HOME

Ein Herz für Millionäre

Jungholz in Österreich zählt 300 Einwohner, aber 15 000 deutsche Bankkunden allein bei der Raiffeisenbank. Sie lockt mit dem "diskreten Goldfinger-Konto".

Die Gemeinde Jungholz in Österreich ist ein recht idyllischer Fleck: 300 Einwohner leben hier, es gibt eine Bäckerei, eine Skischule und jede Menge Kühe auf den Wiesen. Ende des 18. Jahrhunderts entstand in der Dorfkirche ein Deckenfresko, das Maria als Gnadenspenderin zeigt. Gnade spendet in Jungholz aber auch die Raiffeisenbank. Im Schaufenster verspricht sie "ein sicheres Umfeld für Ihr Geld" und rät zur "Luftveränderung für Ihr Kapital". Das kommt an - bei Deutschen. Denn hierzulande müssen sich Wohlhabende, die ihr Vermögen nicht nur auf legalem Wege erworben oder unvollständig versteuert haben, seit dem 1. April vor dem Gesetz zur Förderung der Steuerehrlichkeit fürchten. Es ermöglicht den Zugriff der Behörden auf die Kontodaten.

Wie unfair das viele finden, zeigt ein Blick in den Hinterhof der Raiffeisenbank in Jungholz, der mit BMWs aus München und Daimler aus dem Stuttgarter Raum zugeparkt ist. In der vergangenen Woche gingen bei der Dorfbank Tag für Tag 60 Anfragen aus Deutschland ein. "Bei uns fiel oft die Mittagspause aus", sagt ein Raiffeisenbanker, "so schlimm war's noch nie." Experten rechnen damit, dass zusätzlich zu den rund 50 Milliarden Euro, die schon in österreichischen Steuerparadiesen lagern, in diesem Jahr noch mal 500 Millionen Euro hinzukommen.

Allein bei der Dorfbank in Jungholz, 30 Kilometer südlich von Kempten (Allgäu), haben bereits 15000 Bundesbürger ein Konto eröffnet. Zusammen mit der Sparkasse Jungholz und der Volksbank verwaltet die Raiffeisenbank ein Vermögen von vier Milliarden Euro.

Im Foyer der Filiale plätschert ein Marmorbrunnen, der Tresen ist aus rustikalem Holz, zur Vermögensverwaltung geht's in den ersten Stock hoch. Wolfgang Schweißgut, der Direktor der Bank, empfängt in einem Besprechungszimmer im Landhausstil. Der 41-Jährige weiß, was deutsche Kunden schätzen: Diskretion. Sie sagen ihm, dass sie sich "nicht von vorne bis hinten durchleuchten lassen wollen".

Sein Angebot: das "diskrete Goldfinger-Nummernkonto". Wer so ein Konto eröffnen will, wird in den Keller geleitet. Dort steht ein Lesegerät, in das man seinen Finger hält. Das Gerät fotografiert die Fingerkuppe und speichert die Daten. Dazu wählt man ein Codewort, zum Beispiel "James Bond". Wenn man das nächste Mal kommt, seinen Finger ins Lesegerät hält und "James Bond" sagt, kann man Geld abheben, überweisen oder in Wertpapiere investieren. Niemand stellt Fragen, und auch der Bankmitarbeiter weiß nicht, mit wem er es zu tun hat. "Die Kunden werden in der Regel nicht mit Namen angesprochen", sagt der verständnisvolle Herr Schweißgut. Er schätzt, dass 95 Prozent seiner Kunden das Goldfinger-Konto wählen.

Wer will, kann auf ein Verschlüsselungssystem zurückgreifen, wenn er mit der Bank telefoniert. Andere legen Wert darauf, keine Briefe zu bekommen, die werden dann nur angerufen, wenn es was mitzuteilen gibt, sagt Schweißgut. "Wie viele das sind, kommunizieren wir nicht." Allerdings verrät er noch, dass ein Drittel der Kunden ihr Geld bar vorbeibringen. Der Direktor wirbt damit, dass Österreich auch angesichts neuer EU-Richtlinien so diskret bleibt, wie es ist. Denn im Gegensatz zu 22 anderen EU-Staaten werde man vom 1. Juli an keine Zinseinkünfte von Ausländern an die Heimatfinanzämter melden. Österreich bietet der EU stattdessen an, 15 Prozent Quellensteuer zu erheben.

Schweissgut lächelt.

Er weiß: Auch die Quellensteuer kann man umgehen. "Es ist kein Problem, mehrere 100000 Euro so anzulegen, dass kein Cent Steuer in Deutschland anfällt", sagt er. Man könne sein Geld etwa in Aktien, Investmentfonds oder Stiftungen investieren. "Man muss es schon ungeschickt machen, dass überhaupt Steuern anfallen", sagt Schweißgut und lässt durchblicken, dass er die EU-Quellensteuer für ziemlich zahnlos hält. Finanzexperten von Attac schätzen, dass Deutschland durch Steuerflucht jährlich 14 Milliarden Euro entgehen. Für 14 Milliarden Euro könne man jedes Jahr 100000 Lehrer finanzieren und 9000 marode Schulen renovieren. Bankdirektor Schweißgut aber rechnet so nicht. Er sagt: "Wer die Pflicht hat, Steuern zu zahlen, hat auch das Recht, Steuern zu sparen."

Markus Grill/print
täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools