
Gordon Weinberg, Assistenzarzt an der Charité in Berlin© Bärbel Schmidt
Im Schnitt verdienen Ingenieure in ihrem ersten Job 43.000 Euro, und das ist mittlerweile mehr als die bisherigen Topeinsteiger, die Betriebswirte (42.000 Euro), bekommen. Dazu gibt's vielfach "Begrüßungsgelder", sogenannte Signing-Boni, in Höhe von mehreren Tausend Euro und Gewinnbeteiligungen.
"Doch auch tolle Berufschancen und dicke Gehaltsversprechen nützen nichts, wenn einem das Fach nicht liegt", warnt Lutz Thimm, Bildungs- und Karrierecoach aus Schwerte bei Dortmund, der allein im vergangenen Jahr mit seiner Firma mehr als 12.000 Schüler beraten hat. "Die Abbrecherquote bei den Ingenieurstudiengängen liegt bei 30 Prozent und höher. Alle schreiben sich ein, weil die Jobaussichten super sind, und fühlen sich anschließend völlig überfordert."
Es ist gar nicht so einfach, die richtige Balance zwischen Nachfrage und Veranlagung zu finden. Wer ganz ohne Begeisterung seinen Job macht, ist auf Dauer fehl am Platz. "Und wer sich nicht informiert, kann auch nicht die vielen Möglichkeiten entdecken", sagt Thimm. Keine Generation zuvor hatte eine derart breit gefächerte Auswahl unterschiedlichster Alternativen. Nie zuvor gab es eine solche Menge an Informationen. Allein die Datenbank der Bundesagentur für Arbeit führt 350 unterschiedliche Ausbildungsberufe. Darunter sind zwar einige aussterbende Gattungen wie der Revolverdreher oder der Schirmmacher, aber auch viele neue zukunftsträchtige wie der Fotomedienfachmann oder der Hafenlogistiker. Hinzu kommen gut 4000 Studiengänge, angefangen von A wie Abenteuerpädagogik bis Z wie Zivilrecht. "Doch der Großteil der Schüler kennt noch nicht mal die einschlägigen Internetseiten, auf denen sie sich informieren können", beklagt Lutz Thimm.
Alle drängen in die immer gleichen Berufe. Die Mädchen möchten Bürokauffrau oder Arzthelferin werden, die Jungen Kfz- Mechatroniker (früher Kfz-Mechaniker). Die Folge: Ende 2007 suchten noch knapp 2000 Jugendliche vergebens nach einer Lehrstelle als Kauffrau/Kaufmann und mehr als 1000 nach einem Ausbildungsplatz in einer Autowerkstatt, während im Hotelgewerbe 716 Ausbildungsplätze offen standen.
Für Miriam Harzheim, 28, völlig unverständlich. Die junge Frau studierte nach ihrer Hotellehre gleich auf Hotelmanagement an der FH in Bad Honnef. "Ich saß noch im Hörsaal, da bekam ich schon meine erste Festanstellung", erzählt sie. Jetzt hat die gebürtige Kölnerin nur ein Problem: neben dem Job irgendwie die Diplomarbeit fertig zu schreiben. "Das ist ein wenig stressig, aber das Angebot war so fantastisch, das konnte ich einfach nicht ablehnen."
Miriam arbeitet als Qualitätsmanagerin für das Fünf-Sterne-Hotel "de Rome" in Berlin. Im schicken blauen Kostüm, die blonden Haare streng zurückgekämmt, hat sie alles im Blick. Erst zupft sie einem Zimmermädchen die blütenweiße Schleife zurecht, dann kontrolliert sie das Blumenarrangement. Stehen die Lilien auch gerade? Für jeden Gast hat sie ein strahlendes Lächeln, und für jede nette Bemerkung bedankt sie sich mit einem "Ach, das ist aber ganz arg lieb von Ihnen".
Ob Weihnachten, Silvester oder Ostern, Miriam arbeitet im Hotel. "Wenn hier das Leben tobt, kann ich mich doch nicht zu Hause aufs Sofa legen", sagt sie. Dies Arbeitsethos ist in der Hotelbranche Einstellungsvoraussetzung.
Beruflich ist Miriam mit ihren 28 Jahren dafür schon ganz weit oben. Jetzt träumt sie davon, Chefin und dann einmal zur "Business Woman of the Year" gewählt zu werden - ein Preis für die "erfolgreichste, charismatischste und motivierendste Unternehmensführerin".
Der Arbeitsmarkt bietet wieder Platz für Träume. Die Berufseinsteiger werden optimistischer, aber auch selbstbewusster und fordernder. Und diese Stimmung dürfte weiter anhalten. Die Belebung am Ausbildungsmarkt ist kein kurzfristiges Phänomen, sondern ein langfristiger Trend - auch wenn die Konjunktur zwischendrin mal einen Schwächeanfall erleidet. Experten wie Oliver Koppel vom Institut der Deutschen Wirtschaft sind sicher: "Der bestehende Fachkräftemangel wird sich aufgrund der demografischen Entwicklung weiter verschärfen." Es rücken immer weniger Berufseinsteiger nach. Die geburtenschwachen Jahrgänge starten jetzt in den Arbeitsmarkt. Bis 2015 wird die Zahl der Arbeitskräfte zwischen 30 und 45 um mindestens ein Viertel sinken.
Die Folge: Das Kräfteverhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern dreht sich langsam um. Die Zeiten, in denen Unternehmen träge in einem Riesenpool verzweifelter Bewerber fischen konnten, sind vorbei. Die Kandidaten wählen aus. Und wer gut ist, kennt seinen Marktwert, lässt sich nicht mit wolkig formulierten Karriereversprechen abspeisen. Der will Herausforderungen - und zwar sofort.
So wie der Wirtschaftswissenschaftler Till von Petersdorff. Gerade erst hatte er seinen ersten Job nach der Uni angetreten, da kündigte er ihn auch schon wieder. Nach nur fünf Monaten, ohne irgendein konkretes Jobangebot in der Hinterhand. Dabei war die Arbeit bei einem weltweit tätigen Baukonzern gut bezahlt und bot Karrieremöglichkeiten, so das Unternehmen auf seiner Website, die "weit über die üblichen Perspektiven hinausgehen". "Doch im Alltag war es langweilig, und die ewige Schreibtischhockerei hat genervt", sagt Till.
An Arbeitslosigkeit und Hartz IV musste er dennoch keinen Gedanken verschwenden. Ein paar Wochen später saß er dem Personalchef des Norderstedter Windkraftanlagenbauers Nordex gegenüber. Ein lockeres Vorstellungsgespräch genügte, und schon hatte er den neuen Job.
Nun betreut er als Junior-Projektleiter seine eigene Windkraftanlage auf Sizilien. Noch ist der Platz in der Nähe von Messina eine Baustelle, aber in ein paar Monaten sollen sich dort 21 Windräder drehen. Und Till kann regelmäßig der norddeutschen Kälte entfliehen und ins warme Italien fliegen.
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Stern
Ausgabe 20/2008