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Am Anfang stand der Traum

Leben wie in alten Zeiten? Greise und Junge, Kranke und Gesunde unter einem Dach? Ein renovierter Bauernhof bei Bielefeld wurde zu einem Mehr-Generationen-Haus. stern-Reporter Bernd Volland war für eine Woche mittendrin.

Von Bernd Volland

Es herrscht Stille im Raum. Sie schweigen gern hier. Herr Bartling in seinem Rollstuhl am Esstisch schweigt mit. Wobei es eigentlich wenig gibt, was er hier gern macht. Außer vielleicht schimpfen. Schön haben Sie’s, Herr Bartling - "Das sagen Sie, weil Sie bald wieder wegkönnen" - Was wäre denn der optimale Ort für Sie? - "Nix" - Aber, wo wären Sie lieber? - "Nirgends." Die Tischplatte vibriert rhythmisch. Frau Ernst wippt mit dem linken Fuß, Frau Stockhecke mit dem rechten. Zwischen den Beinen streicht die Katze von Frau Kettler durch. Frau Stockhecke liest ihr Heftchen, "Julia. Sein schönstes Liebeslied". Viele sagen, Herr Bartling in seinem Rollstuhl sei an einem Ort der Zukunft angelangt. "Zukunft? Die ganze Stadt lacht über mich, weil ich hier sein muss." Orte wie diese werden zu Hunderten entstehen, prophezeien Experten. Weil die Zukunft heißt: mehr Alte. Und wer will schon ins Heim ziehen? "Ins Heim? Ich habe meine BMW-Niederlassung aufgebaut, da wollte ich bleiben bis zum Schluss." Vor über 20 Jahren entstanden die ersten Senioren- Wohn- und Hausgemeinschaften wie diese hier in Ostwestfalen. Plätze, an denen Alte zusammenleben können, nicht einsam sind, gepflegt werden können, aber so eigenständig wie möglich bleiben. Rund 300 gibt es heute. "Wohngemeinschaft? Kann man in die Tonne treten. Das hat doch alles die SPD verbrochen." Herrn Bartlings Frau liegt im Zimmer nebenan nach einem Schlaganfall, das ist das Schlimmste. Herr Bartling ist alt, das für sich wäre doch schon schlimm genug. Er, der FDP-Bartling, der BMW-Bartling, sitzt jetzt hier. Nur alte Weiber. Und der Rosendahl und er. Und die jungen Leute oben im ersten Stock, aber die wählen bestimmt alle die Grünen, und am Abend essen sie Löwenzahn.

Draußen hört man ein Pfeifen. Dort ist die kleine Brauerei von Michael Zerbst im Nebengebäude. Zerbst ist ein fröhlicher Mensch, vielleicht liegt das am Löwenzahn, aber eigentlich isst er lieber Steak. Was genau die SPD mit diesem Haus zu tun hat, ist nicht ganz zu klären, vermutlich hängt es damit zusammen, dass Herr Bartling 15 Jahre lang FDP-Stadtrat war. Sicher ist jedoch, dass Zerbst jede Menge damit zu tun hat. Zerbst hatte eine Idee aufgeschnappt, und ist es nicht das, was das Land braucht, im Großen wie im Kleinen: Ideen? Warum sollten Alte und Junge nicht wieder gemeinsam unter einem Dach leben, so wie früher? Er, ein paar Junge, Familien und Alte, Pflegebedürftige in einem Haus. Zerbst arbeitete für den ambulanten Pflegedienst "Lebensbaum" hier in Werther, als der umgebaute Bauernhof zum Verkauf angeboten wurde, 10.000 Quadratmeter Gelände, 800 Quadratmeter Wohnfläche bei Bielefeld, wo 1981 die erste Mehr-Generationen-WG entstand.

Nach diesem Vorbild gründete Zerbst mit Freunden einen Verein, um den Hof zu kaufen. Er schlug sich mit Ministerien, Behörden und den guten Menschen von Caritas und Diakonie herum, die keinen Bedarf sahen, weil es für Senioren doch Heime gebe. Zerbst bekam graue Haare. Zerbst bekam schließlich ein neues Zuhause. 1992 zogen sie ein, heute leben im Erdgeschoss rund zehn pflegebedürftige Senioren und oben zwölf Junge: vier Familien mit sechs Kindern. "Wir sind das, was der Großfamilie noch am nächsten kommt", sagt Zerbst.

"Was man einmal lernt, vergisst man nicht"

Die Familie! Wir kennen die Zukunft schon lange in Zahlen, aber befinden uns noch immer in der Experimentierphase darüber, wie sie zu gestalten ist. 2020 werden fünf Millionen Menschen in Deutschland über 80 sein, 2050 werden die Hochaltrigen zwölf Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die meisten werden höchstens ein Kind haben. Es könnte sehr einsam werden für Alte. Ratschratschratsch. Ratschratschratsch. Frau Stockhecke schält Kartoffeln für das Mittagessen. 40 Jahre war sie Magd, und wenn man ihr nachts eine Kartoffel ins Bett werfen würde, dann würde es zehn Sekunden raschratschratsch machen, und eine Portion Pommes frites würde zurückfliegen. "Was man einmal lernt, vergisst man nicht", sagt Herr Rosendahl, "interessant ist das schon." Herr Rosendahl zwinkert. Das macht er oft, es heißt so viel wie: Wir Jungs wissen doch, wie der Hase läuft.

Am Anfang des Wohnprojekts stand der Traum. Am Anfang übernahmen die Jungen noch die Nachtwache. Und es gab per Babyphone Liveschaltungen in die Zimmer der Alten: "Hallo, hört mich jemand, hier spricht die verrückte Oma, ich wollte nur sagen, dass alles in Ordnung ist." Danke, Frau O., es ist drei Uhr nachts. "Ich würde gerne aufstehen." Frau P., es ist zwei Uhr nachts. "Ich möchte frühstücken." Frau P., es ist vier Uhr nachts. Heute ist für die Versorgung der Pflegedienst zuständig. Es ist nicht das Idyll der großen Kommune, wo die Jungen die Alten pflegen und mit ihnen leben. Die WG ist kein Ort für Träumer. Die Jungen müssen selbst arbeiten, haben Kinder, um die sie sich kümmern müssen. "Wären die Alten auf die Pflege der Jungen angewiesen, hätten wir die absolute Macht im Haus", sagt Zerbst. Er lacht. Zerbst hat den typisch sarkastischen Pflegerhumor, wenn man nur ein Gutmensch ist, frisst er einen auf, dieser Job. Weil man nicht nur mit Menschen zu tun hat, die froh und dankbar sind. Weil das wirkliche Alter kein Zustand reiner Glückseligkeit ist.

"Ist egal, woran sie kaputtgeht"

Zerbst sitzt auf einer Bierbank vor dem Nebengebäude, er hat seine Brauerei selbst aufgebaut. Sein "Rotingdorfer" verkauft sich gut, und wenn sie wollen, bringt er den Senioren ein paar Gläser Freibier, bei Bedarf auch mit Strohhalm. Der Flieder blüht, die Hunde bellen, und von der Bank neben der Haustür hört man eine Lunge rasseln. Dort sitzt Frau Ernst, sie ist dement. Die Lunge gehört ihr, und Frau Ernst teert sie täglich mit ein, zwei Schachteln starken Krauts. Herr Bartling sagt: "Ist egal, woran sie kaputtgeht." Die Pfleger sagen: "Warum sollten wir ihr das nehmen?" Michael Zerbst sagt: "Sie ist hier Mieterin, niemand kann ihr etwas vorschreiben." Eigenständigkeit ist das höchste Ideal der WG. Und es ist der Wunsch aller, die mal alt werden wollen. Bücher über die Zukunft des Alters haben Konjunktur, aber sie beschäftigen sich wenig mit der Situation derer, die heute alt sind. Sie handeln meist von der Gefahr einer Methusalem-Gesellschaft, und als Lösung schlagen sie oft vor, auch im Alter noch jung zu bleiben. Das liest sich gut.

Herr Rosendahl kommt in den Hof, mit seinem Stützwägelchen steuert er zielstrebig auf das Blumenbeet zu. Er sagt: "Das geht schon." Das sagt er immer und lächelt. Heute allerdings hat sein Lächeln etwas Leeres. Seine Zähne sind weg, gestern Abend hat sie ihm der junge Pfleger noch in das rote Schälchen gelegt, und heute, verflixt, nix. Jetzt suchen sie sein Gebiss, und vielleicht hat ja Frau ..., also, so rein versehentlich, die Zähne von Herrn Rosendahl für die ihren gehalten? Hat sie nicht. "Aber gestohlen hat die keiner, da kann ja niemand was mit anfangen", sagt Herr Rosendahl, "obwohl sie ja noch gut sind. Alle 32 drin. Na ja, das geht schon."

Ein Draht-Fahrrad auf dem Nachttisch

Herr Rosendahl ist 79 und erzählt gern. "Kochs Adler, ja, Kochs Adler, 40 Jahre war ich da als Nähmaschinenschlosser, nach dem Krieg bin ich da hin, da war ich bei den Franzosen im Gefangenenlager. 40 Jahre Kochs Adler, die haben zu mir gesagt: Bleib doch noch, Wilfried. Und einer hat mir am Drehtisch ein Spielzeug-Rennrad aus Draht gebastelt, Wolfgang Plah war das, können Sie den im Artikel erwähnen? Das steht jetzt auf meinem Nachttisch. Ich bin ja immer von Halle nach Bielefeld geradelt, einmal lag ein halber Meter Schnee, aber ich war als Einziger pünktlich. Ich geh bald in ein anderes Werk, interessant ist das schon, so ein Werk."

Herr Rosendahl lächelt. Und dann, auf einmal, fängt er zu weinen an. Weil bei Kochs Adler, da hat er immer seine Erika getroffen, morgens am Bahnübergang, sie musste zur Näherei und er zu Kochs Adler, und nach Feierabend haben sie sich wieder am Übergang getroffen. Und dann haben sie geheiratet, vor 54 Jahren. Jetzt lebt Erika allein in einer kleinen Wohnung und kommt einmal in der Woche zu Besuch. Erst vergaß Herr Rosendahl seine Telefonnummer, dann immer mehr, er kippte öfters um, und Vergangenheit und Gegenwart brachte er auch durcheinander. Jetzt ist er allein hier, aber irgendwann kommt sie nach, wenn auch sie nicht mehr zu Hause bleiben kann. Herr Rosendahl weint. "Das geht schon", sagt er. Darum geht es: Das Beste daraus machen. Nicht das Perfekte. Es geht um das Mögliche. Denn zwischen der Idee und der Wirklichkeit stehen die Menschen.

Manchmal hören die Jungen sich ein wenig an wie die Alten, wenn sie von damals erzählen, vom Anfang, als die Euphorie herrschte. Von Frau Mannstein aus Ostpreußen, und wie sie zu Zerbst sagte: "Jungche, bring mirr ne Hahn, ich mach'n dirr in de' Kieche." Wie die ganze Wohngemeinschaft auf der Dachterrasse stand und runterblickte, grün im Gesicht, als Frau Mannstein zur Tat schritt, Zerbst fing das Tier, sie packte den Vogel am Hals und drehte, aber Ostpreußen, das war lange her, die Hände waren schwach, der Kopf wollte zum Verrecken nicht ab, und da musste Zerbst die finale Drehung vollziehen, "Mann, war mir schlecht". Und wie Frau Mannstein sich eine Ente wünschte, dann jedoch krank wurde, aber nichts abgeben wollte und mit der gebratenen Ente in ihrem Bett schlief. Und wie ...

Eine Notlösung, nach der sich keiner sehnt

Der Kontakt zwischen den Generationen hat nachgelassen. Die WG ist ein organisches Gebilde, ihre wechselnde Besetzung bestimmt das Miteinander. Einzelne können die Stimmung der Gruppe vermiesen. Und für die meisten der alten Generation ist die Gemeinschaft mit bisher unbekannten Menschen eine Notlösung, nichts, wonach sie sich sehnen. "Die meisten kommen hierher, wenn es zu Hause wirklich nicht mehr geht", sagt Meik Walkenhorst vom Pflegedienst "Lebensbaum". Wenn sie einziehen, sind sie wenig belastbar. Sie können sich weniger einbringen. Sie identifizieren sich weniger mit der Gemeinschaft. Aber, so glauben die Jungen, das wird sich mit kommenden Generationen ändern, man werde früher zusammenziehen wollen. In Zukunft.

Es sind die kleinen Momente, die heute das Zusammenleben prägen, aber man dürfe das nicht unterschätzen, sagen die Pfleger, die Alten wollten oft nicht viel mehr. Wenn Zerbsts Schwester Tina ihr Baby Frau Schön in den Arm legt. Wenn die Kinder im Garten toben. Wenn sich die Jungen auf der Terrasse dazusetzen. Dass sie darauf achten, was im Haus passiert. Vor Jahren, als ein Team des Pflegedienstes festgelegte Waschzeiten für das Bettzeug einführen wollte, schritten sie ein: Wir sind kein Heim mit mechanischen Abläufen! "Es ist schon schön, dass hier auch junge Menschen sind", sagt Herr Rosendahl. Aber es klingt auch etwas gleichgültig.

Die Bewohner können bleiben, bis zum Schluss, das ist gut, sagen die Jungen. Die Alten reden selten offen über den "Schluss". Durch eine kluge Konstruktion sind fast immer drei Betreuer für höchstens zwölf Bewohner da. So fühlen sie sich nicht als Patienten, die nach festen Plänen Fütterungs- und Waschvorgänge durchlaufen, sie fühlen sich zu Hause, sagen die Pfleger. Die Alten sagen nicht "zu Hause". In Frau Stockheckes Zimmer hängt eine Lichterkette, weil es nachts so dunkel ist und weil Frau Stockhecke Angst hat. Das sagt sie ab und an: "Ich habe Angst." Aber sie kann nicht erklären, wovor. "Ich habe Angst“, sagt sie, wenn ihr einer auf den Stuhl helfen will und sie innehält, und keiner weiß genau, was sie fürchtet: dass sie vom Stuhl fällt, oder einfach irgendwas. Aber sie hat jetzt Lichter im Zimmer, in dem ihre alten Möbel stehen und das Bild von ihr als Kind mit Zöpfen. Auf den Schirmen der Lichter sind Blumen, und nachts sieht es von außen aus, als würde ein kleines Mädchen schlummern.

Es ist das, was sie geboten bekommen. Sie zahlen dafür je nach Pflegestufe zwischen 2000 und 2200 Euro, ein Platz im Heim ist nicht billiger, und das Sozialamt im Landkreis erkennt die Kosten an. Fast alle Angehörigen der Bewohner sagen: Wenn, dann möchte ich auch hierher. Doch ihre Eltern haben es sich nicht ausgesucht, die meisten stehen unter Betreuung, früher hieß das "Vormundschaft". Sie haben sich die Frage nie gestellt, als sie sie noch selbst hätten beantworten können: Wo will ich mal hin? Ein neuer Morgen. Der Tag ist noch heißer als gestern. Die Hunde bellen wieder, und wäre man esoterisch veranlagt, würde man vielleicht behaupten, sie spüren, dass etwas Besonderes passiert ist. Frau Bartling ist heute Nacht gestorben. Und Frau Mittelberg hat Geburtstag.

Die Schwächsten gehören in die Mitte

Herr Bartling sitzt am Tisch. Seine Söhne kommen, und bald diskutieren sie, weil Papa partout nicht hier bleiben will, aber zu ihnen kann er auch nicht. Und eine eigene Wohnung? Das ging ja nach dem Schlaganfall seiner Frau schon nicht mehr gut. Frau Mittelberg hat zum 90. einen Topf Blumen bekommen. Frau Borgelt sagt, "ich gieß sie Ihnen mal", wankt mit steifer Hüfte zum Esstisch und reicht den Hyazinthen einen ordentlichen Schluck "Graf Rudolf Quelle mild". Die Bartlings schieben ihren Vater auf die Terrasse. Die Söhne reden, der Vater schweigt. Er wirkt in seiner Niedergeschlagenheit auch wütend, als wäre er zornig auf die eigene Trauer und das Schicksal. Alle drei sind bei ihm in die Lehre gegangen, ein echter Familienbetrieb, irgendwann hätte er ihn übergeben, und gesorgt wäre für ihn und seine Frau auch gewesen. Aber dann kamen die Banken, und jetzt sitzt Herr Bartling hier, und sein Sohn Dieter besucht ihn täglich mit einem klapprigen 305er Peugeot. Wenn Zerbst und seine Frau alt sind, wollen sie entweder eine Etage tiefer ziehen, oder es kommt ein Aufzug ins Haus, das ist der Plan. Wenn er das Prinzip der WG erklärt, sagt Zerbst immer: "Es muss sein wie bei einer Schafherde: Die Schwächsten gehören in die Mitte. An ihnen müssen sich die anderen orientieren." Und er meint damit nicht nur seine WG. Er meint auch das große Ganze. Man kann das als Sozialromantik abtun. Doch in Wirklichkeit ist es, ganz banal, auch eine Investition. "Nur so kann jeder sicher sein, dass er aufgefangen wird, wenn er selbst schwach wird", sagt Zerbst. Wer sich nicht um die jetzigen Alten kümmert, wird es selbst später schwer haben, eine Form zu finden, die ihn auffängt, wenn es bei ihm mal so weit ist.

Auf der Terrasse ist Leben. Die Kinder haben eine Maus gefangen, jetzt haben sie einen Futtereimer von den Schafen geholt. Frau Ernst sagt: "Donnerwetter!" Frau Stockhecke unterbricht die Lektüre von "Sein schönstes Liebeslied" auf Seite 36. Renate Kettler sagt: "Maus gefangen." Sie sitzt in ihrem Rollstuhl, ihr Kopf hängt leicht zur Seite, die Muskeln sind zu schwach, ihn zu halten. Sie ist die einzige jüngere Pflegebedürftige unten im Haus: 42 Jahre, Multiple Sklerose. Jetzt ist sie hier und verfolgt diese Szene, die sie begreift, weil ihr Verstand klar ist, aber in der sie nicht mitspielen kann, weil ihr Körper oft zu schwach zum Reden ist. "Gras, Maus", flüstert sie. Die Jungen sagen, sie seien auch dankbar für die Anwesenheit des Alters und der Gebrechlichkeit. Sie sind bis auf Zerbst nicht wegen der Alten hergezogen. Die Anlage ist wunderschön, Schafe, Hunde, Hühner, die Mieten sind für alle niedrig. Sie schätzen das Kommunenleben. Aber jetzt wollen sie die Menschen unten nicht mehr missen. Wenn man sie nach dem Grund fragt, erzählen sie oft von Renate Kettler. Weil es beeindruckend sei, wie sie ihr Schicksal annehme, immer fröhlich, lebensdurstig, trotz allem. Und weil es so viele der eigenen Sorgen kleiner scheinen lasse. So geht es ihnen auch mit den Alten.

Die alten Geschichten

Sigrid, die Biologin, die mit ihrem Sohn hier lebt, sagt: "Sie sind ein Spiegel: Das bin ich in 40 Jahren. Und das kann etwas sehr Beruhigendes haben." Sabine, die Frau von Michael Zerbst, sagt: "Allein die Frage nach dem Warum ist pervers. Das Alter gehört dazu. Aber unsere Gesellschaft klammert die jetzigen Alten aus." Vielleicht gerade weil sie ein Spiegel sind, in den man nicht blicken will? Weil er das Gesicht einer Zukunft zeigt, die man schwer ertragen kann, die aber oft unvermeidlich ist, auch wenn sie dank medizinischer Fortschritte ein paar Lebensjahre später eintritt als bei der jetzigen Generation? Weil man Leid sieht oder Schwäche oder am Schluss sogar nur einfach Ruhe? Es zu sehen und akzeptieren zu können sei das Beruhigende, sagt Sigrid. Es ist Abend. Frau Borgelt sitzt auf der Couch. Frau Pahlkötter und Frau Stockhecke sitzen in ihren Sesseln. Sie schweigen zehn Minuten lang. Frau Borgelt sagt: "Was haben Sie gesagt?" - Frau Pahlkötter sagt: "Nichts" - Frau Borgelt sagt: "Ach so." Die Ruhe. Die alten Geschichten. Dass auch sonst noch jemand da ist, der bleibt, nicht nur der kleine Kreis der eigenen Familie. Gebraucht zu werden. Helfen zu können. Man mag jedes dieser Dinge als romantische Kleinigkeit abtun, aber in der Summe ergeben sie ein Lebensgefühl.

Sigrid erzählt gern, wie sie einmal unten am Hauseingang vorbeiging. Da saß Frau Gewiese in ihrem Rollstuhl. Sie weinte. Sigrid schenkte ihr eine geschnitzte Figur. Frau Gewiese lächelte, Sigrid hatte das Gefühl der guten Tat. Gäbe es Zahlen für diese Gefühle, würden Wirtschaftsberater von einer Win-Win-Situation sprechen: Das Geschäft zahlt sich für beide aus. Frau Ernst will in die Raucherecke. Herr Rosendahl sagt: "Lass mal den Ernst vorbei." - "Ich bin nicht der Ernst." Frau Stockhecke kann grimmige Blicke werfen, wenn eine Neue ihr den Platz am Kartoffeleimer streitig machen will. Und was es früher hier für Schlachten zwischen Ostpreußen und Sudetendeutschen gab! Sie kommen aus der Generation, die das Trauma einer Kriegs- und Wiederaufbau-Jugend mit sich schleppt. "Die Verbitterten" nennt man sie oft. "Aber wenn wir alt sind", sagt Zerbst, "werden wir hier draußen auf dem Hof bei einem Bier sitzen, die Sonne genießen und den jungen Pflegerinnen hinterherpfeifen." Sicher? "Nö."

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