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Deutsche Mittelschicht schrumpft dramatisch

Die Mittelschicht in Deutschland ist in den letzten sieben Jahen deutlich geschrumpft: Fast fünf Millionen Deutsche sind in die Randzonen der Gesellschaft abgewandert, wie eine Studie des DIW ergeben hat. Vor allem klassische Familien sind vom sozialen Abstieg betroffen.

Viele Familien sind heute ärmer als noch vor sieben Jahren

Viele Familien sind heute ärmer als noch vor sieben Jahren

Die Mittelschicht in Deutschland ist in den vergangenen Jahren dramatisch geschrumpft. Der Anteil der Bevölkerung, die über ein Einkommen in der Nähe des statistischen Mittels verfüge, sei in den vergangenen sieben Jahren von 62,3 auf 54,1 Prozent zurückgegangen, so ein Gutachten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Insgesamt seien in den vergangenen sieben Jahren fast fünf Millionen Deutsche aus der Mittelschicht in die Randzonen der Gesellschaft abgewandert.

Parallel zum Abbau der Mittelschicht ist der Anteil der armutsgefährdeten Personen deutlich gewachsen. Personen mit weniger als 70 Prozent des mittleren Einkommens machten im Jahr 2006 über ein Viertel der Gesamtbevölkerung aus. Das bedeutet einen Zuwachs von sieben Prozentpunkten seit dem Jahr 2000. Vor allem klassische Familienhaushalte seien von diesem Abstieg betroffen, so die Autoren der Studie. Kinderlose Paare und Alleinlebende hätten dagegen eher in der Mittelschicht verbleiben können.

Abnahme der klassischen Arbeitsverhältnisse

Als Ursachen für den Abstieg werden zum einen die höheren Risiken auf dem Arbeitsmarkt, die gestiegene Langzeitarbeitslosigkeit und die niedrigeren Einkommen für Arbeitslose beim Arbeitslosengeld II veranschlagt. Zum Anderen beobachteten die Forscher vom DIW, dass sich die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes auf die Einkommensstrukturen auswirkte. So gehen immer weniger Menschen einer festen Vollzeitbeschäftigung nach, während sich immer mehr abhängig Beschäftigte in Teilzeit- oder geringfügigen Beschäftigungen wiederfinden. Die Abnahme der "klassischen" Arbeitsverhältnisse hat sich also negativ auf die Einkommen der Mittelschicht ausgewirkt.

Allerdings sind nicht alle ehemaligen Mittelständler zu Niedrigverdienern abgestiegen: Innerhalb von fünf Jahren gelang elf Prozent der Mittelschicht der Aufstieg in eine höhere Einkommensschicht. Als Niedrigverdiener bezeichnen die DIW-Forscher die Bezieher von Einkünften mit weniger als 70 Prozent des Durchschnitts. Als Spitzenverdiener gelten Deutsche mit Einkünften von mehr als 150 Prozent des Durchschnitts.

Panik im Mittelstand

Neben den statistischen Werten interessierte die Macher der Studie auch die subjektive Einschätzung der Einkommenssituation. Fazit: Die Sorge vor einem sozialen Abstieg ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. So ist der Anteil der Menschen, die sich um ihre wirtschaftliche Situation keine Sorgen machen von rund 30 Prozent in den neunziger Jahren auf rund 23 Prozent in 2006 und 2007 gesunken. Und das, obwohl die vergangenen zwei Jahre von einem wirtschaftlichen Aufschwung geprägt waren. Aufgesplittert nach den Einkommensschichten Niedrigverdiener, Mittelstand und Spitzenverdiener zeigt sich der Anstieg der Besorgnis noch deutlicher. Innerhalb von vier Jahren (2001 bis 2004) ist der Anteil der Niedrigverdiener, die sich große Sorgen machen, von 16 auf 45 Prozent gestiegen. Die Mittelschicht erreichte 2005 ihren Tiefpunkt, als 25 Prozent der Befragten angaben, sie würden sich große Sorgen machen.

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass der Aufschwung der vergangenen zwei Jahre bisher nicht nachhaltig bei den Menschen angekommen ist, auch wenn sich für Ende 2007 eine leichte Trendwende in der Zufriedenheit mit dem Haushaltseinkommen andeutet.

DPA/sh/spi/DPA
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