
Till Petersdorff, Junior-Projektleiter beim Windkraftanlagenbauer Nordex in Norderstedt. Ausbildung: Studium zum Wirtschaftsingenieur© Bärbel Schmidt
Und trotz schwächerer Konjunktur glaubt Ludwig Georg Braun, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), dass es in diesem Jahr noch besser wird. "Ich bin zuversichtlich, dass wir den Rekordwert von 2007 übertreffen", sagt er und beruft sich auf erste Meldungen aus den Regionen.
Endlich: Nach Jahren der Massenentlassungen und Einstellungsstopps profitiert nun auch der Nachwuchs von der Trendwende auf dem Arbeitsmarkt. Und nicht nur die "Galopper des Jahres", also die Jahrgangsbesten, haben eine Chance auf einen guten Start. Selbst die Sorgenkinder, Tausende von Altbewerbern, die seit Jahren, einer riesigen Bugwelle gleich, über den Arbeitsmarkt geschoben werden, sind gefragt. Und zwar dort, wo die Nachwuchssorgen am größten sind - etwa auf dem Bau.
Die Branche sucht verzweifelt Maurer, Stahlbetonbauer und Zimmerer. In ihrer Not greifen nun 20 Baufirmen in Bayern zu einem Mittel, mit dem sonst nur die Topkandidaten der Universitäten umworben werden: Sie veranstalten ein Recruiting- Event - das Baucamp 2008.
51 Jugendliche sind zum dreitägigen Casting mit der Maurerkelle nach Stockdorf bei München angereist. Sie kommen aus zerrütteten Elternhäusern, viele haben miese Noten, Alkohol- oder Drogenprobleme. Hauptschüler wie Alexander Baumeister, der schon 24 ist, eine Ausbildung zum Koch abgebrochen hat und nun seine Zeit auf dem Sofa mit der Spielkonsole in der Hand verzockt. "Aber ich kann zupacken, das will ich hier beweisen."
Die Jungs schlafen auf Feldbetten in einer provisorisch umgebauten Turnhalle. Die Regeln sind streng: kein Kaugummi, kein Alkohol; wer eine Schlägerei anzettelt, fliegt raus. Um 23 Uhr ist Zapfenstreich. Kay Gerber, Bauleiter der Alpine Bau AG, sucht sechs Azubis und sagt: "Wir müssen den jungen Männern erst wieder eine klare Ordnung vermitteln. Wichtig ist nur, dass wir das in ihrer Sprache tun. Das Casting- Prinzip kennen sie aus dem Fernsehen, das funktioniert." 44 Jugendliche halten die drei Tage durch. 30 von ihnen reisen mit einem Lehrstellenangebot in der Tasche nach Hause - darunter auch Alexander.
Janina Hansen, 20, kommt aus einer ganz anderen Welt. Mit einem Einser-Abi und den Leistungskursen Mathe und Physik kann sie sich das Beste aus der schönen neuen Berufswelt herauspicken. Und das ist für sie eine Lehrstelle beim Automobilzulieferer Continental, die mit einem "bezahlten" Studium an der Fachhochschule Hannover verknüpft ist. Solche sogenannten dualen Studiengänge liegen im Trend. Insgesamt 43.000 Plätze gibt es mittlerweile. Um einen einzelnen kämpfen bis zu 350 Bewerber. Eine Quote, bei der selbst exklusive Privatunis neidisch werden.
Die Zahl der Ausbildungsplätze, die diesen schnellen und extrem karriereorientierten Berufseinstieg ermöglichen, wächst mit zweistelligen Raten. An dem Modell, das vor zehn Jahren noch nahezu unbekannt war, beteiligen sich inzwischen mehr als 24.000 Unternehmen in Deutschland.
Janina zahlt keine Studiengebühren - im Gegenteil, sie bekommt als Auszubildende monatlich eine Vergütung von rund 550 Euro. Sie muss sich nicht in überfüllte Hörsäle quetschen - Geld für Räume und Lehrkräfte gibt es genug. Dafür erwartet ihr Arbeitgeber aber auch, dass Janina in den Semesterferien in der Werkshalle steht. So wie heute. Draußen kämpft sich die Frühlingssonne durch die Wolken, drinnen in der Halle stinkt es nach verbranntem Gummi und Schmieröl. Janina trägt einen Blaumann und klobige schwarze Sicherheitsschuhe. Schick manikürte lange Fingernägel sind beim Schweißen, Schrauben und Hämmern fehl am Platz. "Die würden ja sofort abbrechen", sagt sie. Und ihre schöne braune Mähne in eine trendige Föhnfrisur zu verwandeln wäre ebenso sinnlos. Der weiße Plastikschutzhelm würde sie sofort plattmachen.
Um 14.30 Uhr ist ihre Frühschicht zu Ende. Aber anders als ihre Kollegen geht Janina nicht auf ein Bier in die nächste Kneipe. Für die Studentin beginnt die zweite Schicht an diesem Tag: zu Hause am Schreibtisch, büffeln für die nächste Prüfung.
Doch wenn die gebürtige Dannenbergerin ihr Studium planmäßig in sieben Semestern abgeschlossen hat, ist sie ein absolutes Wunschkind der Wirtschaft: sehr jung, aber berufserfahren und mit einem abgeschlossenen Maschinenbaustudium. Nach solchen Kandidaten fahnden Unternehmen, die nicht selbst ausbilden wie Continental, an den Hochschulen. Sie loben Prämien in Höhe von mehreren Tausend Euro aus und locken mit allen Finessen, die das moderne Personalmarketing zu bieten hat: Da werden potenzielle Kandidaten schon mal zu Kennenlerntrips auf dem Segelboot in die Ägäis geflogen und im Winter zum Iglubauen nach Finnland gekarrt.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 20/2008