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Diese Einfallslosigkeit kotzt mich an

Eine Flut von Flüchtlingen stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Die Helfer vor Ort leisten Unglaubliches, doch für stern-Redakteur Gernot Kramper sieht es so aus, als würde der deutsche Staat in der Flüchtlingsfrage in einer Mischung aus Bürokratismus, Einfallslosigkeit und Perfektionismus zu Grunde gehen.


  Notunterkunft in Deutschland

Notunterkunft in Deutschland

Der NDR berichtet von sagenhaften Preissteigerungen bei Containern. Ob die Preisexplosion daran liegt, dass der Markt an voll ausgestatteten Wohncontainern einfach leergekauft wurde oder ob sich einzelne hier eine goldene Nase verdienen wollen, kann man schwer beurteilen. Sicher ist aber, dass eine nicht vorhandene Planung zu dem Desaster führte. Überhaupt erscheint es so, als würde der deutsche Staat auch in der Flüchtlingsfrage in einer Mischung aus Bürokratismus, Einfallslosigkeit und Perfektionismus zu Grunde gehen.

Grundsätze für den Unfrieden

Das beginnt bei eisernen Grundsätzen. Etwa dass jedem Flüchtling nur exakt sieben Quadratmeter zustünden. Für mich bedeutet diese Richtschnur, dass mit sieben Quadratmetern pro Kopf kaum ein harmonisches Zusammenleben der Bewohner möglich ist. Aber es ist auch keine friedliche Einquartierung in normalen Wohnungen möglich. Wenn in einem Reihenhaus, das sonst von zwei Erwachsenen und einem Kind bewohnt wird, auf einmal zwölf junge Männer einziehen, ist der Nachbarschaftsfrieden dahin - ganz egal, ob es sich um Flüchtlinge oder um eine Baubrigade handelt. Würde eine fünfköpfige Familie einziehen, sähe das anders aus.

St. Bürokratius

Oder ein anderes Beispiel: In einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein sucht ein Bürgermeister händeringend Unterkünfte. Schon das ist merkwürdig, denn es befindet sich ein stillgelegter Bundeswehrstützpunkt für geschätzt mehr als 2000 Personen im Ort. Angeblich soll die Kaserne nicht den neuen Bestimmungen genügen, für die Soldaten war es vor zwei Jahren aber gut genug. Ein Freund von mir wollte, wo es mit der Kaserne schon nichts wurde, einige Ferienwohnungen anbieten. Das gestaltete sich schwieriger als gedacht. Denn die Wohnungen, sie werden sonst für 100 bis 150 Euro am Tag vermietet, müssten weitgehend umgestaltet werden. Um Missverständnisse gleich auszuräumen: Er dachte an eine ortsübliche Miete und keinen tageweise Abrechnung nach Ferienhaustarif. Neue Küchen sollten her. Was an den vorhandenen Küchen nicht stimmt, konnte ihm niemand beantworten. Nun fürchtet der Eigentümer, dass Dachschrägen und Treppenaufgänge der pitoresken, alten Häuser den neuesten Vorschriften nicht genügen könnten. Seine Begeisterung ist weitgehend abgeklungen. Es ist zum Heulen: Ein Notbett in einer zugigen Halle ist total okay, aber bei einem Haus werden ungenügend isolierten Fenster gerügt oder ein gebrauchter Kühlschrank bemängelt.

Mehr Planung, weniger Engpässe

Ganz unverständlich ist diese Containerkrise. Auch wenn alle Bürocontainer ausverkauft sind, könnte jeder örtliche Handwerksbetrieb einen isolierten Standardcontainer in drei Tagen in eine Unterkunft umbauen. Wenn auf ein eigenes Bad und WC in der Box verzichtet wird, wie in den Großunterkünften üblich, könnte ich als Redakteur das mit einem Kollegen an einem Wochenende hinbekommen. Oder anders gedacht: Mit etwas Koordination hätte jedes Bundesland schon vor sechs Wochen neue Bürocontainer bestellen können - zu Tausenden. Und wenn sie aus Korea oder China geliefert worden wären, sie wären längst da. Und ortsansässige Firmen hätten sie im Handumdrehen gemäß den deutschen Vorschriften ausgebaut.

  Für 15.000 Euro bekommt man ein gebrauchtes Mobilheim im guten Zustand.

Für 15.000 Euro bekommt man ein gebrauchtes Mobilheim im guten Zustand.


Wieso kein Mobilheim?

Noch einfacher wäre es, winterfeste Mobilheime zu besorgen. In Deutschland sind diese Trailerpark-Häuser dank der deutschen Vorschriften relativ selten, in den Niederlanden oder England sind sie die Standardbehausung auf Campingplätzen. Das Angebot auf den einschlägigen Plattformen geht in die Tausende. Eine kleine Gemeinde käme so ganz schnell aus der Bredouille: Diese Häuschen sind winterfest, haben Küche und Bad und sind meist möbliert. Neu sind sie nicht ganz billig, aber gebraucht kostet so ein 40 Quadratmeterhaus um und bei 15.000 Euro. Hinzu kommt noch der Transport, bei dem sich unsere Bundeswehr in der Krise einmal bemerkbar machen könnte. Dann muss man auf einem Gemeindegrundstück nur ein paar einfache Betonfundamente legen und für einen Wasser und Stromanschluss sorgen.

Vorschriften auch mal vergessen

Und richtig: Man müsste auch mal zwei Augen zudrücken, weil es sicher Vorschriften und Bestimmungen gibt, die es strengstens verbieten, zwei dieser Häuschen neben die Freiwillige Feuerwehr, vor das Gemeindeamt oder hinter dem Tor vom Sportplatz aufzustellen. Aber wenn man sich in der Krise über diese Schönwetter-Verordnungen hinwegsetzen würde, müsste man auch nicht versuchen, mit juristischen Winkelzügen ältere Damen aus der gemeindeeigenen Wohnung zu klagen, in der sie seit Jahrzehnten leben, wie es gerade in einem Dorf in NRW geschieht.

 

Und ehrlich: Trailerparkbehausungen sind ein Provisorium, aber bei weitem nicht so ein Mist wie Zeltstädte auf dem Parkplatz. 

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