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Die freundlichste Heuschrecke der Welt

Er ist der reichste Mann des Planeten und lebt immer noch in einem Haus, das er vor einem halben Jahrhundert gekauft hat. Investor Warren Buffett hat erst Milliarden gescheffelt und sie dann gespendet. Besuch bei einem Kapitalisten alter Schule.

Von Katja Gloger

Für Überraschungen ist er immer gut. Zum Beispiel wenn es um Steuergerechtigkeit geht. Denn er zahle einfach viel zu wenig Steuern, sagt er. Er, Warren E. Buffett, der gleich dutzendfacher Milliardär ist. Im Sommer vergangenen Jahres hat er eine Umfrage bei den 18 Mitarbeitern seines Büros gemacht. Und heraus kam: Der Chef hat den niedrigsten Steuersatz, gerade mal halb so hoch wie die Empfangsdame. Das findet Warren Buffett zutiefst ungerecht. "Unser Steuersystem bevorzugt die Reichen", rügt der viertreichste Mann der Welt. Oder er kritisiert die nichtsnutzige Generation der Erben: "Sollen die etwa privilegiert sein, nur weil sie dem Klub der glücklichen Spermien angehören?" Seine drei Kinder müssten arbeiten, sagt Buffett.

Und bei der Kür des US-Präsidentschaftskandidaten unterstützt er den Demokraten, der die größten Popstar-Qualitäten hat - Barack Obama. "Er weiß, wohin er uns führt", lobt der Großinvestor. Seine Ansichten sind eigen, aber wenn sich das einer leisten kann, dann er: Warren Buffett, 77 Jahre alt, 62 Milliarden Dollar reich, ein Superstar des Kapitalismus. Der nette ältere Herr mit der dicken Brille wird weltweit als "Genie" gepriesen, als "Orakel von Omaha" oder gar "Mozart der Finanzwelt". Er wird mit dem Papst und dem Dalai Lama verglichen, und wenn die Rede auf ihn kommt, muss sogar Midas herhalten, jener sagenumwobene griechische König, der alles, was er anfasste, angeblich in Gold verwandelte. Tatsächlich ist Warren Buffett der erfolgreichste Investor aller Zeiten. Seit 42 Jahren führt er die "Berkshire Hathaway Holding". Wer 1965 tausend Dollar in die Aktien seiner Holding investierte, besitzt heute mehr als sieben Millionen Dollar.

Jeder Cent wird wieder investiert

Dividende? Gewinnausschüttung? Gibt’s nicht, basta. Jeder Cent wird wieder investiert. Allein 2006 erwirtschaftete die Holding 16,9 Milliarden Dollar Nettogewinn - mal wieder ein Rekord. Mittlerweile gebietet Buffett über 73 Firmen mit 217 000 Mitarbeitern. Die Hälfte seines Umsatzes von rund 100 Milliarden Dollar erwirtschaftet er mit Versicherungen. Und sein Unternehmen schwimmt regelrecht in Bargeld: 47 Milliarden Dollar. Vor einigen Monaten erst verkaufte er für 3,5 Milliarden Dollar Aktien der chinesischen Ölgesellschaft Petro-China. Allein mit diesem Deal machte seine Firma drei Milliarden Dollar Gewinn. Die Milliarden muss er dringend anlegen. Er sucht was Großes, Milliardenschweres, einen "Elefanten", wie er sagt. Eigentlich müsste dieser Mann mit den kleinen, hellwachen Augen der Prototyp einer Heuschrecke sein, einer dieser global agierenden rücksichtlosen Firmenzerleger. Doch er wird wie ein Heiliger verehrt.

Besonders sichtbar wird das jedes Jahr an einem Wochenende im Mai in Omaha, Nebraska. Dann lädt Warren Buffett zur Aktionärsversammlung. Und jedes Jahr pilgern mehr Aktionäre in den Bundesstaat im Mittleren Westen. Maisfelder. Viehzucht. Kernige Menschen. Hier, im flachen Herzland der USA, wurde Warren Buffett geboren. Hier hat er sein ganzes Leben verbracht, den Hunger und die Armut der Großen Depression überlebt, hier befindet sich das Hauptquartier der Holding. Und hier findet jedes Jahr seine Aktionärsversammlung statt. Zur ersten vor 26 Jahren kamen ganze zwölf Teilhaber. Im vergangenen Jahr quetschen sich 27.000 Fans in das riesige Kongresszentrum in Downtown Omaha. Es ist wie ein Betriebsausflug in ein anderes Amerika. In diesem anständigen Amerika arbeiten ehrliche, bodenständige Kapitalisten wie Warren Buffett. Selfmade-Männer, Protagonisten des amerikanischen Traums, denen persönliche Loyalität und langfristige Anlagen wichtiger sind als gierige Profitmaximierung. "Es ist eine regelrecht religiöse Erfahrung", schwärmt der Kredithändler Kevin Truitt aus Chicago, "die Menschen hier sind so, wie man sich alle Menschen im Leben wünschen würde."

Ein Selfmademan zum Anfassen

Schon um sechs Uhr morgens bilden sich lange Schlangen vor den Toren. Dabei ist auch Adam Halo, der Finanzstudent aus Kansas, der Buffett preist: "Er ist, was jeder werden möchte." Oder Aktionär Jim McElrosy, 63, Lkw-Verkäufer aus Pennsylvania, für den der Investor der lebende Beweis ist: "Wenn du Menschen anständig behandelst, dann wird es sich für dich auszahlen." Und auch der deutsche Fondsmanager Hendrik Leber, 50, der für diesen großen Tag eigens aus Frankfurt angereist ist und sich erhofft, von der "Einsicht und Weisheit" eines großen Mannes zu profitieren. Buffetts Anhängern zumindest scheint es, als könnte der Multimilliardär in seinem stets etwas zu schlabberigen Anzug das Gute in allen wecken. Schon morgens um sieben Uhr absolviert er seinen ersten Auftritt: Er spielt in einer Westernband ein paar Minuten auf seiner Ukulele und brummt zur Cowboy Schnulze "Red River Valley" von gebrochenem Herzen und verlorener Liebe. Gibt sich treuherzig und etwas schrullig, ein Selfmademan zum Anfassen eben.

Das alljährliche Aktionärstreffen ist ebenso Karneval wie Bergpredigt, ebenso Business School für angehende Manager wie Klassentreffen für "Berkshire Buddies". Vor allem gilt es, mit gutem Gewissen möglichst ungehemmt zu konsumieren. Die meisten Berkshire-Hathaway-Firmen haben Stände in der riesigen Ausstellungshalle aufgebaut. Und jedes Jahr wird mehr gekauft: Cowboystiefel und Staubsauger, Fertighäuser, Versicherungen und Diamanten. Der Möbeldiscounter "Nebraska Furniture Mart" macht im vergangenen Jahr rund 30 Millionen Dollar Umsatz. Einer der Renner: das Matratzenset "Warren" zum Sonderpreis von 745 Dollar. "Einkaufen ist gut für die Verdauung", motiviert der Meister. Daneben hält Berkshire Hathaway größere Anteile an Dutzenden Firmen, darunter Coca-Cola, American Express und der Finanzdienstleister Moody’s. Computer? Hightech? Gar Internet? Fehlanzeige. „Davon verstehen wir nichts“, behauptet Buffett. "Das ist uns zu kompliziert. Wir suchen Firmen, die wir verstehen. Firmen, von denen wir wissen, dass deren Produkte auch in vielen Jahren noch genutzt werden. Wie etwa Rasierklingen. Wir denken eben anders als die meisten anderen."

Höhepunkt der alljährlichen Buffett-Show ist die Fragestunde, die immer um Punkt 9.30 Uhr beginnt. Da sitzen er und sein Partner Charlie Munger, 83, sechs Stunden auf harten Plastikstühlen vor grünen Plastikbäumchen, kauen an Erdnuss-Toffees, schlürfen süße Cherry-Cola (schließlich hält Buffett Cola-Aktien im Wert von zehn Milliarden Dollar) und beantworten ihren Aktionären alle nur erdenklichen Fragen. Geduldig, schnörkellos, selbstironisch. Besonders gern hören die Anleger eine von Buffetts Lebensweisheiten: "Regel Nummer eins: Verliere dein Geld nicht. Regel Nummer zwei: Vergiss Regel Nummer eins nicht." Oder: "Sei ängstlich, wenn die anderen gierig sind. Sei gierig, wenn die anderen ängstlich sind." Und er sagt auch: "Zum Erfolg gehört vor allem, Risiken zu vermeiden. Wir treffen intelligente Entscheidungen. Sie sind nicht brillant, aber auch nicht dumm." Und den Rest? Schiebt er auf sein "Business-Gen". Er war noch ein Baby, als sein Vater, ein Aktienhändler, in der Großen Depression arbeitslos wurde. Die Familie hatte so wenig Geld, dass die Mutter auf Mahlzeiten verzichtete, um die Kinder satt zu bekommen.

"Er liegt lange auf der Lauer. Und dann schnappt er gnadenlos zu"

Warren war sechs, als er seine Karriere mit dem Verkauf von Cola-Flaschen begann. "Schon als Kind hatte er nur ein Ziel", schreibt sein Biograf Roger Lowenstein, "den alles beherrschenden Wunsch, sehr, sehr reich zu werden." Mit zehn hatte er die meisten Kapitalanlage-Bücher in der Stadtbibliothek bereits zweimal gelesen, er trug Zeitungen aus und verkaufte gebrauchte Golfbälle. Seine erste Steuererklärung machte er mit 13 - darin schrieb er sein Fahrrad im Wert von 35 Dollar als Betriebsausgabe ab. Stets sparte er eisern. Er war 19 und Ökonomiestudent, als er seine "Bibel" fand: ein Buch seines Professors Benjamin Graham über die Analyse von Wertpapieren. Demnach gilt es, unterbewertete Aktien zu erkennen, früh zu kaufen und dann mindestens so lange zu halten, bis sie ihren wahren Wert erreichen. Das Buch gilt heute als Klassiker. Buffett wurde Grahams bester Schüler. Er kann Jahre, manchmal Jahrzehnte, geduldig auf eine Gelegenheit warten. Doch dann fallen seine Entscheidungen schnell und vor allem vollkommen emotionslos.

"Er ist wie ein altes Krokodil", sagt ein Aktionär. "Er liegt lange auf der Lauer. Und dann schnappt er gnadenlos zu." 1965 kaufte er die marode Textilfirma Berkshire Hathaway und wandelte sie in eine Holding um. Seitdem ist der Aktienkurs um rund 750 000 Prozent gestiegen. Und Buffett wurde zum Mythos. Er hat nie eine einzige seiner Aktien verkauft. Warum auch, schließlich steigen sie im Wert. Er lebt von den 100.000 Dollar Gehalt pro Jahr, das er sich auszahlen lässt, dazu kommen gut 100.000 Dollar Aufwandsentschädigungen. Immer noch wohnt er in dem einfachen Haus, das er vor einem halben Jahrhundert für 31.500 Dollar kaufte. Dort spielt er regelmäßig Bridge mit seinem Freund Bill Gates. "Ich lebe viel besser als all die Superreichen", pflegt er zu sagen. Es sei dumm, sich von Besitztümern regieren zu lassen. "Ich vermisse nichts." Das Hauptquartier seiner Holding ist ein bescheidenes Bürogebäude Downtown Omaha. Einen Computer? Braucht er nicht, sagt er. Die Zahlen hat er im Kopf. Er könne innerhalb von fünf Minuten entscheiden, ob er an einem Kauf interessiert sei oder nicht. Ständig sucht er Gelegenheiten, will jetzt auch weltweit agieren. Doch Elefanten“ müssen es schon sein, ein Kauf unter 20 Milliarden Dollar komme eigentlich nicht infrage, meint er. Sucht er auch in Deutschland? "Würde ich gerne", sagt er da, "doch ich habe noch nichts gefunden."

"Ich kenne viele kluge Investoren, die pleitegegangen sind"

Auf dem Nummernschild seines Autos, so will es der Buffett-Mythos, steht immer noch "thrifty". Geizig. Doch ohne zu Zögern, entschied er sich 2006, 85 Prozent seines Vermögens sukzessive zu verschenken. Für ihn war es ein logischer, ein rationaler Schritt. Er überschrieb es der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, die damit zur finanzkräftigsten Stiftung der Welt wird. "Ich wollte es einfach tun", sagt er. "Der freie Markt ist ein gutes System für dieses Land. Es hat auch für mich gut funktioniert. Für die Armen in der Welt aber funktioniert dieser freie Markt nicht." Nach dem Tod seiner ersten Frau, von der er schon lange getrennt lebte, hat er 2006 noch einmal geheiratet. Doch er ist nun mal 77, und die Geschäftsprinzipien seines Lebens gebieten es, dass er an das Ende denkt, kühl und emotionslos. Jetzt sucht er drei bis vier Nachfolger für sich. Mehr als 600 Kandidaten hätten sich beworben, berichtete er seinen Aktionären im Frühjahr fröhlich, unter ihnen ein Yoga- Lehrer mit eigenem Investmentfonds. Was er von seinen Nachfolgern verlangt? "Unabhängiges Denken, emotionale Stabilität und ein feines Gespür für menschliches Verhalten. Und die Fähigkeit, Risiken zu erkennen, auch solche, die es noch gar nicht gibt. Er muss klug sein. Aber das allein reicht nicht. Ich kenne viele kluge Investoren, die pleitegegangen sind."

Vielleicht sollten es seine Nachfolger zunächst mit ein paar Milliarden versuchen, als Test sozusagen. Auch im vergangenen Jahr absolvierte er seine Aktionärsversammlung vor Tausenden andächtiger Menschen. Spielte, wie jedes Jahr, eine öffentliche Runde Bridge mit Bill Gates. Ging danach, wie jedes Jahr, mit ihm ein dickes Steak essen, im selben Restaurant wie seit Jahrzehnten schon. Und seitdem fährt der alte Mann wieder jeden Morgen um 8.30 Uhr in sein kleines Büro im Kiewit Plaza Downtown Omaha, liest fünf Zeitungen und tut das, was er am besten kann: "nachdenken". Warren E. Buffett sagt, er sei ein glücklicher Mann. Seine Aktionäre scheinen ihm zu glauben. Der Kurs steigt.

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