. .
Jobchance, Gehalt und Arbeitsrecht
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
18. Juni 2005, 09:00 Uhr

Das bessere Deutschland

Mehr als 300 internationale Konzerne steuern von Wien aus ihr Osteuropa-Geschäft. Der Chef von Henkel Austria, Günter Thumser, ist mittlerweile verantwortlich für 7700 Mitarbeiter in 29 Ländern© Regina Recht

In Berlin kündigte zwar auch Schröder nach dem "Job-Gipfel" an, die Körperschaftssteuer zu senken, sogar auf 19 Prozent - nur wird das leider wohl wieder verpuffen. Denn Deutschland leidet weniger an der Höhe seiner Steuern als an ihrer Kompliziertheit: Unternehmen zahlen Körperschaftssteuer an den Bund, Gewerbesteuer an die Gemeinden, wobei die Bemessungsgrundlage unterschiedlich ist und die Gewerbesteuer zum Teil auf die Einkommensteuer angerechnet werden kann. Österreich hat die Gewerbesteuer einfach abgeschafft. Unternehmer zahlen 25 Prozent Körperschaftssteuer - basta.

Trotz der Reformen und Privatisierungen, die der konservative Schüssel durchdrückte, herrscht in Österreich nicht die rücksichtslose Profitgier, die das Klima in Deutschland zunehmend vergiftet. Post und Bahn sind in Österreich immer noch Staatsbetriebe mit einem großzügigen Beamtenapparat. Selbst auf Provinz-Bahnhöfen findet man Beamte, die Fahrkarten verkaufen. Die Bewohner von Kiefersfelden in Bayern etwa schätzen das so sehr, dass sie über die Grenze ins benachbarte Kufstein fahren, um sich ein Bahnticket zu kaufen - zu Hause haben sie nur einen Automaten.

"Vor zehn Jahren sind wir das schlechtere Deutschland gewesen"

Mit "Geiz ist geil" wirbt Saturn zwar auch in Österreich, doch der Slogan trifft auf kein Grundgefühl. Die Gesellschaft für Konsumforschung fragt jedes Jahr einmal: "Was sind die dringlichsten Aufgaben, die heute zu lösen sind?" In Deutschland antworten darauf 77 Prozent mit "Arbeitslosigkeit". In Österreich nur 40 Prozent. Die Angst um den Arbeitsplatz ist ins Schüssels Republik nie so allgegenwärtig wie bei uns - dafür sind die Kaufhäuser voll mit Kunden.

In Wien arbeitet einer der angesehensten Ökonomen des Landes: Professor Karl Aiginger, Leiter des Instituts für Wirtschaftsforschung (WiFo). Aiginger, 56, empfängt in einem schmucklosen, zehn Quadratmeter großen Besprechungszimmer. Er trägt eine altmodische Krawatte mit blauen Kugeln, spricht leise und schnell: Deutschland habe vor 15 Jahren den Fehler begangen, nicht weiter in High Tech zu investieren, sondern sich auf die Deutsche Einheit zu konzentrieren. 1980 seien die Deutschen noch die Nummer eins in der Forschungsquote gewesen, heute Nummer fünf in Europa. Die Löhne seien aber immer noch die höchsten. Das passe nicht mehr recht zusammen. "Vor zehn Jahren sind wir das schlechtere Deutschland gewesen", resümiert Aiginger. "Wir waren bei den Löhnen und bei der Technologie zehn Prozent hinterher und hatten höhere Steuern. Inzwischen sind wir das bessere Deutschland." Aiginger ist immerhin so freundlich zu sagen, dass "die Deutschen wohl den richtigen Weg gegangen wären - wären sie durch die Wiedervereinigung nicht abgelenkt worden".

Was also sollen die Deutschen tun? "Schwierig", sagt der Professor und kratzt mit den Fingern auf der Tischplatte. "Was eigentlich passieren müsste, ist ein Umschwung in der Stimmung. Die Deutschen sollten sagen: Was geschehen ist, wird wirken, und jetzt packen wir's an." In Österreich herrsche dagegen fast schon zu viel Optimismus. "Ich sag den Politikern immer: Wir müssen mehr in Forschung investieren." Gerade was die Wachstumsdynamik angehe, liege Österreich nur im Mittelfeld. "Grob gesagt, haben die Deutschen ein Prozent Wirtschaftswachstum, wir zwei Prozent, die skandinavischen Länder aber drei Prozent."

In der "Coffee Lounge" treffen sich Gewerkschaftsboss Fritz Verzetnitsch (l.), Kanzler Schüssel (M.) und Arbeitgeberpräsident Leitl (r.). Jeder weiß: Wenn die Gewinne geteilt werden, kann man sich über alles einigen© Regina Recht

"Ich habe jetzt die Stellung des Vorstands einer Aktiengesellschaft"

Für grundsätzlich richtig hält Aiginger deshalb Schüssels Hochschulreform. Vor fünf Jahren gab es in Österreich erst 10.000 Fachhochschulstudenten, heute sind es 24.000. Dazu kommt eine Revolution der Universitäten im Inneren.

Beispiel Linz, 180.000 Einwohner, zwei Autostunden westlich von Wien. Rektor Rudolf Ardelt verabschiedet an diesem Tag gerade feierlich die Absolventen, die Eltern stehen um ihre fein gekleideten Sprösslinge herum. Später im Rektorat erläutert Ardelt, dass man gerade in einem "radikalen Deregulierungsprozess" stecke. "Vor fünf Jahren wäre das unvorstellbar gewesen." So darf die Uni künftig, ohne das Ministerium zu fragen, selbst festlegen, was in den Lehrplan gehört, in welchen Fächern sie Schwerpunkte bildet, wie groß Institute sein sollen und wie viele Professoren sie beschäftigt. Rektor Ardelt nippt an seinem kleinen Kaffee und erklärt: "Ich habe jetzt die Stellung des Vorstands einer Aktiengesellschaft."

Selbst die früher übliche "Verkalkungszulage", wonach ein Professor umso mehr verdient, je älter er ist, fiel weg. Das hat zur Folge, dass ein junger Professor in Österreich heute 20 Prozent mehr verdient als an einer deutschen Uni. Weil Ardelt zeigen will, wie die Reform in der Praxis wirkt, ruft er Professor Richard Hagelauer zu sich, einen Deutschen. Hagelauer, 53, leitet das Institut für Integrierte Schaltungen und lobt, dass in Österreich vieles weniger starr sei. "Ich kann zum Beispiel selbst mit Unternehmen Drittmittel-Verträge abschließen. In Deutschland müsste das alles über die Uni-Verwaltung gehen." Mit gemischten Gefühlen betrachten der Rektor und der Professor allerdings die Studiengebühren von 363 Euro pro Semester, die Österreich im Jahr 2001 eingeführt hat. Die Uni Linz nimmt dadurch zwar sieben Millionen Euro mehr im Jahr ein, ihr Etat wurde dafür aber um 2,5 Millionen gekürzt.

Wir investieren "nicht aus Sentimentalitätsgründen" in Österreich

Wer sich als Student die Gebühren verdienen muss, findet in Österreich aber relativ leicht einen Ferienjob. Zum Beispiel bei Wolf-Dietrich Schulz. Schulz ist ein bulliger Typ: blaues Businesshemd, hochgekrempelte Ärmel, Bürstenhaarschnitt. Der 52-jährige Deutsche war lange Zeit bei Opel in Rüsselsheim beschäftigt, heute ist er Produktionschef bei Magna Steyr in Graz, Österreichs größter Autofabrik. Die Werkshallen sind blitzblank, und die Endmontage läuft automatisiert wie bei den großen Fabriken in Deutschland. Kein Wunder: Magna baut für BMW, Daimler Chrysler und Saab komplette Fahrzeuge, und Schulz ist dafür zuständig, dass genau so viele Arbeiter am Band stehen, wie Magna für die aktuelle Fertigung braucht. Dazu beschäftigt er 8000 Festangestellte und rund 1000 Leiharbeiter, großteils Studenten aus Graz.

Vor zwei Jahren hat Magna erst 118.000 Autos gebaut, im vergangenen Jahr waren es 227.000. Die Zahl der Mitarbeiter verdoppelte sich in den vergangenen fünf Jahren fast, der Gewinn kletterte im abgelaufenen Jahr um 320 Prozent. Es gibt nur wenige Firmen, die so stark wachsen. Magna-Chef Sigi Wolf, 47, sagt, dass man "nicht aus Sentimentalitätsgründen" in Österreich investiere, sondern weil die Facharbeiter hier sehr gut ausgebildet seien und man sich mit den Gewerkschaften immer einigen könne.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 24/2005

 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Österreich "Euch fehlt das Selbstvertrauen"

Österreichs Stärken und Deutschlands Schwächen - was Kanzler Schüssel rät. mehr...

 
Partnerangebot Bankenvergleich Bankenvergleich Anbieter wechseln, Geld sparen

Ist Ihr Girokonto wirklich günstig? Haben Sie das beste Tagesgeld-Konto? Finden Sie es heraus: Mit dem unabhängigen Bankenvergleich. mehr

 
 
 
stern testen, Serie sichern

Jetzt den stern inklusive der aktuellen Gesundheits-Serie testen! Jetzt sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (8/2012)
Whitney Houston