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Disko im Büro: Zu Besuch bei Berlins schrillstem Makler

Makler wird man nicht, Makler ist man: Um Erfolg zu haben, braucht man ererbte Connections. Oder, wie Newcomer Jakob Mähren: Biss, Bauchgefühl und reichlich Ballaballa.

Von Alexander Langer

Jakob Mähren im Dealroom mit Glocke

Im sogenannten Dealroom des Büros hängt eine Glocke, mit der große Abschlüsse gefeiert werden. Dazu gibt's ordentlich Disko-Flair.

Zweieinhalbtausend Jahre Erzählkunst lassen sich getrost so zusammenfassen: Eine schöne Underdog-Story ist wie pures Crack. Und hier ist ein Skript wie frisch vom Dealer: Jakob Mähren, Junge aus dem Norden Berlins. Durchschnittsabi, keine Ausbildung, kein Studium, aber enorm Bock auf Erfolg. Er hat 2000 Euro gespart, mit denen er kleine Aktien handelt. Der Junge macht Gewinn. Immer mehr. Er kauft eine Wohnung und handelt nebenbei weiter, weiter und weiter, kauft Haus um Haus - und hier gerät die Drehbuch-Analogie ins Stocken, weil das Ende des Mittelteils den zwischenzeitlichen Sturz des Helden vorsieht. Aber Mähren schüttelt den Kopf und sagt: "Ich habe bisher jedes Jahr Gewinn gemacht." Der Underdog beißt sich einfach ohne Pause nach oben.

Freitagnachmittag im Firmensitz der Mähren Gruppe am Ku'damm, grauer Winter in Charlottenburg. Mähren ruft nach einem Espresso, hinter ihm sein Firmenlogo, außerdem an der Wand eine Metallschablone von Berlin. Dort sind an den jeweiligen Stellen die vielen Immobilienobjekte eingestanzt, die ihm gehören. Mähren ist Anfang 30, trainiert, wach, großes, weißes Zahnpastawerbungslächeln.

An die große Glocke! Hier werden Deals gemacht
  Arbeitsplatz? Club? Der Dealroom ist das Herzstück des Gebäudes. Hier werden Geschäfte gemacht - und gleich gefeiert. Ein Sale bedeutet Glockenschlag, Diskokugel und Nebelmaschine.

Arbeitsplatz? Club? Der Dealroom ist das Herzstück des Gebäudes. Hier werden Geschäfte gemacht - und gleich gefeiert. Ein Sale bedeutet Glockenschlag, Diskokugel und Nebelmaschine.


Ein Mann, der versteht, dass er in jedem Augenblick seines Daseins ein Verkäufer ist - und das schon seit 14 Jahren. Letztes Jahr hat er über 1200 Wohneinheiten im Wert von über 100 Millionen Euro allein in Berlin angekauft, dazu noch andere Objekte in Leipzig und Halle. Mähren sagt: "Mittlerweile sind wir so etwas wie eine Mischung aus Red Bull und einer Privatbank - diskret, aber trotzdem cool. Ich mache es hier alles ein bisschen anders."

Get-Shit-Done-DNS 

Und das musste er: Der Berliner Immobilienmarkt ist ein Geflecht aus alten Seilschaften. Country-Club-Atmosphäre, Westberliner Good Old Boys, Dazugehörigkeit wird vererbt. Man hebt da nicht einfach so die Hand und macht mit.

  Der Artikel entstammt der aktuellen Ausgabe der Business Punk

Der Artikel entstammt der aktuellen Ausgabe der Business Punk

Mähren ist 20 Jahre alt, als er mit Gewinnen aus dem Onlinetrading seine erste Wohnung in Tegel kauft. "Ich hatte 40.000 Euro aus Derivaten und Futures, hochspekulativem Zeug. Mit der Wohnung wollte ich das Geld in etwas Sicheres stecken." Er erzählt, dass er abends in den Clubs mit dem Wohneigentum angeben wollte, was bei Gleichaltrigen aber mächtig verpuffte: "Heute ist man mit Eigentum König, damals war das mehr als uncool." Mähren renoviert die Wohnung und verkauft sie einem Arztehepaar für weit mehr als das Doppelte. Vor dem Deal besorgt der gerade erst Volljährige sich einen Mantel, um seriös zu wirken. Die Ärmel sind viel zu lang; das Ehepaar ist amüsiert über das Angebot, dass er bei der Finanzierung gerne behilflich sein könnte.

Mähren sagt: "Ich hatte schon immer ein breites Kreuz, war schon immer derjenige, der Sachen organisiert hat, auch für viel Ältere." Man merkt es ihm an der Körpersprache an, hier hat jemand eine Extraportion Getting-Shit-Done-DNS abbekommen, Selbstvertrauen, Bauchgefühl. Er sitzt am Tisch und wirkt dabei geduckt, wie ein brodelnder Sportwagen kurz vor dem Kickdown an der Ampel. Mähren beginnt seine Tage mit Eiswanne, ermutigt seine Mitarbeiter, mit ihm am Morgen frisch gepressten Zitronensaft zu trinken. Sonntags ist ihm "todlangweilig", da zählt er die Stunden bis Wochenanfang runter.

Mähren hat ein Gespür für Berlin

Die Tatsache, dass er als totaler Quereinsteiger in die Berliner Immowelt drängt, kommt ihm schnell zugute: Während andere sich mit neuesten Analysen und Daten über Daten versorgen lassen, vertraut Mähren auf Instinkt und ureigene Parameter. So sieht er lieber nach, in welchen Ecken Berlins seine alten Kumpels unterwegs sind, und kauft dort Objekte. Berlin ist sein Zuhause, sein Markt, er hat für die Stadt ein Gespür. Mitte der Nullerjahre kommt er lange vor anderen auf Neukölln als attraktiven Standort und kauft dort Häuser.

Außerdem ist er sich nicht zu schade, mit eingefahrenem Geschäftsgebaren zu brechen: Seit Urzeiten gilt in Berlin, dass man am Dienstag Immobilien besichtigt und am Freitag beim Notar die Urkunden fertig macht. Was nicht geschafft wird, fällt in die nächste Woche. Mähren vereinbart anfangs einfach Besichtigungstermine für Mittwoch, bei denen er etablierten Playern die am Vortag liegen gelassenen Deals wegschnappt. Man kann sich die Verstaubtheit einer Branche vorstellen, in der ein solcher Move als Guerilla-Move gilt.

Und irgendwo auf seinem Weg nach oben muss Mähren dann aufgefallen sein, dass er sich in der ultrakonservativen Immobilienwelt am besten doch über das Anderssein definiert. Zwar muss er schon bald nicht mehr als Underdog kläffen, aber er gefällt sich in der Rolle. Sucht er anfangs noch mit C&A-Anzügen, gefälschten Fila-Pullis und einem dezenten Kellerbüro Anerkennung im drögen Establishment, feiert er mittlerweile in seinem neuen Firmensitz am Ku'damm eine irrsinnige Verschmelzung von Design, Hightech und Kirmes - bestes Beispiel: der sogenannte Dealroom.

Große Show nach jedem Deal

Hier werden ganz klassisch an Rechner und Telefon Geschäfte abgewickelt. Sobald aber eines eingetütet ist, darf der verantwortliche Mitarbeiter auf die Empore, um die Dealglocke zu läuten. Bei besonders vorteilhaften Deals fahren die Vorhänge zu, eine Lasershow setzt ein, Nebel tritt aus den Wänden. Jeder Mitarbeiter hat seinen eigenen Deal-Song, was an die Einlauf-Fanfaren bei Boxkämpfen erinnert. Wenn die Show startet, sieht man in Mährens Gesicht pure Freude und Begeisterung. Er hat eigens den Bühnenarchitekten von Mario Barth engagiert, der immer wieder mal vorbeikommt, um Details zu optimieren.

Mähren spielt bewusst mit Exzentrik und Klamauk, er kann es sich jetzt erlauben. Es gibt Ergebnisse und Planzahlen: 300 Millionen Euro Investitionsziel für 2016. Zunehmend Ankäufe außerhalb Berlins. Außerdem wagt er sich in die Startup-Welt vor, will in junge Unternehmen investieren. Vielleicht sucht er deswegen auch die Öffentlichkeit: Mit seinem alten Buddy Julian Zietlow produziert er eine Webserie mit dem Titel "The Wolf of Ku'damm", wo er über Ziele, Motivation und Erfolg redet.

Auch wenn Mähren sich gegen allzu viele Parallelen zu Jordan Belfort wehrt, ist doch die Anlehnung an Ästhetik, Bro-Culture und der ungemeinen Lust an hedonistischer Inszenierung offensichtlich. Kennt man den übervorsichtigen Habitus der Branche, dann wirkt Mähren wie ein Detlef D! Soost in "Schwanensee". Lediglich auf der offiziellen Facebookseite prangt ein seltsam nüchternes Banner: "Wir kaufen Mietshäuser."

Ein Satz mit Um

Begleitet man Mähren eine Weile durch sein verspiegeltes Fantasy-Office, dann kann das eine Ohrfeige sein. Erfolg? Beharrlichkeit, Wille, früh aufstehen - es sind die großen Standards, die für ihn zählen: "Der nächste Deal ist immer der beste", sagt er. Und: "Was ist der beste Satz?", fragt er und guckt vorfreudig erwartungsvoll. Kopfschütteln, keine Ahnung: "Umsatz!"

Es ist etwas Archaisches und Rohes, für das er steht - nichts, was man sich noch schnell mit einem Masterstudiengang aneignen könnte, nichts, auf das man mit Kontemplation unterm Baum stoßen würde. Mähren sagt: "In meinen ersten Jahren als Immobilienhändler habe ich tagsüber gearbeitet, nachts dann noch am Computer gesessen und getradet. Stundenlang. Das ging noch viele Jahre so, bis 2007." Vielleicht ist es doch ganz einfach: Früher aufstehen, später einschlafen, vor allem schneller sein als andere - und mit diesen Basics und rosigem Teint einen ganzen Markt übertölpeln.

Das Ziel ist die Milliarde

Der jetzige Zeitpunkt ist nur eine Durchgangsstation für ihn. Über seiner Bürotür prangt die Milliarde, das große Ziel. Zuzutrauen ist es ihm. Auch, weil er weiß, dass noch ein langer Weg vor ihm liegt: "Beim Kauf des ersten Mehrfamilienhauses fühlte ich mich wie Donald Trump. Als ich dann in New York war und vor dem Trump Tower stand, musste ich einsehen, dass der doch in einer anderen Liga spielt." Das Wort "noch" schwingt unüberhörbar mit.

Das ist aber noch nicht alles, der Tag ist noch nicht vorbei. Mähren hat noch eine wichtige Verabredung: Sein Vater braucht neue Schuhe. "Früher war er immer so sparsam, das hat er beibehalten. Ich kümmere mich jetzt darum." Auch das will die Aufstiegsgeschichte: Dass der Underdog dem reinen Kampfmodus entwächst und sich den wesentlichen Dingen zuwendet.

  Der Artikel entstammt der aktuellen Ausgabe der Business Punk

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