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Es geht um Integrität und Vertrauen

Die Steueraffäre um Schwarzgeldkonten in Liechtenstein sorgt für viel Gesprächsstoff - auch an der privaten Handelshochschule Leipzig, an der die Top-Manager von morgen ausgebildet werden. Lars Radau hat sich bei den Nachwuchs-Führungskräften umgehört.

Lucas Kohlmann lehnt sich in seinem Stuhl zurück, legt die Fingerspitzen aneinander und schüttelt leicht den Kopf. Was er sagt, klingt eher nachdenklich als schadenfroh. "Spätestens Ende des Jahres wäre der Mann der Elder Statesman der deutschen Wirtschaft gewesen." Diese Reputation, ja "sein ganzes Lebenswerk" für "so etwas" aufs Spiel zu setzen - dafür fehlt sowohl dem 29-Jährigen als auch den meisten seiner Kommilitonen jegliches Verständnis. Kohlmann studiert an der privaten Handelshochschule Leipzig (HHL) - und das "so etwas", von dem er spricht, ist die Steueraffäre um Schwarzgeldkonten in Liechtenstein, als deren prominentester Sünder bislang der ehemalige Post-Chef Klaus Zumwinkel gilt.

Die Bilder von der Razzia in der Privatvilla des Managers, seine Festnahme und der kurz darauf verkündete Rücktritt sind seit Ende vergangener Woche das beherrschende Thema auf den Fluren der Hochschule, die sich selber als "Wiege der deutschen Betriebswirtschaft" und eine der "führenden Business Schools in Europa" bezeichnet. An der HHL studiert Deutschlands Manager-Nachwuchs - und investiert in seine Karriere. Nicht nur vordergründig finanziell - bis zu 27.000 Euro kann die in der Regel zweijährige Ausbildung zum Master of Business Administration (MBA) kosten. Sondern auch persönlich-ideell: Die Hochschule, die in diesem Jahr ihr 110-jähriges Gründungs-Jubiläum feiert, hat sich auf die Fahnen geschrieben, "Unternehmensleiter" auszubilden, die "effizient und verantwortungsbewusst die Management-Herausforderungen des 21. Jahrhunderts meistern".

"Die Grenze muss jeder für sich selbst ziehen"

Und zu diesem Verantwortungsbewusstsein, findet jedenfalls Kohlmanns Kommilitone Christian Abshagen, gehöre es definitiv, "sich in einer so herausgehobenen Stellung auch seiner Vorbildfunktion bewusst zu sein". Auch wenn am Stammtisch oder im Golf-Club nicht selten als dämlich gelte, wer regulär und ohne Tricks am Rande oder gar jenseits der Legalität seine Steuern zahle - für den 31-Jährigen ist die optimale Marschroute trotzdem der "sichere Weg". Soll heißen: Im Zweifelsfall lieber auf einen Vorteil zu verzichten, als später deswegen am Pranger zu stehen und Erreichtes einstürzen zu sehen.

Wo dabei allerdings die Grenze liegt - darüber entspannt sich zwischen Abshagen, Kohlmann und ihren Mit-Studenten Sebastian Möbus und Philip Meißner eine längere Diskussion. Sind die beim Finanzamt eingereichte Taxi-Quittung und Restaurant-Rechnung für einen als dienstlich deklarierten netten Abend mit der Freundin noch ein augenzwinkernd akzeptiertes und durchaus übliches Kavaliersdelikt - oder bereits ein verbotenes No-Go? Die vier werfen sich prüfende Blicke zu, verkneifen sich ein Schmunzeln. "Die Grenze muss jeder für sich selbst ziehen", sagt Sebastian Möbus, für den "im Zweifelsfall das Strafrecht ein guter Maßstab" ist. Einig sind sich die Nachwuchsmanager indes, dass der Grundstein für richtige Entscheidungen bereits im Elternhaus gelegt werde. "Entweder man hat gefestigte Werte - oder eben nicht", sagt Philip Meißner. Bei den meisten Verlockungen, ergänzt Lucas Kohlmann, bestätige sich eben der Eltern-Spruch "Ehrlich währt am längsten". Gleichwohl, betonen die vier Business-Studenten fast unisono, müsse jeder Einzelfall einer "persönlichen Risiko-Ertragsrechnung" unterzogen werden.

Es müsse eine Win-Win-Situation geschaffen werden

Über diesen pragmatischen Ansatz versucht auch Andreas Suchanek, seine Botschaft zu vermitteln. Der 47-jährige Wirtschafts- und Unternehmensethiker gilt als einer der führenden deutschen Experten für den Bereich Unternehmens- und Unternehmerverantwortung und hat an der HHL die Forschungsprofessur für "Sustainability and Global Ethics" (Nachhaltigkeit und Globale Ethik) inne. Seinen Wirtschaftsethik-Veranstaltungen, die für alle HHL-Studiengänge verpflichtend sind, liege die "ökonomisch reformulierte Goldene Regel" zugrunde, erklärt Suchanek: "Investiere in die Bedingungen der gesellschaftlichen Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil".

Es gehe darum, gewissermaßen eine Win-Win-Situation zu schaffen, selbst wenn sich der Einsatz - etwa der Verzicht auf ein "nettes, kleines, nicht ganz sauberes Geschäft", Bestechung oder eben illegale Steuerspar-Modelle - nicht sofort auszahle. "Aber auch Integrität und Vertrauen sind eben Kapital", betont Suchanek. Welche Auswirkungen eine Erosion dieser Werte auch betriebswirtschaftlich nach sich ziehen könne, erlebe gerade der Siemens-Konzern, der nach der Korruptionsaffäre vor allem auf dem wichtigen Absatzmarkt USA nicht nur von hohen Strafen, sondern auch von Ächtung und Auftrags-Boykott bedroht war. "Das hat den Konzern Milliarden gekostet", sagt Suchanek.

"Es kommt der am besten weg, der sich die besten Berater leisten kann"

Noch gravierender indes finden seine Studenten offenbar die gesellschaftlichen Auswirkungen solcher Affären. Sie beeinflussten massiv das "Ungerechtigkeitsempfinden in Steuer- oder Verteilungsfragen", sagt Sebastian Möbus. Wenn am Ende ein Manager wie Klaus Zumwinkel, der sich selbst als Multimillionär bezeichnet, seine Zinseinkünfte verschweigen oder so herunterrechnen könne, dass er noch unter dem für Kleinsparer gedachten Steuerfreibetrag lande, sei die Botschaft fatal: "Es kommt der am besten weg, der sich die besten Berater leisten kann." Das aber, sind sich die vier HHL-Studenten einig, sei in erster Linie dem "unübersichtlichen und zu komplexen Steuersystem" geschuldet, das im Laufe der Jahre wegen einer Fülle von Einzel- und Spezial-Fällen, die durch Gesetze zu regeln versucht wurden, auch immer größere Schlupflöcher öffnete.

Sie halten eine radikale Vereinfachung für sinnvoll. "Wenn es klare und transparente Regeln gibt, wer wann wie viel Steuern bezahlt, klar ist, dass alle ihren Anteil zu tragen haben und transparent gemacht wird, wer dieser Verpflichtung nachkommt, dürfte auch die Bereitschaft aller größer sein, mitzumachen", sagt Philip Meißner. Selbst, wenn ein großer Anteil des Brutto-Einkommens in die Staatskasse fließt. "Erstens ist ja die Gegenleistung des Staates erheblich - und zweitens funktionieren solche Modelle in Skandinavien."

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