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Ein Koch im Kampf gegen den Miet-Hai

Drastische Mieterhöhungen nach energetischer Sanierung – ein beliebter Trick bei der Deutschen Annington. In Dortmund hat sich ein Koch dagegen gewehrt – und einen Musterprozess gewonnen.

Von Lukas Heiny

  Carsten Sandfuchs kämpft vor Gericht gegen die Deutsche Annington und gewinnt

Carsten Sandfuchs kämpft vor Gericht gegen die Deutsche Annington und gewinnt

Das hier, sagt Carsten Sandfuchs, das ist meine Heimat, die Straßen des Dortmunder Kreuzviertels, nicht weit vom Stadion des BVB. Hier lebt er, hier arbeitet er. Sandfuchs ist Koch, seine Eckkneipe "B-trieb" liegt nur ein paar Ecken von seiner Wohnung entfernt, viele seiner Nachbarn sind auch seine Gäste, vor allem seine Schnitzel sind berühmt. "Ich kenn hier tausend Leute", sagt er. Und er kocht nicht nur für sie, er kämpft auch für sie.

Carsten Sandfuchs, 49, sitzt am Esstisch seiner Wohnung. Er blättert durch einen dicken, roten Ordner, gefüllt mit Gutachten, Schriftsätzen, Prozessunterlagen, Briefen. Sie erzählen die Geschichte eines Mieters, der sich gegen seinen Vermieter wehrt: die Deutsche Annington. Es ist eine Geschichte wie sie auch in anderen deutschen Städten vorkommen könnte. Überall versuchen Vermieter, ihre Einnahmen zu steigern; vor allem Großvermieter suchen dabei nach immer neuen Tricks. Überall wird bezahlbarer Wohnraum knapp. Überall fragen sich die Menschen: Wem gehört eigentlich unsere Stadt?

Beschwerden über Beschwerden

Bei kaum einem Vermieter gab es jedoch in den vergangenen Jahren mehr Beschwerden als bei der Deutschen Annington, 728 Millionen Euro Mieteinnahmen im vergangenen Jahr, börsennotiert, demnächst vielleicht sogar im MDax. Das Unternehmen sei "als Problemvermieter bekannt", verkündete kürzlich der Deutsche Mieterbund. Rund 185.000 Wohnungen besitzt der Konzern derzeit, niemand hat mehr in Deutschland. Allein in Dortmund gehören mehr als 17.500 Einheiten dazu, viele davon in Sandfuchs' Nachbarschaft, klassische Mietshäuser, drei- oder vierstöckig, erbaut in den 50er Jahren nach dem Krieg.

Sandfuchs zog vor gut sechs Jahren in eines dieser Häuser ein. 1,5 Zimmer, Bad, Balkon, das passte. Gut 38 Quadratmeter für 190 Euro kalt, das passte auch. Er schliff selbst die Holzdielen ab, eine Höllenarbeit, wie er sagt, er schloss seinen silbernen Gasherd an, den er sich als junger Mann mal geleistet hatte, er machte es sich gemütlich. Von der Deutschen Annington wusste er damals nichts. Das änderte sich, als er im Januar 2010 einen Brief bekam. Man kündigte an, "Modernisierungsmaßnahmen" durchführen zu wollen, Dämmung der Außenwand, Dämmung der Kellerdecken, Dämmung des Dachbodens, Wärmeschutzverglasung im Treppenhaus, neue Balkone und so weiter. Auch die Miete werde steigen. Um gut 56 Euro, wie es in einem weiteren Schreiben von 2011 hieß.

Mieterverein warnt vor "Mietpreisschock"

Es ist ein übliches Vorgehen bei der Deutschen Annington wie auch bei anderen Vermietern. Die gezielte Modernisierung von Häusern und die anschließende Mieterhöhung sollen die Einnahmen steigern und die Gewinnerwartungen der Investoren erfüllen. Kosten für Modernisierungen dürfen Vermieter nämlich – anders als reine Reparaturkosten etwa für kaputte Dächer oder Risse in der Fassade – auf die Mieter umlegen. Laut Gesetz dürfen sie elf Prozent der Baukosten auf die Jahresmiete aufschlagen. So lassen sich die Mieten erheblich steigern.

Bei der Deutschen Annington ist das Teil des Geschäftsmodells. Fast jede zweite ihrer Wohnungen, 45 Prozent, wollen die Manager gezielt umbauen lassen, um anschließend Mietsteigerungen zu rechtfertigen, das zeigen interne Papiere, die dem stern vorliegen. In den kommenden Jahren plant der Konzern insgesamt 800 Millionen Euro für den Umbau seniorengerechter Wohnungen und für die energetische Sanierung ein. Das Geld soll sich rechnen. Nach internen Plänen kalkulieren die Manager mit sieben Prozent Rendite für jeden eingesetzten Euro. In der Vergangenheit haben sie dieses Ziel erreicht – weil sie nach den Modernisierungsarbeiten die Mieten um durchschnittlich 22 Prozent anhoben, wie es interne Rechnungen belegen.

So passierte es auch in Sandfuchs' Viertel. Der Mieterverein in Dortmund warnte öffentlich vor einem "Mietpreisschock" und fürchtet die Verdrängung der bisherigen Mieter. In einigen Fällen sind die Mieten sogar um 40 oder 50 Prozent gestiegen. Viele Bewohner zogen daraufhin aus, auch bei Sandfuchs im Haus. Er blieb und wehrte sich. "Die wollen maximalen Gewinn erzielen, die interessieren die Menschen hier nicht", sagt er. Er trommelte die anderen Bewohner zusammen, suchte Hilfe beim Mieterverein, klagte. Sein Prozess wurde zu einem Musterverfahren, Sandfuchs kämpfte auch im Namen seiner Nachbarn. Dreimal saß er im Amtsgericht, es lief gut.

Deutsche Annington verliert vor Gericht

Die Richterin gab ihm vor ein paar Wochen Recht, die Deutsche Annington hatte zu viel Miete verlangt, urteilte sie, sie hatte die neuen Balkone zu groß berechnet, zu viele Umbaukosten als angebliche Modernisierung auf die Mieter umgelegt, zu wenig als Reparaturkosten selbst getragen. Am Ende, so lautete das Urteil, durfte der Konzern die monatliche Kaltmiete nicht um 56 Euro, sondern nur um 37,57 Euro erhöhen. Das Unternehmen will das Urteil anfechten.

Der Mieterverein Dortmund, der die Anwaltskosten für Sandfuchs getragen hat, spricht von einem Urteil, das Hoffnung macht - auch in anderen Auseinandersetzungen. Mittlerweile gibt es ein ähnliches Urteil in einem anderen Fall. Die Mieter müssen sich nicht alles gefallen lassen, erklären die Mieterschützer. Häufig versuchten nämlich gerade Großvermieter, die Miete mit ungerechtfertigten Tricks zu erhöhen. Die Gier der Vermieter, sie ist ein Riesenthema derzeit.

Carsten Sandfuchs zahlt nun die neue Miete, er hat einen neuen Balkon, direkt vor seiner Wohnküche. Er sieht sich als Gewinner. Und, so sagt er, er habe durch die ganze Protestaktion viele neue Leute kennengelernt. Für einige von ihnen kocht er nun ab und zu in seiner Kneipe.

Hier können Sie Autor Lukas Heiny auf Twitter folgen: @LuHeiny

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