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18. Juni 2005, 09:00 Uhr

Das bessere Deutschland

Janina (l.) und Christin kommen aus der Ex-DDR und waren arbeitslos, als sie sich im Hotel "Edelweiss" im Stubaital bewarben. Ihre Dienstkleidung, das Dirndl, tragen sie gern© Regina Recht

Einerseits redet Wolf wie ein typischer Arbeitgeber, wenn er die Lockerung des Kündigungsschutzes in Deutschland fordert. Andererseits sagt Wolf Sätze, die man zuletzt wohl in der DDR gehört hat: "Jeder Mensch hat ein Recht auf Arbeit. Das sollten sich die Manager mal hinter die Ohren schreiben." Auf ihre Weise sind der "Sigi" und sein Oberboss "Fränk" Stronach typische Unternehmer: Sie haben gute Kontakte in die Politik, auch zu Gewerkschaften, und den Mitarbeitern gegenüber präsentiert man sich am liebsten als Patriarch. An diese Art musste sich der Deutsche Schulz erst gewöhnen: "Wer die Devise ,Gewinne werden geteilt" akzeptiert, kann mit den Gewerkschaften über fast alles verhandeln."

Obwohl Graz nur 30 Kilometer vom billigen Slowenien entfernt liegt, würde der deutsche Manager niemals vorschlagen, die Produktion dorthin zu verlagern. "In der Autoindustrie liegt der Lohnkostenanteil bei zehn Prozent. Selbst wenn ich die Mitarbeiter um 20 Prozent drücken könnte, würde ich an den Gesamtkosten nur zwei Prozent sparen." Für zwei Prozent legt man sich in Österreich aber nicht mit der Gewerkschaft an.

Selbst der Präsident der Wirtschaftskammer, Christoph Leitl, redet von den Gewerkschaften stets nur als seinen "Partnern". Leitl, 56, hat in Österreich etwa die Funktion, die Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt in Deutschland hat. Er präsentiert sich gut gelaunt an diesem Morgen, greift beherzt in die Obstschale in seinem Büro und muss gleich mal ein Bonmot loswerden: "Kennen Sie den Unterschied zwischen Deutschland und Österreich? Die Deutschen leben, um zu arbeiten. Die Österreicher arbeiten, um zu leben." Gut, der Spruch ist alt, und eigentlich hat man ihn bisher über Franzosen und Deutsche erzählt. Aber Leitl findet's sehr komisch. Er erzählt amüsiert weiter, wie er vor kurzem einen Vortrag in Frankfurt hielt und danach in der Zeitung stand: "Das hat gerade noch gefehlt: Ein Österreicher macht uns Mut." "Haha!"

In Deutschland hält man nicht viel von Kungelrunden der Sozialpartner

Drei Tage später trifft sich Leitl in der "Coffee Lounge" mit Bundeskanzler Schüssel und dem Gewerkschaftsboss Fritz Verzetnitsch auf einen kleinen Kaffee. Als wären sie x-beliebige Geschäftsleute, kaum beobachtet von Passanten, sitzen der oberste Gewerkschafter der Republik, der Regierungschef und der Arbeitgeberpräsident zusammen, um Arbeitsmarktfragen abzustecken. In Deutschland hält man nicht mehr viel von solchen Kungelrunden der Sozialpartner. In Österreich sind sie effektiv: So einigten sich die Beteiligten vor zwei Jahren, die Lohnnebenkosten für ältere Mitarbeiter zu reduzieren. Frauen ab 56 Jahren und Männer ab 58 müssen seit Anfang vergangenen Jahres keine Beiträge mehr zur Arbeitslosenversicherung zahlen. Mit dem 60. Lebensjahr fallen noch mehr Beiträge weg. Die Arbeitgeber sparen damit bei älteren Mitarbeitern 9,6 Prozent des Lohnes, die 60-Jährigen selbst sparen drei Prozent. Leitl: "Wenn wir wollen, dass die Menschen später in Pension gehen, müssen wir ältere Menschen für die Betriebe auch so attraktiv machen, dass sie nicht arbeitslos werden."

Womit wir bei einem der größten Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich wären: der Arbeitslosigkeit. Früher hieß die zuständige Behörde auch in Österreich Arbeitsamt, seit 1994 nun Arbeitsmarktservice (AMS). Heute gehört Österreich zu den Ländern in der EU mit der niedrigsten Arbeitslosenquote überhaupt, das Bundesland mit der geringsten Quote innerhalb des Landes ist Tirol. In der Landeshauptstadt Innsbruck waren im Mai rund vier Prozent arbeitslos.

Wer jemals ein deutsches Arbeitsamt besucht hat, wird überrascht sein, wie freundlich es in Innsbruck zugeht. Vermutlich liegt das auch an Thomas Netzer, 45. Von seinem Büro aus blickt der Arbeitsamtsleiter auf die 2400 Meter hohe Nockspitze, auf die er gelegentlich wandert. Das Bild hinter seinem Schreibtisch zeigt illegale albanische Erntehelfer in Kalabrien. Netzer sagt, er brauche gelegentlich den Blick auf das Fremde, um aus dem Gewohnten herauszukommen. Der studierte Psychotherapeut und Bauingenieur leitet das Arbeitsamt seit sechs Jahren ziemlich eigenständig: Er bekommt jährlich ein festes Budget und zehn "Zielwerte", die er erreichen muss. Dazu gehört dieses Jahr zum Beispiel, die Zahl der Langzeitarbeitslosen nicht über 2,5 Prozent wachsen zu lassen, mindestens 735 junge Leute in einen Qualifizierungslehrgang zu vermitteln und bei 9080 Stellenbesetzungen aktiv mitzuwirken. Wie er diese Ziele mit seinem Budget erreicht, bleibt ihm überlassen. Er muss selbst abwägen, wie viel Geld er in Weiterbildungskurse steckt und welche Summen er Firmen anbietet, damit sie ältere Arbeitlose einstellen.

"Aber für Kellner hätt ich sofort was frei"

Netzer besucht regelmäßig Freunde in Deutschland, aber von den Arbeitsmarktreformen dort hält er nicht viel. "Ich- AGs oder Zeitarbeits-Agenturen bringen nicht viel", sagt er. "Mich wundert, dass so hochqualifizierte Manager wie Peter Hartz glauben, damit die Massenarbeitslosigkeit beseitigen zu können." In Österreich werden Langzeitarbeitslose zudem besser ausgestattet: Das Arbeitslosengeld beträgt 55 (mit Familie 60) Prozent des letzten Nettolohns und wird bis zu zwölf Monate lang bezahlt. Die Empfänger müssen nur solche Jobs annehmen, bei denen sie mindestens 80 Prozent des früheren Gehalts verdienen. Nach einem Jahr droht nicht Hartz IV, sondern "Notstandshilfe", die 95 Prozent des zuvor erhaltenen Arbeitslosengelds beträgt. Erst jetzt muss man jeden Job annehmen - theoretisch. Tatsächlich aber können viele Stellen in Tiroler Hotels und Gaststätten nicht besetzt werden, weil den Einheimischen die Bezahlung zu gering erscheint. Dabei werden dort keineswegs Dumpinglöhne gezahlt. Denn, weiterer Vorteil: Es gibt in Österreich einen faktischen Mindestlohn, weil jedes Unternehmen den Tariflohn zahlen muss - auch Firmen, die osteuropäische Billiglöhner anheuern. Kein Arbeitgeber kann aus dem Tarifvertrag ausbrechen. In Deutschland hingegen kann ein Unternehmen Schlachter aus Polen zu Dumpinglöhnen beschäftigen und die alte Belegschaft feuern.

Weil der AMS Innsbruck keine Einheimischen mehr fand, die in Hotels arbeiten wollen, knüpfte man vor fünf Jahren Kontakt zu den deutschen Arbeitsämtern Gera und Jena. Netzers Mitarbeiter Helmut Entner, 53, fährt immer noch regelmäßig nach Thüringen, um Arbeitslose für Jobs in Tirol anzuwerben. "Vor 2000 haben wir Leute aus Skandinavien geholt", erinnert sich Entner. Aber die Ostdeutschen "sprechen deutsch und denken nicht dauernd nur ans Skifahren".

Auf Entners Schreibtisch liegen auch Mappen mit der Aufschrift "Halle" und "Stralsund". Für die Küche nehmen Hotels zwar lieber Tschechen und Ungarn, weil die Deutschen oft nur Fertigprodukte kennen. "Aber für Kellner hätt ich sofort was frei." Wie viele offene Stellen gibt es im Moment? Entner tippt in seinen Computer und hat das Ergebnis in Sekunden. "Im Tourismus hab ich 199 Stellen." Wer jetzt immer noch zögert, für den legt Entner nach: "Es gibt auch 90 Stellen mit kostenlosem Quartier. Da können Sie morgen anfangen."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 24/2005

Markus Grill
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