Ratgeber Eigenheim

Teure Trugschlüsse

Gerd Oberheid ist Vorsitzender des Arbeitskreises "Barrierefrei Planen und Bauen" in Sachsen. Im stern.de-Interview spricht der Architekt über die Fehler unerfahrener Kollegen und deren weitreichende Folgen.

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Architekten und Bauplaner behandeln das Thema altersgerechtes Bauen oft noch stiefmütterlich©

Herr Oberheid, fließt das Thema altersgerechtes Wohnen ausreichend in das Architekturstudium ein?

Ich lehre selbst an keiner Hochschule und kann auch nicht die Situation in der gesamten Bundesrepublik beurteilen. In Leipzig und Dresden aber gibt es keinen speziellen Fachbereich, der auf dem Gebiet des altersgerechten Wohnens arbeitet. Das wurde aus Kostengründen gekürzt, ein solches Angebot wird aber wieder angestrebt.

Das Thema aus Kostengründen nicht anzubieten - ist das nicht ziemlich kurzsichtig?

Sicherlich. Die demographische Entwicklung ist so, dass in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren etwa die Hälfte der Bevölkerung aus Altersgründen chronisch krank oder sogar behindert sein wird. Dann wird eine völlig andere Wohnstruktur gebraucht als heutzutage.

Warum wird das nicht thematisiert?

Viele Architekten gehen davon aus, dass das barrierefreie Bauen ganz einfach sei, weil es mit einer DIN-Norm geregelt ist. 'Ich schlage in der DIN-Norm nach und schon kann ich das' ist ein weit verbreiteter Trugschluss. Viele öffentliche Gebäude sind gar nicht barrierefrei zugänglich. Das geht sogar so weit, das Rollstuhlfahrer ihre Ärzte nicht nach Behandlungserfolgen, sondern nach den Zugangsmöglichkeiten zur Praxis aussuchen müssen.

Wie sieht die Situation beim Bau von Wohnhäusern aus?

Trotz der Norm ist es ziemlich schwierig, beim Bau alle Notwendigkeiten zu beachten, wenn man sich nicht mit den Betroffenen zusammensetzt. Die Norm behandelt vor allem den Rollstuhlfahrer als Extremfall, weil der die meisten Flächen braucht. Aber es gibt ja auch eine ganze Menge anderer altersbedingter Einschränkungen, die nicht unbedingt Beachtung finden. Ich denke da an Sehschwächen, Gehörprobleme oder Demenz.

Weisen Architekten ihre Kunden auf diese Probleme hin?

Nein, eigentlich nicht. Wir haben hier von der Architektenkammer Sachsen einen Arbeitskreis "Barrierefreies Planen und Bauen". Mit dem haben wir vor kurzem einen Lehrgang zum Thema angeboten. Es war der erste überhaupt. Eine Thematik, die so umfassend ist und in viele Lebensbereiche eingreift, wurde vorher noch überhaupt nicht behandelt. Bei Architekten und Bauplanern geht es ja auch um die Frage von Planungsfehlern, für die man vor Gericht haftbar gemacht werden kann. Da können schnell enorme Kosten entstehen.

Wie findet man einen Architekten, der eine gute Beratung zum altersgerechten Wohnen anbietet?

Es gibt schon einige Kollegen, die eine gute Beratung bieten. Wir sind mit dem Arbeitskreis auch auf vielen Messen präsent und suchen den Kontakt zu jungen Leuten, die sich ein Haus bauen wollen. Dabei geht es ja auch um architektonische Qualität. Wenn ein junges Paar mit Kind heutzutage 250.000 Euro für ein Haus ausgibt und dann mit 60 Jahren feststellt, dass es wieder ausziehen muss, weil es im Haus nicht mehr zurechtkommt – dann ist das Geld ja beinahe in den Sand gesetzt. Wichtig ist die flexible Nutzbarkeit von Gebäuden, damit sie auch im Alter dort noch leben können und eben nicht ins Altersheim müssen.

Sehen junge Menschen diese Probleme?

Schön ist, dass immer mehr junge Leute auch auf uns zukommen und sich informieren wollen. Der Beratungsbedarf ist also definitiv da. Es kommen aber auch viele Menschen um die 60 auf solche Messen, weil sie sehen, dass sie in ihrem Alter noch einmal umziehen müssen. Denn die Lebenserwartung ist so hoch, dass sie sich überlegen müssen, ob und wie es in ihrer bisherigen Wohnung für sie weitergeht. Sie sehen klar, dass sie sich dort nicht mehr selbst bestimmt werden versorgen können. Häufig stehen sie dann vor der Alternative Umzug oder Heim. Gerade die Unterbringung in einem Seniorenwohnheim kann kaum jemand bezahlen.

Was für Lösungsansätze sehen sie sonst?

Es müssen neue Wohnstrukturen konzipiert werden. Ein Zusammenwohnen von jung und alt kann die sozialen und familiären Strukturen wieder stärken. Generationen übergreifende Wohnprojekte sind immer mehr im Kommen - nicht nur von privater Seite, sondern auch von Kommunen und Wohnungsbaugenossenschaften. Es geht um eine Lebensqualität für alle.

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Mehr zum Thema Gerd Oberheid ist Architekt in Leipzig und Vorsitzender des Arbeitskreises Barrierefreies Planen und Bauen der Architektenkammer Sachsen.

Ziel des Arbeitskreises ist es, "die Selbstverständlichkeit barrierefreien Planens und Bauens in das Bewusstsein der Öffentlichkeit und in die Planungs- und Baupraxis tragen". Zu diesem Zweck bietet der Arbeitskreis auch die Broschüre "Barrierefreies Bauen" zum Herunterladen aus dem Internet an.

Interview: Thomas Krause
 
 
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