
- Österreich senkte Anfang des Jahres die Körperschaftssteuer auf 25 Prozent, die Gewerbesteuer wurde zuvor abgeschafft. Die Regierung Schröder will die Körperschaftssteuer auch senken, ändert aber nichts an der Kompliziertheit des deutschen Systems.
- Das Arbeitsamt wurde in Österreich in den vergangenen Jahren zu einer echten Serviceagentur umgemodelt - ohne den Arbeitslosen ihr Geld zu kürzen. In Deutschland müssen Langzeitarbeitslose seit Januar von Hartz IV leben, der Umbau des Arbeitsamtes geht dagegen nur schleppend voran, in den neuen Hartz-IV-Behörden (ARGE) knirscht es ständig.
- Österreichs Universitäten erleben derzeit eine Revolution im Innern: Sie müssen nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit im Ministerium nachfragen und können mit ihrem Geld so viele Leute einstellen, wie sie wollen. In Deutschland kann die Bundesregierung nichts reformieren, weil die Länder sich nicht in Bildungsfragen hineinreden lassen wollen.
Selbst Kritiker geben heute zu, dass die als Chaotentruppe gestartete Koalition aus ÖVP (vergleichbar mit der CDU) und Jörg Haiders FPÖ das Land wirtschaftlich nach vorne gebracht hat - ohne die Bevölkerung besonders zu quälen. Als die Regierung im Jahr 2000 an die Macht kam, rief die EU wegen Haiders Rechtslastigkeit noch zum Boykott auf. Doch Bundeskanzler Wolfgang Schüssel hat sich gehalten und dürfte sogar die ehemaligen Boykotteure Joschka Fischer und Gerhard Schröder überleben.
Schüssel verlegte den Sitz des Bundeskanzlers am Ballhausplatz zurück in jene Räume, wo schon Fürst von Metternich amtiert hatte - jener Kanzler, der im 19. Jahrhundert mit Polizeigewalt alle liberalen Regungen unterdrückte. Prunk und Protz haben sich aus der Kaiserzeit in die Gegenwart gerettet. Die Wiener Hofburg wirkt mit ihrer Architektur immer noch so, als werde von hier aus ein ganzes Kaiserreich gelenkt - und nicht ein Land mit gerade mal acht Millionen Einwohnern. Vorbei an drei Meter hohen Holztüren wird man durch schmale Gänge geleitet, öffnet Türen, hinter denen ein schläfriger Uniformierter sitzt, und steht dann vor einem blankpolierten Messingschild mit der Aufschrift "Kabinett des Bundeskanzlers".

Nicht mehr am Gängelband der Politik Österreich will seinen Rückstand in Bildung und Forschung ablegen. Die Regierung gibt den Unis zwar nicht mehr Geld, aber das Recht, Institute zu gründen und Professoren selbst zu berufen© Regina Recht
An den Wänden hängen vier mal fünf Meter große Gemälde, dazwischen riesige Spiegel, sodass der Bundeskanzler fast ein bisschen klein wirkt. Es ist ein warmer Frühlingstag, Schüssel öffnet die Balkontüre, und es drängt ihn, sein Land anzupreisen. Dass es Österreich heute "bittschön so fantastisch" gehe, liege an "drei wirklich magischen Momenten", sagt der Kanzler: der Öffnung zu Osteuropa, dem EU-Beitritt, "und der dritte Vorteil war sicher diese Reformregierung". In Deutschland sieht er - "darf ich offen sprechen" - viel zu viel Pessimismus. Auch auf dem Foto will der Kanzler Optimismus verbreiten und greift nach einem Hinkelstein, der in der Ecke seines Büros steht - dass der Hinkelstein aus Pappmaché ist, irritiert den Alpen-Asterix kaum.
Schüssels Optimismus schallt einem auch bei Unternehmern entgegen. Egal, mit wem man spricht, jeder preist die "Riesenchancen der Osterweiterung" - während man in Deutschland ängstlich auf die billige Konkurrenz in Polen blickt. Was die Österreicher mit Chancen meinen, sieht man zum Beispiel bei der Firma Henkel. Henkel sitzt seit 1927 in der Erdbergstraße im dritten Wiener Bezirk. Bis 1990 war es eine gewöhnliche Niederlassung des Düsseldorfer Weltkonzerns. Henkel Austria produzierte für den heimischen Markt Persil, Dixan und Weißer Riese. Ende der 80er Jahre stagnierte das Geschäft. "Doch dann kam das Glück der Geschichte", sagt Henkel-Chef Günter Thumser. "Sobald die Grenzen offen waren, nahmen wir Kontakt zu Firmen im Osten auf, vergaben Lizenzen und kauften Betriebe." Bereits 1991 gab es Henkel-Töchter in Ungarn, der Tschechoslowakei, Slowenien und Kroatien. Die Henkel-Zentrale übertrug den Wienern bald die Zuständigkeit für ganz Osteuropa.
Heute ist Wien ein Sub-Headquarter, verantwortlich für 7700 Mitarbeiter in 29 Ländern. Präsident Thumser, gerade aus Zagreb zurückgekommen, gibt zu, dass Henkel Austria ohne Osteuropa zu einer kleinen Vertriebseinheit geschrumpft wäre. "Statt 800 Leuten würden wir in Wien vielleicht noch 100 beschäftigen." Heute arbeiten die meisten der 800 Beschäftigten nicht mehr in der Produktion, sondern als Manager, Marketingfachleute und Controller - hochqualifizierte Mitarbeiter in hochbezahlten Jobs. "Österreich ist eine ideale Brücke zwischen Ost- und Westeuropa", schwärmt Thumser. Eigentlich hätte auch Berlin eine solche Brückenfunktion einnehmen können. "Aber die deutschen Firmen hatten vor allem die ehemalige DDR im Visier."
Bereits 300 Konzerne benutzen Wien inzwischen als verlängerten Schreibtisch für Osteuropa, darunter Renault, Coca-Cola, McDonald's, Siemens, Philips, Beiersdorf, Bosch, BASF und Neckermann. "Jahrzehntelang haben sich die Österreicher den Deutschen unterlegen gefühlt", sagt Thumser. "Auch wir waren nur eine kleine Landesgesellschaft. Aber inzwischen haben wir eine Region aufgebaut, darauf beruht ein neues Selbstbewusstsein. Das gilt für uns wie für Österreich insgesamt." Thumser räumt ein, dass die Regierung in Wien die richtigen Anreize geschaffen habe. So profitieren die Unternehmen nicht nur von der Senkung der Körperschaftssteuer auf 25 Prozent, sondern können seit 1. Januar auch Verluste in anderen Ländern mit der Steuerlast in Österreich verrechnen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 24/2005