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Nach dem Brexit ist vor dem Nexit - drei Lehren

Die Briten haben für den Brexit gestimmt - und vielleicht folgt bald der "Nexit": N für Next. Der Glaube, dass "Europa" irgendwie selbstverständlich ist, ist erschüttert. Vieles hängt nun davon ab, ob die Nationalisten in Großbritannien liefern.

EU-Flagge mit Loch

Die EU wird ein permanenter Kraftakt sein, den Laden irgendwie zusammenzuhalten.

Als ich meinem achtjährigen Sohn versuchte zu erklären, was heute Nacht passiert war, fragte er: "Und sind die jetzt auch bei der EM draußen?" Da musste ich lachen, das erste Mal an diesem Tag, an dem ich doch traurig war. Ich bin kein Mensch, der im Genscher-Pathos redet, der von Europa nur mit Tremolo in der Stimme spricht; das einzige, was ich an diesem Morgen spürte, ist, dass eine tiefe Gewissheit verloren gegangen ist: Dass "Europa" irgendwie selbstverständlich ist, dass es "da" war und immer weiter ging.    

Wenn man in der ganzen Sprachlosigkeit, dem Entsetzen, dem ersten Chaos ein paar Worte für die neue Ordnung finden kann, dann nur diese: Dass das "Neuland", von dem nun zitternd spricht, im Grunde ein Niemandsland ist.

Die einzige Gewissheit, die man an diesem Tag hat, ist, dass man sich nun in endlich günstig einen Aston Martin (oder andere Oldtimer) kaufen kann. Der Rest ist Tosen.

Drei Punkte erscheinen nun wichtig:

1. Das Ende der Alternativlosigkeit

Seit vielen Jahren wird Europa und seine Zukunft, vor allem die des Euro, über Angst gestaltet: Dass die Entscheidungen, ob man nun eine Bank oder ein ganzes Land rettet, im Grunde alternativlos ist. Das führte dazu, dass man, egal wie groß der Streit und wie tief die Gräben waren, quasi in letzter Minute rettete – egal, ob es sinnvoll war. Dafür immer schön dramatisch: Spätestens am Sonntagabend, bevor die Börsen in Asien öffneten, stand das Rettungspaket für einen Schulden- und Schluderstaat. Denn die Alternative – nun, die ging halt nicht. Dieses Handeln hat den Zorn auf Europa genährt. 

Nun hat ein Volk just "die Alternative" gewählt, und wir können in Echtzeit verfolgen, was passiert. Klar, heute und die kommenden Tage und Wochen erleben wie erstmal Entsetzen und Chaos. Aber was, wenn diese Alternative etwas Gutes produziert? Wenn Großbritannien prosperieren sollte? Müssen wir dann weiter entsetzt sein? Ich halte das zwar für unwahrscheinlich, aber das Neu- und Niemandsland heißt vor allem: Wir lösen uns unweigerlich aus der Kette des ständigen Begründungszwangs.

2. Die Blaupause der Nationalisten

Seit Jahrhunderten kennt unsere Wirtschaft, grob vereinfacht gesagt, eine simple Formel: Wer Grenzen öffnet, mehrt den Wohlstand. Wer Handelsschranken abbaut, wer Menschen, Kapital und Waren sich frei bewegen lässt, hilft dem Wachstum. Wer Grenzen schließt, tut das Gegenteil – es gibt kein einziges Beispiel in der Geschichte der Weltwirtschaft, wo ein Land, das sich abkapselte und isolierte, auf Dauer den Wohlstand vergrößern konnte. Nun erleben wir eine Blaupause – und die neuen Nationalisten, die im Alleingang und im großen Raus ihr Zukunftsversprechen in die Welt brüllen, müssen das erste Mal liefern. Wir werden schmerzhaft erleben, was der Alleingang bedeutet.

Wir zahlen dafür einen ziemlich hohen Preis, denn nichts hassen Unternehmer mehr als Ungewissheit. Man kann sich gar nicht ausmalen, wie viele Maschinen nun erstmal nicht gekauft, wie viele Fabriken erstmal nicht erweitert werden  – aber das Gute daran ist: Wenigstens wird man sehen, dass das Wohlstandsversprechen der Nationalisten ziemlich hohl ist. Sie haben bisher keinen Plan außer das große Dagegen. Umgekehrt gilt: Sollte England prosperieren, haben wir ein verdammtes Problem. Denn dann wäre der Beweis ja da, dass es allein auch geht.

3. Das Leben mit dem Nexit

Ein Buchstabe wird uns begleiten: N. N für Next – die Nächsten (nicht für die Niederlande, aber die könnten es auch sein). Die Politiker der EU sind seit Ausbruch der Finanzkrise Getriebene, sie konnten den verschiedenen Gefahren immer nur hinterherstolpern, und ihre Macht nur in immer größeren Sätzen demonstrieren ("Whatever it Takes"). Nun erleben wir die nächste Stufe, die EU wird ein permanenter Kraftakt sein, den Laden irgendwie zusammenzuhalten. Die Europa-Formel, dass "immer tiefer" auch "immer besser" bedeutet, war eh schon hohl. Aber es gibt keine neue Formel, außer ein trotziges "irgendwie weiter".

Das Selbstverständnis meiner Generation ist erschüttert. Ja, wir werden weiter für ein Wochenende nach London fahren, werden Hochzeiten in Paris feiern, unsere Kinder werden mit Erasmus-Programmen in anderen Ländern studieren. Wir werden "Europa" leben mit der Freiheit, die für uns selbstverständlich war. Aber es wird anders sein, erstmal ohne Gewissheit, immer im Kampf und irgendwie anstrengend.

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