HOME

170 Euro für 40 Quadratmeter in Hamburg

Fast 40 Quadratmeter für 170 Euro Miete - kalt. Gibt es nicht in Zeiten der Wohnungsnot? Doch, und zwar mitten in Hamburg. Wo ist der Haken? Wir haben uns das Billig-Appartement angesehen.

Von Gernot Kramper

Es bietet sich ein traumhafter Ausblick selbst bei schlechtem Wetter

Es bietet sich ein traumhafter Ausblick selbst bei schlechtem Wetter

Zugegeben, ganz gemütlich ist die Wohnung noch nicht: Auf dem Boden sieht man den nackten Estrich und an den Wänden prangt der blanke Putz. Aber keine Sorge, beruhigt die freundliche Mitarbeiterin der Wohnungsgesellschaft, "selbstverständlich" werde vor Einzug noch tapeziert und auch der Boden werde noch verlegt. Gut. Das Bad ist geräumig und mit extra großen Fliesen ausgestattet. Alles sieht aus wie neu und ist es wohl auch. Gebrauchsspuren lassen sich in Bad und Küche jedenfalls nicht entdecken.

Und dann erst dieser Blick. Selbst an einem diesigen Tag wie heute schweift er weit über Hamburg, in der Ferne trifft er auf Hafenkräne. Kein echter Elbblick, das Wasser kann man nicht erspähen - nur die Aufbauten der größten Pötte auf dem Fluss überragen die Baumkronen, aber immerhin.

Und es gibt es einen großen Balkon, der sich Loggia nennt. Da ist Platz für einen Frühstückstisch und eine Liege - das hier ist Sonnenseite. Nur Höhenangst darf man nicht haben, die Wohnung liegt im 13. Stock. Insgesamt bietet das Appartement fast 40 Quadratmeter, das helle Zimmer bekommt etwas über 20 Quadratmeter ab, neben Bad und Küche gibt es noch einen winzigen Flur und einen sehr praktischen kleinen Abstellraum.

Hier muss man Sidos Text denken: "Meine Straße, mein Zuhause, mein Block - Meine Gedanken, mein Herz, mein Leben - Meine Welt reicht vom ersten bis zum 16. Stock".

Hier muss man Sidos Text denken: "Meine Straße, mein Zuhause, mein Block - Meine Gedanken, mein Herz, mein Leben - Meine Welt reicht vom ersten bis zum 16. Stock".

Nur wenig Interessenten bei der Besichtigung

Der Schnitt ist perfekt, der Preis sensationell: Für 170 Euro kalt bietet die städtische Gesellschaft Saga die Wohnung an - aber offenbar wollen sie gar nicht so viele haben, wie gedacht. Ich hatte mit einem unglaublichen Andrang mit Riesenschlangen, Blockabfertigung und schlecht gelaunten Maklertypen gerechnet. Die Wirklichkeit sieht anders aus, die beiden Angestellten der Hausverwaltung sind entspannte Kumpeltypen und geben bereitwillig Auskunft. Schon auf dem Gehweg haben sie die Interessenten eingewiesen, damit die sich nicht im falschen Hauseingang verirren.

Hausverwaltung bedeutet übrigens auch, dass die bei den Wohnungssuchenden verhasste Maklergebühr nicht anfällt. Am Ende wird die kleine Wohnung doch noch voll, gut 20 Leute schieben sich aneinander vorbei. Da aber niemand allein gekommen ist, können es höchstens zwölf Interessenten sein. Trotzdem beruhigt die Angestellte mit den Bewerbungsbögen alle Besucher: Man habe insgesamt fünf baugleiche Appartements im Angebot, alle werden in den nächsten Wochen fertig. Zwölf Leute - fünf Wohnungen - das sind traumhafte Verhältnisse für Wohnungssuchende.

Nicht alle sind begeistert

Warum sind also nur so wenige gekommen? Das Haus liegt nicht gerade in einem In-Viertel. Auf schicke Cafés, Szene-Kneipen und Boutiquen für Gentrifizierer muss man verzichten. Aber weitab ist es nicht, nur fünf Kilometer Luftlinie sind es bis Ottensen, zwölf Minuten mit dem Fahrrad, dann ist man in einem Viertel, in dem die Mieten gerade explodieren. Mit dem öffentlichen Nahverkehr benötigt man eine knappe halbe Stunde bis zum Dammtor-Bahnhof an der Uni.

Doch Studenten trauen sich hier nicht her. Ich kann jedenfalls keinen entdecken. Das Hochhaus liegt am Osdorfer Born, einer Sozialbausiedlung der 70er Jahre, und die gilt als Hamburg Hardcore und gehört definitiv nicht zur Vanilla World des selbsternannten "Tores zur Welt". Trotz der Renovierung versprüht das Haus den Charme von Sidos "Mein Block", nur ohne die Sexyness des Videoclips. Dabei sieht die Anlage nicht unfreundlich aus, es gibt viel Grün auf den großen freien Flächen. Die Kita genau gegenüber fällt bei einem Ein-Personen-Appartement wohl nicht ins Gewicht.

Die Interessenten wissen, was sie erwartet. Sie kommen aus der Ecke. Das sind: ein schweigsamer, junger Araber mit Freundin, die sich bemüht gute Laune zu verbreiten. Eine Nachtarbeiterin mit superschlankem Körper und abgearbeitetem Gesicht. Sie füllt den Bogen kurz entschlossen aus. Aber nicht jedem scheint es zu gefallen. Der Vietnamese mittleren Alters blickt nur verdrossen aus dem Fenster. Eine kräftige Blondine im Parka zieht wieder ab, ohne den Fragebogen auszufüllen. Sie habe sich die Wohnung nur wegen des Preises angesehen, erklärt sie im Fahrstuhl. Nein, sie sei nicht überrascht, sie kenne den Osdorfer Born. Die Wohnung sei okay, doch sie lebe allein. "Und nachts hier über den Parkplatz? Das ist echt nicht drin."

Der Eingangsbereich mit Plattenlook.

Der Eingangsbereich mit Plattenlook.

So kleben die Wohnungswagen übereinander. Das Appartment liegt im obersten Stockwerk.

So kleben die Wohnungswagen übereinander. Das Appartment liegt im obersten Stockwerk.

Der Balkon ist etwas verspakt und könnte einmal Abkärchern vertragen.

Der Balkon ist etwas verspakt und könnte einmal Abkärchern vertragen.

Weitere Themen
täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools