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31. März 2005, 09:20 Uhr

Kollege Angst

Noch nie war die Position der Beschäftigten so schwach. Die Unternehmen machen Druck. Bei vielen Mittelständlern, bei manchen Konzernen steckt dahinter der Kampf ums wirtschaftliche Überleben, manchmal aber auch die Gier nach mehr Rendite. Ob bei Opel oder Karstadt, Miele oder Siemens - die Unternehmen stellen ihre Mitarbeiter vor die Wahl: weniger Lohn, weniger Urlaub, mehr Arbeit - oder sie können gehen. Robert Koehler, Chef des Graphitherstellers SGL Carbon, früher einmal ein Teil von Hoechst, schickt Mitarbeiter, "die die Trendwende in den Köpfen noch nicht vollzogen haben", gern nach China: "Die kommen geläutert zurück. Kennen Sie den Ausdruck 24/7? Der kommt aus China: 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Damit müssen wir konkurrieren", sagt Koehler. 3000 Stellen hat er seit 1999 gestrichen, auch von den Topmanagern haben 80 Prozent eine neue Position oder sind nicht mehr im Unternehmen: "Am Ende muss man Leute auswechseln, die es nicht mehr schaffen, sich auf neue Umstände einzustellen." Das größte Problem sei die mittlere Führungsschicht mit ihrem "Beharrungsvermögen". Aber "die Basis im Unternehmen, die Arbeiter, die sehen, dass uns Inder und Polen die Aufträge wegschnappen, die sehen die Macht des Faktischen. Die sagen, auch wenn es nötig ist, die 40-Stunden-Woche wieder einzuführen, dann machen wir das".

Und es muss ja nicht einmal Polen oder Indien sein: Festangestellte sitzen in vielen Firmen neben Zeitarbeitern, die die gleiche Arbeit erledigen, aber weniger Geld verdienen und schon morgen rausfliegen können. Die Zahl der Leiharbeiter hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt, auch die Zahl der befristeten Stellen ist rasant gewachsen. Ganze Firmenteile werden ausgegliedert, so zum Beispiel beim Chemieriesen Bayer, der rund ein Fünftel seiner 110 000 Angestellten in die Chemie-Neugründung Lanxess verstößt. Christian Berg muss sich erst daran gewöhnen, dass er jetzt nicht mehr "beim Bayer", sondern bei Lanxess arbeitet: "Es heißt, bei Lanxess sind die Betriebsteile, die keine oder geringe Rendite machen. Ja, bin ich dann auch ein scheiß-unrentabler Mitarbeiter?" Ab Mai wird der Wirkstoff, den er in seinem Labor als Betriebsmeister herstellt, nicht mehr gebraucht. Christian Berg sagt, er sei offen für Veränderungen, aber die ständige Ungewissheit zermürbe: "Ich habe manchmal das Gefühl, ich fahre im Blindflug auf eine Straßenkreuzung zu und weiß nicht, ob's da weitergeht."

Sogar wer Gott als Arbeitgeber hat, ist nicht mehr sicher. Silke Walter* arbeitet hinter dicken Klostermauern als Kellnerin im Tagungshotel Walberberg bei Bonn. Ihre Chefs sind Mönche des Dominikanerordens, und deshalb hat sie sich hier immer gefühlt "wie in Abrahams Schoß". Doch jetzt wird das Hotel geschlossen, es sei nicht mehr profitabel genug, sagt die Ordensleitung. "Über 40 Mitarbeiter müssen Ende des Jahres gehen", sagt Silke Walter. Pater Bernhard, der Mönch, der für das Klosterhotel zuständig ist, hat bei der Ordensleitung für die Mitarbeiter gekämpft, bis nach Rom hat er geschrieben, aber es half alles nichts. Jetzt wird er nach Hamburg strafversetzt und darf über den Fall nicht mehr öffentlich sprechen. Aber eine Rede zum Betriebsjubiläum von Dorthe Hackbusch* hält er heute noch. 25 Jahre ist sie jetzt als Kellnerin dabei. Pater Bernhard in weißer Kutte, mit dickem Bauch und Ohrring, umarmt sie. Ein junges Zimmermädchen sagt, eine solche Feier werde sie wahrscheinlich nicht mehr erleben: "Wenn ich älter bin, gibt's keine 25-jährigen Betriebsjubiläen mehr."

Gerade unter den Jüngeren hätten die Zukunftssorgen deutlich zugenommen, so der Wirtschaftswissenschaftler Wolfgang Stegmann von der Fachhochschule Köln, der seit 15 Jahren Menschen zu ihren Ängsten am Arbeitsplatz befragt. Stegmann bemerkt den Wandel schon bei seinen Studenten: "Früher haben die von ihrem Traumjob gesprochen. Heute gehen sie pragmatischer und sorgenvoller an die Zukunftsplanung heran. Sie haben Panik, die Probezeit nicht zu bestehen. Sie wissen, dass ihre Einstiegsgehälter deutlich niedriger sein werden als die vor ein paar Jahren. Immer mehr werden auch als ewige Praktikanten ausgebeutet."

Stegmann hat berechnet, dass die Folgen der Angst die deutschen Unternehmen im vergangenen Jahr 100 Milliarden Euro gekostet haben - doppelt so viel wie vor acht Jahren. Angstgesteuerte Mitarbeiter bringen mindestens 20 Prozent weniger Leistung, sind häufiger demotiviert, greifen öfter zu Alkohol oder Aufputschmitteln, auch mobben sie häufiger Kollegen.

Ein bisschen Angst am Arbeitsplatz sei ja ganz gut, meint Stegmann: "Wohldosierte Angst steigert die Produktivität. Wer sich zu sicher fühlt, schlafft manchmal ab oder trifft leichtsinnige Entscheidungen." Doch schlimm sei es, wenn Angst missbraucht würde, etwa, um Mitarbeitern ständig mehr abzuverlangen, als sie eigentlich leisten könnten: "Dann lähmt die Angst irgendwann nur noch, alle ducken sich, passen sich an. Kreativität braucht einen gewissen angstfreien Raum. Langfristig verschleißen Sie mit einem hohen Angstpegel Ihre Mitarbeiter."

Anja Franke* sitzt in einem Café. Als ein Mann am Nebentisch hustet, blickt sie gereizt in seine Richtung: "Ich fürchte mich vor jedem Virus." Sie war im vorigen Jahr oft krank, da haben ihre Chefs im Architekturbüro sie zu sich gerufen: "Wir können uns dich nicht mehr leisten, du fehlst zu oft. Bei der nächsten Krankheit fliegst du." Jetzt schleppt sich die 29-Jährige jeden Tag zur Arbeit, egal, wie schlecht sie sich fühlt, "zum Arzt gehe ich gar nicht mehr, der schreibt mich nur krank". Sie schämt sich, weil sie sich so unter Druck setzen lässt, weil sie nicht einfach kündigt: "Ich sollte erhobenen Hauptes gehen." So wie einige Kollegen vor ihr. Aber die sind jetzt arbeitslos.

Früher wurden Leistungsschwächen in den meisten Betrieben noch toleriert; wer ein paar Tage Liebeskummer hatte oder ein paar Monate die kranke Mutter pflegen musste, wurde halt eine Zeit lang mitgezogen. Heute trauen sich viele Angestellte nicht mehr zu zeigen, wenn es ihnen schlecht geht. Der Krankenstand in deutschen Betrieben ist auf einem Rekordtief. 2003 arbeiteten laut einer AOK-Studie mehr als 70 Prozent der Beschäftigten auch dann, wenn sie sich "richtig krank" fühlten. Auch im öffentlichen Dienst sei "nischt mehr mit Gemütlichkeit", meint Doris Reimann, Frauenbeauftragte im Sächsischen Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft. Frauen hätten Angst, Auszeiten für die Pflege kranker Angehöriger zu nehmen oder in Erziehungsurlaub zu gehen: "Die sagen, ich kann doch jetzt nicht raus, sonst bin ich ganz raus."

Clara Dietrich* hat ihr Kind im Job als "eine Art Behinderung" erlebt. Sieben Jahre hatte sie als Teamleiterin in einer Hamburger Werbeagentur geschuftet, und auch mit Babybauch saß sie bis acht Uhr abends am Schreibtisch. Doch nach dem halben Jahr Erziehungsurlaub sagte ihr Chef zur Begrüßung, sie sei ja jetzt leider nicht mehr voll einsetzbar. Sie bekam nur noch Praktikantenjobs, musste den Firmenwagen abgeben. Ihr Chef suchte nach Fehlern bei allem, was sie tat. Und tatsächlich, sie machte Fehler: "Ich saß völlig angstgesteuert am Schreibtisch, mein Herz raste, ich kriegte nichts mehr hin." Irgendwann kapitulierte sie. Nun ist die Alleinerziehende arbeitslos. In Hamburg registrierte das Amt für Arbeitsschutz voriges Jahr 300 Versuche, Schwangeren und Müttern im Erziehungsurlaub zu kündigen - gesetzlich ist das verboten, immer mehr Firmen versuchen es trotzdem.

"Mit dem Kuschelklima in Betrieben ist es vorbei", sagt Ute Schmidt-Brasse, die seit 1977 als Unternehmensberaterin arbeitet. Waren Entlassungen früher etwas Unanständiges, so seien sie heute Mittel der ersten Wahl. In einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger mit dem Titel "Restrukturierung in Deutschland - früher, schneller, härter, aber noch nicht gut genug" geben 99 Prozent der befragten Firmen an, in einer Krise das Personal zu reduzieren.

Wo die Mitarbeiter froh sind, dass sie überhaupt noch einen Job haben, wird auch weniger dafür getan, sie zu motivieren. Wenn ein Hamburger Verlag die Weihnachtsfeier für die Mitarbeiter "aus Kostengründen" in den Januar verlegt, wenn der Chef der Justizbehörde in Nürnberg seinen Mitarbeitern das Halten von Topfpflanzen auf Fensterbänken verbietet - Grund: die Pflege beanspruche kostbare Dienstzeit -, dann sind das nur lächerliche Vorkommnisse. Aber auch sie tragen bei zum schlechteren Betriebsklima, weil sie dem einzelnen Mitarbeiter zeigen: Du bist uns nicht mehr so wichtig. Auch in Weiterbildung wird weniger investiert, hat Unternehmensberaterin Schmidt-Brasse festgestellt. "Firmen müssten ihre Mitarbeiter aber fachlich fit halten, wenn sie ihnen keinen sicheren Arbeitsplatz mehr garantieren können."

Alexander Fräßle* hat seine Weiterbildung selbst in die Hand genommen. Der 28-jährige Elektroniker arbeitet bei Opel Rüsselsheim. Die Diskussion über Werksschließungen bei Opel haben ihn "aus der heilen Welt gerissen", sagt Alexander Fräßle. Er habe viele gestandene Männer weinen sehen in den vergangenen Monaten, er habe Solidarität erlebt, aber auch Duckmäuser- und Mitläufertum, sogar einen Kollegen, der gezielt andere anschwärzte, um seinen Arbeitsplatz zu retten. Alexander Fräßle begann, sich nach Feierabend durch Wirtschaftsbücher zu kämpfen: "Das war viel Fachlatein, aber ich wollte begreifen, was da mit uns passiert. Das Leben ist eben mehr als "Bild" und Glotze", sagt er. Er überlegt, seine Aktien zu verkaufen: "Jeder, der Aktien hat oder Lebensversicherungsfonds, sägt an seinem eigenen Stuhl. Die Aktie geht rauf, wenn ich rausgeschmissen werde." Er ist in die SPD eingetreten, "um von der Basis her was zu verändern", und er will sich neben dem Opel-Job noch selbstständig machen. Vor der Krise, sagt Fräßle, wollte er sein Leben genießen. Jetzt will er es verstehen und selbst bestimmen. "Denn es kann doch nicht sein, dass ich irgendwann einfach entlassen werde, und das ist es dann. Dass plötzlich nicht mehr zählt, was ich die letzten Jahre getan habe."

*Name von der Redaktion geändert

Nikola Sellmair
Mitarbeit: Catrin Boldebuck, Markus Grill, Carola Kleinschmidt, Constanze Löffler, Brigitte Zander

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 14/2005

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