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6,4 Quadratmeter für 100 Euro Miete: So wohnt es sich in einem Minihaus

Ein Zuhause, in etwa so groß wie ein 6er-Abteil in der Bahn. Für 100 Euro im Monat. Ist das Leben in einem Tiny-House Traum oder Albtraum? Wir haben das Minihaus getestet.

Minihaus: stern-Reporterin Silke Müller hat es getestet

Eng, aber gemütlich im Minihaus: stern-Reporterin Silke Müller testet die "100-Euro-Wohnung".

Die Uhr zeigt 2.24 Uhr. "Our House, in the Middle of our Street", tönt es auf der Kreuzung zwischen Landwehrkanal und CDU-Zentrale aus einem an der Ampel wartenden Auto. Ich kann mich gar nicht erinnern, überhaupt eingeschlafen zu sein. Nun bin ich wach. Und das Haus in der Mitte der Straße, von dem Madness da singt, darin wohne ich. Mitten in . Nur für eine Nacht.

Es ist ein sonniger, kalter Tag im März, als ich in den Supermärkten rund um den Nollendorfplatz vergebens nach Brennholz für den Bollerofen suche. , Käse, Baguette und ein paar Oliven liegen im Einkaufswagen, es soll ein gemütlicher Abend im Tiny House werden. Schließlich greife ich zu Grillkohle.

Die "kleinste Wohnung " parkt am Bauhaus-Archiv, wo im Laufe des Jahres eine Art Miniaturdorf entsteht, der Campus der "Tinyhouse University". Hier sollen neue Formen des Wohnens, Arbeitens und Zusammenlebens entwickelt und ausprobiert werden.

Mit dem 6,4 Quadratmeter kleinen Haus möchte der Berliner Architekt Van Bo Le-Mentzel ein Zeichen setzen für eine bessere Welt. Erste Etappe auf diesem Weg: günstiges Wohnen in der Stadt für alle – für 100 Euro pro Monat. "Hundert Euro finden selbst Leute akzeptabel, die vom Flaschensammeln leben", sagt Le-Mentzel.

"Kleinste Wohnung Deutschlands"

Tiny Houses sind in Amerika seit der Finanzkrise 2008 eine Alternative für die Mittelklasse, den Traum vom eigenen Dach überm Kopf zu verwirklichen. Und auch in Deutschland finden sie immer mehr Liebhaber. Schreinereien bieten Basismodelle ab etwa 11.000 Euro an, begabte Handwerker können sich im Internet Bauanleitungen herunterladen und selbst loslegen. Allerdings bremst die deutsche Bauordnung den Spaß: Einen legalen Standort für dauerhaftes Wohnen zu finden ist derzeit fast unmöglich.

Le-Mentzels Tiny House ist das Testmodul für ein großes Gebäude, das aus vielen solcher Einheiten bestehen soll: das "Co-being House". Von außen sieht es aus wie ein dänisches Ferienhaus, nur etwas höher. Innen erschließt sich die leichte Disproportion: Es gibt eine zweite Etage. Über eine Leiter klettere ich auf die Schlafebene, ein Teil des Podestes lässt sich mit wenigen Handgriffen hochziehen und in eine Arbeitsfläche verwandeln. Die Beine baumeln beim Schreiben hinab in die untere Ebene.

Die Deckenhöhe lässt den Innenraum großzügig erscheinen, durch die Fenster auf beiden Seiten fällt Tageslicht hinein, die räumliche Enge zwingt zu Ordnung: Jacke wegräumen, in der Kochnische stapeln, Tasche im Badezimmer verstauen. Und zum Umdenken: Wohnte ich hier länger, würde ich keine neuen Bücher mehr kaufen, sondern nur noch leihen, weniger Schuhe und Klamotten stapeln, nicht so viele Lebensmittel horten und häufiger Freunde besuchen, damit das Leben sich nicht ganz so einsam anfühlt. Und um ihr Badezimmer zu benutzen.

Die Nasszelle mit Dusche und dem sogenannten Trennklosett ist hier nämlich nicht zu gebrauchen, denn es gibt auf dem Parkplatz keinen Wasseranschluss, und ich lehne es ab, mich in Plastiktüten zu entleeren.

Minihaus heißt Konstruieren statt Konsumieren

Der Ofen schluckt die Holzkohle, es wird mollig im Häuschen. Um das Probewohnen kurzweiliger zu gestalten, habe ich zwei Freunde eingeladen. Einer sitzt auf dem Sessel, der sich auch zum Bett ausklappen lässt. Der andere kauert auf dem "Berliner Hocker", den Le-Mentzel 2011 zusammen mit weiteren "Hartz-IV-Möbeln" entworfen hat. Quer dient das aus Material für zehn Euro gebaute Objekt zum Beispiel als Tisch oder Kinderstuhl, hoch kann man darauf sitzen. Für Le-Mentzel steht die Idee vom einfachen, selbstbestimmten Leben im Mittelpunkt, die er auch auf seiner Facebook-Seite "Konstruieren statt Konsumieren" propagiert.

Während draußen der Verkehr abnimmt und bei der CDU schon fast alle Lichter aus sind, öffnen wir mit Bordmitteln die erste Flasche Wein: Hammer und Schraubenzieher. Auf dem kleinen Tisch werden Käse, Oliven und Brot ausgepackt, der Fotograf entdeckt ein aus Pappe gefaltetes Radio im Haus. Musik haben wir also auch.

Mit drei Personen und dem Werkstattofen wird die Luft im Haus schnell dick. Oder liegt es an der Wärme und dem Wein, dass die Zungen schwer werden? Als die Gäste längst in ihre wohltemperierten Wohnungen zurückgekehrt sind, krieche ich in voller Montur in meinen Schlafsack. Der Ofen ist aus, die Kälte zieht langsam von unten herauf. Aus dem kleinen Fenster an der Schlafebene kann ich auf die leere Kreuzung schauen. So mitten in der Stadt in einem kleinen Holzhaus auf Rädern zu leben fühlt sich nach Abenteuer an. Aber auch ein wenig nach Abstieg.

So könnte es also enden, im Alter, wenn die Ideen von Le-Mentzel sich durchsetzen. Ein Lebensraum, in dem man sich einmal um die eigene Achse drehen kann? Kalte Nächte und Kotbeutel? Keine schöne Vorstellung. Andererseits: klein, aber mein. Das hat auch etwas Beruhigendes.

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3.46 Uhr. "Rapper’s Delight" aus einem Autoradio. Berlins nächtliche Fahrer lieben es retro. 4.46 Uhr: wieder wach. Hat es eben an der Tür geklopft? Egal, umdrehen und weiterschlafen. Um 6 Uhr ist dann wirklich Schluss. Neben dem Tiny House laden Bauarbeiter Gerüstteile ab, es ist saukalt im Haus und vom Vorabend nicht ein Krümel Baguette übrig. Auf dem Gaskocher brühe ich Tee auf, trete auf die winzige Holzveranda und winke den Arbeitern zu. Und wünsche mir jemanden, der mich abholt: zurück nach Hause, zu Frühstück, Dusche, Zentralheizung. Oder der uns ganz weit wegbringt, mich und das kleine Haus auf Rädern – an einen schöneren Ort. Da würde ich es auch länger aushalten.

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