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Planen, Anpacken, Nerven behalten

28. April 2012, 12:16 Uhr

Das Bauvorhaben Eigenheim ist mehr als nur eine Baustelle - es sind drei: Zum eigentlichen Bau kommen die "Papierbaustelle" und die "Baustelle Zwischenmenschliches". Von Daniela Münster-Daberstiel

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Bevor es mit der eigentlichen Bauphase losgehen kann, müssen künftige Eigentümer viele Informationen einholen und sorgsam planen©

Ein Jahr planen, ein halbes Jahr bauen - klingt seltsam, trifft jedoch auf die meisten Baufamilien zu. Denn vor den Preis - in diesem Fall den Kaufpreis - haben die Götter den Fleiß gesetzt: Zuerst ist das Baugrundstück zu finden, dem folgen Anträge und Genehmigungen. Steht das Projekt, muss die Baufinanzierung her und erst dann geht es zum Notar. Bevor überhaupt der erste Stein in die Hand genommen wird, haben sich einige Aktenordner mit Papier gefüllt, die zusammen mehr wiegen als ein Vorschlaghammer. Die "Papierbaustelle" ist eröffnet.

Keine Kompromisse beim Grundstück

Wer sein Häuschen nicht gerade in Omas Garten errichten kann, für den beginnt das Bauvorhaben Eigenheim mit der Suche nach der passenden Baulücke. Regional unterschiedlich sind Angebote und Preise. Vergleichen ist ein Muss! Ebenso sollte sich die Baufamilie einig darüber sein, wo und wie sie in Zukunft leben, und warum sie überhaupt bauen will. Weil sie naturverbunden im Grünen wohnen möchte? Weil alle Kinder endlich ein eigenes Zimmer brauchen? Weil man selbst die unbegrenzte Freiheit genießen will?

Der persönliche Freiheitsdrang lässt sich in einer eng bebauten Reihenhaussiedlung, in der man beim Frühstück auf der Terrasse gut und gern des Nachbars Zeitung mitlesen könnte, nur schwer ausleben. Draußen im Grünen lebt es sich nicht sehr ökologisch, wenn jeder noch so kleine Weg mit dem Auto gefahren werden muss. Und mehrere Kinderzimmer gibt es auch in einem Mietobjekt.

Bebauungsplan gibt Klarheit

Ist das Traumgrundstück gefunden, muss der Blick in die Zukunft gerichtet werden: Welche Bebauung ist in der unmittelbaren Umgebung geplant? Die romantische Aussicht vom zukünftigen Balkon zeigt heute unendliche Wiesen und Weiden, mit etwas Pech kann dort morgen schon ein Einkaufszentrum oder Fußballplatz entstehen. Der Makler wird darüber keine Auskunft geben (wollen), also führt der Weg ins Rathaus. Bei der Gelegenheit lässt sich prüfen, ob für das "Baugrundstück" auch tatsächlich eine Baugenehmigung erteilt würde. Existiert in der Kommune ein Bebauungsplan, geht dies daraus hervor. Sonst hilft eine Bauvoranfrage beim zuständigen Bauamt, teure Fehlkäufe zu vermeiden.

Wird das Grundstück von einem Bauträger verkauft, so hat dieser auch meist ein Bauprojekt dafür. Das bietet den Vorteil, dass das Haus schon geplant ist und einige lästige Probleme, wie die Erschließung, die Wahl der Baustoffe, die Auswahl des Heizsystems und vieles mehr schon vom Tisch sind. Der Nachteil: Das eigene Traumhaus und das projektierte Objekt können sehr verschieden sein!

Ein Architekt, der mich versteht

Wenn der Bauherr sich in seinem Haus verwirklichen und lieber alles selbst entscheiden will, braucht er in der Regel einen Architekten. An dieser Stelle müssen "Papierbaustelle" und "Zwischenmenschliches" ineinander greifen. Nur ein Architekt, der die Baufamilie versteht, wird das Haus entwerfen, das für alle optimal ist. Zeitdruck ist hierbei ein schlechter Ratgeber. Die Honorarordnung für Architekten regelt das Finanzielle - bei Schnäppchenangeboten ist Misstrauen angesagt. Ein seriöser Architekt kann Referenzkunden benennen, dort nachzufragen sollte man sich nicht scheuen.

In der Entwurfsphase müssen sich die Bauherren und der Architekt viel Zeit für die Abstimmung nehmen. Was wünscht sich die Baufamilie? Ein Märchenschloss? Eine Tempelanlage? Ein Beton-und-Glas-Objekt? Welche Lebensgewohnheiten existieren? Hier steht der künstlerische Anspruch des Architekten häufig im Gegensatz zum Lebensanspruch der Familie. Eine große offene Loft-Wohnlandschaft ist schön anzusehen - spätestens mit zwei Kleinkindern liegen bald die Nerven blank. Festverglasungen in Dachschrägen und Treppenhäusern wirken imposant - solange sie niemand putzen muss. Wendeltreppen bieten Flair - nur nicht für die Möbelträger, welche die XXL-Couch ins Obergeschoss hieven müssen. Nachträgliche Lösungen für Fehlplanungen aller Art können das Baubudget heftig belasten. Weil Bauherren meist nicht vom Fach sind, bieten die Architektenkammern regelmäßig kostenlose Bauherrenberatungen an.

Der erste Spatenstich mit Folgen

Steht die Baufinanzierung, ist die Baugenehmigung erteilt, sind die Baufirmen beauftragt, dann wird es ernst auf der "richtigen Baustelle". Der erste Spatenstich wird gerne zelebriert. Am neuen Spaten aus dem Baumarkt klebt noch das Preisschild, der Bauherr improvisiert eine kleine Rede und Mutti macht Fotos. Doch beim Gedanken an weitere Spatenstiche steht schnell fest: Ein Bagger muss her. Wer selber baggert oder Kumpel Fred das erledigen lässt, tut gut daran zu wissen, wo sich die Versorgungsleitungen befinden. Ein gelbes Markierungsband im Erdreich zeigt Gas- und Wasserleitungen an. Telefon- und Kabelfernsehen liegen meist nicht weit davon. Will man alle neuen Nachbarn kennenlernen, ist eine Möglichkeit die gekappte Telefonleitung... Aber es gibt nettere Wege, sich im Wohngebiet vorzustellen. Der "Rettungseinsatz" der Telekom kann schnell einige hundert Euro kosten. Wird ein Profi mit den Grabungsarbeiten beauftragt, so sollte dieser einen Schachtschein vorweisen können.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Ob man mit einem Generalunternehmer baut oder die einzelnen Gewerke selbst beauftragt - ohne gute Planung und verbindliche Absprachen kann der Traum vom eigenen Haus schnell zum Alptraum werden. Packt die Baufamilie selbst mit an (oft kommt ohne "Muskelhypothek" keine Baufinanzierung zustande), müssen die Aufgaben klar getrennt werden. Schon aus Gründen der Gewährleistung sind alle Absprachen, auch zwischen Bauhelfer-Freunden und Handwerkern, schriftlich festzuhalten. Auf die Bauleitung sollte Verlass sein - doch Kontrolle ist immer besser. Die Zusatzkosten für eine unabhängige Baubetreuung im Auftrag des Bauherren rentieren sich schnell. Der praxiserfahrene Architekt oder ein Bausachverständiger hilft, versteckte Fehler rechtzeitig zu entdecken und fachgerecht beheben zu lassen.

Rohbautoleranzen sind von gestern

Wo gehobelt wird, fallen Späne. Doch bei statischen Bauteilen sind Kompromisse der Holzweg. Wände, Decken, Dach - da können mangelhaftes Material und fehlerhafte Ausführung nicht nur Geld sondern schlimmstenfalls sogar Leben kosten. Auch beim Rohbau kommt es auf Zentimeter an. Wurden früher Ziegelsteine mit Mörtel aufgeschichtet, kommen heute Formsteine zum Einsatz. Mit denen sind gerade Wände und gleichmäßige Fugen kein Zufall. Wenn die Neigung des Fußbodens im Kinderzimmer die Matchboxautos von allein rollen lässt, ist es zu spät für Schadensbegrenzung. Der Begriff "Rohbautoleranzen" sollte der Vergangenheit angehören und dient maximal noch als Ausrede. Türen, Fenster, Treppen, die dank Pfusch am Rohbau nicht mehr standardmäßig passen und in Sondermaßen nachbestellt werden müssen, reißen ein dickes Loch in die Baukasse.

Richtfest ist Halbzeit

Steht der Rohbau und ist der Dachstuhl gesetzt, wird Richtfest gefeiert. Diese Halbzeitpause dient der "Baustelle Zwischenmenschliches". Laden Sie alle Nachbarn ein und vergessen Sie niemanden! Auch nicht den Baufinanzierer, die Steuerberaterin und die "Sponsoren" aus der Familie. Und keinesfalls die Freunde, die beim Innenausbau als freiwillige Bauhelfer mit anpacken wollen. Denn in punkto Eigenleistungen geht jetzt der Stress erst richtig los: Für viele Baufamilien ist diese Ausbau-Phase eine echte Belastungsprobe. Tagsüber Job, abends und am Wochenende Bau - das schlaucht nicht nur körperlich. Will man nicht am Tag des Einzugs gleich die Scheidung einreichen, ist viel Toleranz vonnöten. Und die Gewissheit, dass alles irgendwann geschafft sein wird.

Ein Jahr später

Da, wo die Baufamilie heute am Küchentisch sitzt, klaffte vor einem Jahr noch eine tiefe Grube, umrahmt von rot-weißem Absperrband. Beim Betrachten der unzähligen Fotos, die zu Dokumentationszwecken für die Bank gemacht wurden, wird den Bauherren bewusst, was sie geschafft haben. Das eigene Haus!

Jetzt können sie lachen über Witze wie diesen: "Wasserwaage? Ich bin Trockenbauer, mit Wasser hab ich nichts zu tun!". Und über den Kranfahrer, der immer in den Garten der Nachbarin gepinkelt hat. Nun haben sie sich daran gewöhnt, dass einige Steckdosen hinter den Heizkörpern versteckt sind. Inzwischen wissen alle, dass sich im Bad der Lichtschalter hinter der Tür befindet, und man in die Badewanne klettern muss, um das Fenster zu öffnen. Es fällt auch fast gar nicht auf, dass die Fliesen im Flur gesprungen sind, weil der Estrich noch nicht vollständig durchgetrocknet war. Auch die kleinen Dellen im Parkett und die Tapezierfehler im Wohnzimmer haben sich mit der Zeit "weg geguckt". Als Nächstes ist der Garten dran!

Mehr Informationen...

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Von Daniela Münster-Daberstiel

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