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Die dubiosen Geschäfte eines Schlüsseldienstes

Gegen "Deutschlands zuverlässigsten Schlüsseldienst" laufen mehrere Ermittlungsverfahren. Trotzdem darf der Einzelunternehmer weiter Türen öffnen. Denn das Gewerbe wird so gut wie nicht kontrolliert.

Ein Erfahrungsbericht von Kerstin Herrnkind

  Die Tür ist zu, der Schlüssel steckt: Mancher hätte da gern diese Auswahl an Zweitschlüsseln. Doch wehe dem, der nun einen Schlüsseldienst beauftragt.

Die Tür ist zu, der Schlüssel steckt: Mancher hätte da gern diese Auswahl an Zweitschlüsseln. Doch wehe dem, der nun einen Schlüsseldienst beauftragt.

Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal Opfer eines dubiosen Schlüsseldienstes werden würde. Fühlte mich gewappnet gegen eine Branche, in der sich viele schwarze Schafe tummeln. Zweitschlüssel beim Neffen hinterlegt. Für den Fall der Fälle wusste ich: Immer einen ortsansässigen Schlüsseldienst anrufen. Und schon am Telefon den Preis erfragen.

Und trotzdem tappte ich in die Falle. Es war an einem Sonntag. Wir waren in Eile und ließen die Tür hinter uns ins Schloss fallen. Ohne zu merken, dass mein Haustürschlüssel noch steckte. Und zwar von innen. Nun half kein Zweitschlüssel mehr. Ein Schlüsseldienst musste ran.

Im Internet stieß ich auf einen "Schlüsselnotdienst in Lübeck". Die Preise, die mir die Mitarbeiterin am Telefon nannte, schienen moderat. Grundgebühr von 43 Euro plus 39 Euro pro angefangener Viertelstunde. "Wenn der Schlüssel nur von innen steckt und die Tür nicht abgeschlossen ist, geht es meist ganz schnell", lockte sie mich und veranschlagte etwa 120 Euro, mit denen ich zu rechnen hätte.

Von Hamburg nach Lübeck

Obwohl die Frau mir am Telefon gesagt hatte, dass der Monteur aus der Nähe käme, warteten wir eine Stunde. Der Monteur Herr S. kam nämlich gar nicht aus Lübeck, sondern aus Hamburg, wie seine Rechnung später verriet. Ein Subunternehmer also, der an eine Telefonzentrale angeschlossen war. Auf seiner Internetseite warb Herr S. für sich als "Hamburgs zuverlässigster Schlüsselnotdienst".

Auf den ersten Blick schien an dem Vertrag, den Herr S. aus der Tasche zog, nichts auszusetzen: 39,90 Euro pro angefangener Viertelstunde, wie am Telefon vereinbart, stand auf dem Vordruck. Mein Mann unterschrieb. Herr S. ging ans Werk. Sekunden später stand unsere Wohnungstür wieder offen. Wir waren froh. Bis es ans Bezahlen ging.

"Ihr könnt Euch die Kosten von der Versicherung zurückholen", sagte Herr S. und senkte verschwörerisch die Stimme. "Ihr dürft nur nicht sagen, dass ihr euch selbst ausgesperrt habt. Ihr müsst behaupten, eine Nachbarin sei es gewesen." Während er dies sagte, trug er Herr S. mit dem Kugelschreiber handschriftlich in den bereits unterschriebenen Vertrag seine angebliche Arbeitszeit ein. Unter die Rubrik "Menge" setzte er die Stundenzahl "5" hinzu. Er berechnete also den Anfahrtsweg von Hamburg, obwohl ich einen Schlüsselnotdienst in Lübeck angerufen hatte. Danach ergänzte Herr S. noch eine angeblich Wartezeit von "3 x 15 Minuten" mit der Hand und kam auf 442 Euro, die wir zu zahlen hätten.

Ich protestierte. "Wenn ihr nicht zahlt, hole ich die Polizei", drohte Herr S. "Genau das machen wir jetzt auch", gab ich zurück. "Dann wird es noch teurer und ihr zahlt auch die Wartezeit bis die Polizei kommt", versuchte Herr S. uns einzuschüchtern. Ich wählte 110.

Verfahren eingestellt

Wenig später drückte ich dem Polizeibeamten 200 Euro für Herrn S. in die Hand. Sollte Herr S. doch versuchen, die restlichen 242 Euro einzuklagen. Wir zeigten Herrn S. wegen Betrugs, Wuchers und Anstiftung zu einer Straftat an. Immerhin hatte Herr S. versucht, uns zum Versicherungsbetrug anzustiften.

Die Staatsanwaltschaft Lübeck stellte die Verfahren "ohne weitere Ermittlungen" ein. "Ein öffentliches Interesse an der Verfolgung besteht nicht." Staatsanwälte befassen sich halt nicht gerne mit solchem Kleinkram.

Bei der Staatsanwaltschaft Hamburg sind fünf Ermittlungsverfahren gegen Herrn S. anhängig. Vier wegen des Verdachts des Betrugs, eines wegen Bedrohung. Wahrscheinlich werden auch diese Verfahren eingestellt. Ohne weitere Ermittlungen. Und weil kein öffentliches Interesse besteht.

Herr S. jedenfalls scheint damit zu rechnen. Er firmiert inzwischen nicht mehr als "Hamburgs zuverlässigster Schlüsseldienst". Auf seiner Internetseite steht zwar noch immer: "Von zufriedenen Kunden empfohlen und bereits seit mehreren Jahren im Dienste Ihrer Sicherheit tätig." Doch er hat seinen Werbeslogan inzwischen geändert. Und nennt sich jetzt: "Deutschlands zuverlässigster Schlüsseldienst".

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