sinkt, die Beschäftigung steigt, und die Tresore des Staates können die Euro-Milliarden an Steuern und Abgaben kaum noch aufnehmen. Inzwischen wirkt der Boom wie ein Jungbrunnen für unsere Sozialsysteme. Lange Zeit vergreisten unsere Krankenkassen, weil die Versicherten älter wurden. Doch weil mehr Menschen aus Spanien, Portugal, Frankreich, Italien und Osteuropa zuwandern, hier arbeiten, und Sozialabgaben zahlen, ändert sich der Trend. AOK, Barmer und Co. altern nicht mehr. Ähnlich geht es der Rentenkasse, denn wer Kassenabgaben zahlt, überweist auch Rentenbeiträge und seit 2010 zahlen über 1,5 Millionen zusätzliche Zuwanderer ein.

Den Boom pflegen

Was das heißt? Um die Rentenkasse zu retten, müssen wir nicht länger arbeiten. Wir müssen den Boom pflegen, mehr qualifizierte Arbeitskräfte anlocken und die Digitalisierung zähmen. Ich hätte da ein paar Ideen.

Warum entlasten die Parteien nicht jene Leute, die das Geld wirklich brauchen? Das sind Geringverdiener, die kaum Steuern zahlen, aber unter Sozialabgaben leiden. Für sie könnte man – ähnlich wie in der Steuer – einen Freibetrag für Sozialabgaben einführen. Das würde den Boom verlängern. Weil diese Menschen viel zu wenig verdienen um zu sparen, müssen sie das Geld ausgeben. Das stärkt die Konjunktur.

Warum fehlt ein vernünftiges Einwanderungsgesetz? Nur so strömen in Zukunft genügend junge Leute ins Land und halten die Wirtschaft in Schwung. Wie segensreich Zuwanderung wirkt, zeigt der Ausländer-Magnet Berlin. Beim Wachstum schob sich die Hauptstadt an die Spitze, vor fast alle anderen Bundesländer. 

Steuern für Roboter

Und warum packen wir die Digitalisierung nicht richtig an? Dass sie eine "epochale Veränderung des Lebens" ist, wie Angela Merkel sagt, stimmt ja. Doch sie kann auch Millionen Jobs bei Banken, Versicherungen, Handel und Industrie vernichten, worunter nicht nur die Menschen litten, sondern auch der Staat. Ihm fehlten Steuern und Sozialabgaben. Warum denken wir nicht über Abgaben für Algorithmen oder Steuern für Roboter nach? Oder grübeln, wie sich die Profiteure der neuen Zeit, die Internet-Popstars Marc Zuckerberg, Jeff Bezos oder Tim Cook und ihre Firmen Facebook, Amazon, Apple und Co. ein wenig schröpfen lassen? Das würde der Rente mehr helfen als länger zu arbeiten.

Der französische Philosoph Voltaire hat einmal gesagt: "Je häufiger eine Dummheit gesagt wird, desto mehr bekommt sie den Anschein von Klugheit." Bei der Rente sollten wir die Dummheiten der Vergangenheit nicht wiederholen. Die Wirklichkeit entscheidet am Ende. Und die Fakten. Michael Burry hat es gezeigt.

   

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