"Das Volk hat nicht geirrt"

17. Januar 2008, 10:22 Uhr

Der Statistiker Hans Wolfgang Brachinger kann die gefühlte Inflation berechnen. Sie liegt derzeit bei 8,6 Prozent. Ein Gespräch über den täglichen Konsum und die Tücken der Zahlen.

Herr der Zahlen: Hans Wolfgang Brachinger lehrt Statistik an der Schweizer Universität Fribourg©

Herr Brachinger, was ist ‚gefühlte Inflation‘? Haben Sie den Begriff erfunden?

Nein. Ich habe aber einen Index erfunden, mit dem man das Inflationsgefühl der Menschen abschätzen kann.

Wie kam es dazu?

Schon bald nach der Euro-Einführung 2002 haben wir festgestellt, dass die Menschen Preiserhöhungen anders wahrnehmen, als sie der amtliche Index des Statistischen Bundesamtes ausweist. Kein Mensch konnte sich den Unterschied zwischen gefühlter und amtlicher Inflation erklären. Das Bundesamt hat mich dann angerufen, ob ich meine Berechnungen nicht in einem gemeinsamen Projekt umsetzen wollte.

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Misst das Statistische Bundesamt nicht richtig?

Die Inflation ist ein sehr abstraktes Phänomen, das man aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten kann. Die Statistiker greifen dabei zu einem Kunstgriff: Sie tun so, als ob die Verbraucher alle Produkte gleichzeitig konsumieren. Den Verbraucher interessiert aber vor allem die Teuerung bei den Gütern, die er häufig kauft. Der Unterschied wird deutlich, wenn man langlebige Konsumgüter wie Autos und Computer betrachtet. Die belasten mein Budget erheblich, aber ich kaufe nicht jeden Tag ein bisschen Neuwagen oder ein bisschen Computer. Butter und Milch werden dagegen häufig gekauft, fallen aber für die Amtsstatistiker nicht so ins Gewicht. Sie messen also etwas anderes als das, was die Verbraucher interessiert.

Und wie messen Sie?

Wir nähern uns der Inflation aus der Sicht des Käufers. Wir gehen auch von den amtlichen Preisänderungen aus, gewichten sie aber nicht mit den Ausgaben, sondern mit den Kaufhäufigkeiten. Je häufiger ich ein Gut kaufe, desto stärker nehme ich eine Preisänderung wahr. Das trifft vor allem auf Lebensmittel wie Butter und Brot zu, die regelmäßig gekauft werden. Zweitens unterstellen wir eine Verlustabneigung. Dabei nehmen wir an, dass Menschen Preiserhöhungen doppelt so hoch wie Preissenkungen bewerten. Und schließlich beobachteten wir, dass immer noch viele Menschen in D-Mark umrechnen, aber diese Preise sind mittlerweile fünf Jahre alt. Fast alle Preise sind seither gestiegen.

Also haben die Deutschen nicht geirrt, die 2002 nach der Währungsumstellung "Euro gleich Teuro" gerufen haben, obwohl die Statistiker immer beteuert haben, dass die Preise nicht gestiegen seien?

Das Volk hat nicht geirrt. Was nicht heißt, dass das Statistische Bundesamt falsch rechnet. Es konnte das tatsächliche Phänomen mit seinen Methoden nur nicht erfassen. Rechnet man nach unserer Methode, schießt die Inflationskurve bei der Euro-Einführung steil nach oben. Grund heute wie damals: Die Güter, die häufig gekauft werden - und das sind vor allem Lebensmittel -, sind teurer geworden.

Wie hoch ist nun die gefühlte Inflation aktuell?

Der Novemberwert erreicht ein Niveau wie zuletzt zu Zeiten der EuroUmstellung: 8,6 Prozent. Die offizielle Zahl liegt bei 3,1 Prozent ... Ja, und dabei rechnen wir mit denselben Preisdaten wie das Statistische Bundesamt. Wir bewerten sie nur anders. Wo sind die Preissteigerungen am höchsten? Die Preistreiber sind zurzeit die Studien- und Volkshochschulgebühren.

Nicht die Lebensmittel?

Die tauchen in der Top-Ten-Liste auch auf: Die Preise für Butter, Speise- quark und Vollmilch sind nochmals stark gestiegen. Wie sieht es mit Dienstleistungen aus? Friseurbesuche sind deutlich teurer geworden.

Welche Chance hat der Verbraucher?

Kann er der Inflation entgehen? Margarine anstatt Butter essen, Haare selbst schneiden oder aufs Auto verzichten? Ja, durch Verzicht kann der individuelle Haushalt spezielle Teuerungen vermeiden. Aber das bedeutet immer auch einen Verlust an Wohlfahrt. Wenn ich ersatzweise Dinge kaufe, die ich eigentlich weniger mag, nimmt mein Nutzen ab. Allerdings muss man sagen: Je enger das Haushaltsbudget ist, desto weniger kann überhaupt ersetzt werden. Das Existenzminimum kann man nun mal nicht beliebig absenken. Ein Hartz-IVHaushalt hat gegen die Inflation keine Chance.

Glauben Sie, dass die Deutschen besonders sensibel auf das Thema Inflation reagieren, weil sie Geldentwertung und Währungsreform mitgemacht haben?

Das Thema Inflation bewegt seit Einführung der neuen Währung fast ganz Euroland. Mehr noch als die Deutschen klagen Griechen, Spanier, Italiener und Franzosen über gestiegene Preise.

Jetzt fragen sich alle: Wird es im nächsten Jahr noch teurer werden?

Ich befürchte, dass die Preise für Nahrungsmittel und Energie auch im ersten Halbjahr 2008 weiter steigen werden. Die Inflation wird uns aber ganz sicher nicht davonlaufen. Spätestens gegen Ende des kommenden Jahres wird das hohe Preisniveau die Inflationsrate drücken.

Gibt es eine kritische Grenze nach oben?

Hält der Aufschwung an, und die Löhne steigen auf breiter Front, dann würden auch die Preise weiter klettern. Die sogenannte Lohn-Preis-Spirale setzte sich in Gang, und dann würde die Inflation weiter steigen. Derzeit ist die Lohnentwicklung aber eher mäßig. Ich hoffe, das bleibt so.

Und wenn künftig flächendeckend Mindestlöhne eingeführt würden?

Dann sind höhere Inflationsraten zu befürchten. Die produzierten Güter und Dienstleistungen werden vermutlich nicht billiger.

Interview: Elke Schulze

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 01/2008

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