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Wie Senioren mit mieser Gewinnspiel-Masche abgezockt werden

Sie hofften auf Bargeld oder Kreuzfahrten, doch am Ende waren sie hoch verschuldet: Mit einer dreisten Masche werden vor allem gutgläubige Rentner über den Tisch gezogen. Die Drahtzieher sind kaum auszumachen.

Wie Rentner mit Gewinnspielen abgezockt werden

Statt Geld oder Reisen bekam ein Rentnerpaar immer mehr Briefe - und irgendwann auch Mahnungen. 

Eigentlich ging es dem Ehepaar Hannebohn finanziell gut: Die Pension als ehemaliger Bahn-Mitarbeiter war ordentlich, dazu kam die Kriegsversehrten-Rente. Ein beschaulicher Lebensabend in der Doppelhaushälfte mit dem hübschen Garten. Doch als die beiden Jahre später in ein Altersheim umziehen, sind sie hoch verschuldet. Wie konnte das geschehen?

Elfriede und Siegfried Hannebohn sind dem Gewinnspiel-Fieber verfallen. Sie hatten alles, was sie zum Leben brauchen - doch der Wunsch nach mehr trieb sie in den Ruin, berichten Nachwuchsjournalisten des 53. Lehrredaktion der DJS in München. Ihr bewegender Text wurde in der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" nachgedruckt.

Beim Auszug der Senioren füllten gelieferte Pakete das Haus, viele gar nicht geöffnet, insgesamt 75 Umzugskartons voll. Das Paar bestellte, weil in den Briefen, die sie bekamen, Gewinne versprochen wurden. Mit jeder Bestellung, mit jeder Überweisung kamen neue Briefe, neue Versprechungen. Also orderten sie weiter: Per Post oder Telefon - und hofften auf den großen Gewinn, 

Gewinnzusage - nur leider ohne Gewinn

Christian Gollner von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz klärt auf: " Solche Briefe heißen Gewinnzusagen", heißt es in der "F.A.Z." Doch gewinnen können die Empfänger nichts. Die Briefe sind nur Teil einer dreisten Abzocke. Mit den Versprechungen in den Briefen werden meist ältere Menschen geködert. Es heiße dort, dass sie etwas gewonnen hätten. Sie müssten nur bestellen, schnell anrufen oder Geld überweisen.

So könnten sich die glücklichen Gewinner angeblich durch eine Überweisung oder den Anruf bei einer Hotline für 2,99 Euro pro Minute die Chance auf den Preis sichern. Oder sie sollen bestellen - so würde sich die Gewinnchance erhöhen. Die Hannebohns ersticken am Ende in Tiegeln mit Cremes, Mittelchen gegen Blasenschwäche oder Pillen gegen allerlei Gebrechen. Sie hatten jahrelang teuer telefoniert, fleißig überwiesen und bestellt wie die Weltmeister.

Ältere Menschen fallen häufiger auf die Masche rein

Verbraucherschützer warnen seit Jahren vor solcher Abzocke. Doch gerade ältere Menschen mit geringem Einkommen oder Schulden hoffen auf den Hauptpreis. "Es werden ganz gezielt Datensätze mit Personen über 60 Jahren von dubiosen Adressbrokern angekauft und für Callcenteranrufe verwertet", heißt es bei dem Verein "Antispam", der Hilfe bei dem Thema Gewinnzusagen gibt.

Die Verbraucherzentrale Hamburg hat eine "Schwarze Liste der Abzocker" zusammengestellt. "Die Absender dieser Gewinnaktionen sitzen wohlweislich im sicheren Ausland oder verbergen ihre Identität hinter einer Postfachnummer oder sind aus anderen Gründen unseriös. Versuche, den Gewinn einzufordern, scheitern daher", so die Verbraucherzentrale. 

Gewerbsmäßiger Betrug

Der Drahtzieher hinter der Abzocke der Hannebohns wurde verhaftet - und zeigte sich damals sehr überrascht davon, lässt sein Anwalt die "F.A.Z." wissen. Ein Unternehmens- und Markengeflecht hinter der WVD Direktverkauf GmbH bot nicht nur Gewinnspiele, sondern handelte mit Kosmetik, verkaufte Reisen und Dienstleistungen. Der Kopf dahinter war Gerhard Bruckberger, inzwischen sitzt er seit drei Jahren in Untersuchungshaft. Der Vorwurf: gewerbsmäßiger Betrug. Der 48-Jährige ist bereits zu einer Haftstrafe von vier Jahren verurteilt worden, im September 2015 kamen weitere zweieinhalb Jahre dazu. Bruckberger soll mit der Abzocke "Millionenrad" Kunden aus Deutschland zwischen Dezember 2008 und September 2009 Gewinne vorgeschwindelt haben. Laut dem "Kurier" sollen vor allem ältere Menschen rund 588.000 Euro in diesem Zeitraum gezahlt haben. Insgesamt habe Bruckbergers Firma 50 Millionen Euro von Kunden bekommen. Rund eine Million Menschen soll er weltweit geschädigt haben, so die Wiener Staatsanwaltschaft. 

Aus Gewinnspiel wird Inkasso-Fall

Die Hannebohns werden irgendwann mit Mahnungen bombardiert. Die Inkasso-Firmen "arbeiten effizient. Sie erschaffen eine Drohkulisse aus Mahnungen. In den Schreiben lassen sie so viele Paragraphen sprechen, dass es schwer ist, auszumachen, ob die Mahnungen berechtigt sind oder nicht. Und es sind viele", so die Autoren." Inzwischen sind beide Hannebohns verstorben. Ihre Tochter hat nun das Schlamassel geerbt und bekommt noch regelmäßig Post. Ein Inkassobüro meint, sie habe die Schulden der Eltern geerbt - und pocht auf Zahlung. 

Abzocke: was Betroffene tun können

Die Hamburger Verbraucherzentrale empfiehlt: "Nichts bestellen! Nicht reagieren! Nicht auf eine "Kaffeefahrt" mitfahren! Nicht anrufen!" Sollte man doch in die Falle getappt sein, rät "Antispam" klare Kante zu zeigen. Betroffene sollten das Geld zurückfordern. "Moralische oder rechtliche Bedenken sind dabei fehl am Platz. Schließlich hat sich der Abzocker an Ihrem Konto vergriffen und sich mindestens im Sinne des § 812 BGB "ungerechtfertigt bereichert", wenn nicht sogar eine Straftat im Sinne des Betrugs nach § 263 StGB begangen. Es ist Ihr Geld, nicht das des Abzockers."

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