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Wer offiziell arbeitslos ist - und wer nicht

In Deutschland sind derzeit 3,552 Millionen Menschen arbeitslos. Sagt die Bundesagentur für Arbeit. Doch stimmt die Statistik überhaupt? Oder beschönigt sie eigentlich nur, wie viele stern.de-Leser meinen? Tiemo Rink hat nachgerechnet.

Eigentlich ist es doch ganz einfach, oder? Ein Mensch, der nicht arbeitet, obwohl er das könnte, ist ein Arbeitsloser. Er bekommt staatliche Unterstützung und wird in der Arbeitslosenstatistik mitgezählt. Einmal im Monat verkündet der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, die Ergebnisse. So wie an diesem Donnerstag. Demnach gibt es in Deutschland exakt 3.552.000 Arbeitslose.

Offiziell. Denn eigentlich sind es wesentlich mehr. Experten sprechen von "verdeckter Arbeitslosigkeit", die nicht in den Statistiken auftauche. Auch die stern.de-Leser sind äußerst skeptisch. "Seit Jahren wird bei der Arbeitslosenstatistik getrickst", empört sich "cybertanne", "man könnte natürlich auch sagen, dass wir belogen werden." Für "Haris_Pilton" sind die monatlichen Berichte aus Nürnberg eine einzige "Augenwischerei - das war schon immer so und wird sich auch nicht ändern". Und "Zorn123" spricht aus, was scheinbar viele denken: "Wer glaubt denn noch an die offiziellen Arbeitslosenzahlen?"

Ohne Job, aber nicht arbeitslos

Offenbar nur die Regierungsparteien. Die Opposition jedenfalls hält von den vorgelegten Zahlen nichts. "Die Arbeitslosenstatistik zeigt nur die halbe Wahrheit", sagt die FDP-Bundestagsabgeordnete Claudia Winterstein im Gespräch mit stern.de. Tatsächlich gibt es Millionen Menschen, die zwar Arbeitslosengeld I oder Arbeitslosengeld II (umgangssprachlich: Hartz IV) beziehen, trotzdem aber offiziell nicht als arbeitslos gelten. Das gilt zum Beispiel für jene, die unter die Rubrik "Maßnahmen aktiver Arbeitsmarktpolitik" fallen. Konkret sind damit gemeint:

  • Alle Menschen, die von staatlichen Stellen in die Warteschleifen von Trainings- und Qualifizierungsmaßnahmen geschickt werden, gelten offiziell nicht als arbeitslos. Ob sie eines Tages einen "echten" Job finden, ist fraglich.
  • Ein-Euro-Jobber werden nicht in die Arbeitslosenstatistik eingerechnet - eben so wenig wie Menschen in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen oder anderen öffentlich geförderten Jobs.
  • Insgesamt 160.000 Menschen wurden vom Jobcenter an private Arbeitsvermittler weitergeleitet. Diese Drittanbieter sollen dafür sorgen, dass ihre "Kunden" in reguläre Jobs vermittelt werden. Davon profitiert auch Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) - schließlich fallen die 160.000 Arbeitslosen sofort aus der offiziellen Statistik, unabhängig davon, ob die privaten Anbieter sie tatsächlich in Lohn und Brot bringen.
  • Der Sachverständigenrat der Wirtschaftsweisen weist in seinem Jahresbericht 2008 nach, dass rund 560.000 Menschen im Jahr 2008 von Vater Staat vorzeitig verrentet wurden. Der Clou dabei: Zwar bekommen diese ehemals Arbeitslosen weiterhin staatliche Unterstützung, offiziell arbeitslos sind sie aber nicht mehr.

Unterm Strich handelt es sich 1,5 Millionen Menschen. Sie müssten nach Ansicht von Experten in die offizielle Arbeitslosenzahl eingerechnet werden. Das bedeutet: Eigentlich sind in Deutschland nicht 3,55 Millionen Menschen arbeitslos, wie an diesem Donnerstag verkündet. Sondern mindesten 5 Millionen.

Kampf um die Statistik

3,5 Millionen oder 5 Millionen? Der Unterschied ist gewaltig - und das nervt die Opposition. "Unser Gefühl ist, dass sich ständig etwas an der Statistik ändert und die Zahlen immer beschönigt werden", schimpft die Liberale Winterstein im Gespräch mit stern.de. Auch Brigitte Pothmer, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, ärgert sich: "Der Arbeitsminister frisiert die Zahlen, wenn er Arbeitslose an Drittanbieter auslagert und so aus der Statistik herausnimmt."

Von solchen Vorwürfen will man im Arbeitsministerium nichts wissen. "Die Zahlen sind genau ausgewiesen", sagt eine Sprecherin des Ministeriums zu stern.de. So seien Menschen, die sich weiterbilden, schon deshalb nicht arbeitslos, weil sie einfach keine Zeit für reguläre Jobs hätten. Außerdem sei die Zahl der Betroffenen im monatlichen Bericht der Bundesagentur unter der Rubrik "Auflistung aller Förderaktivitäten insgesamt" korrekt dargestellt - was auch stimmt. Aber wann hätte man Weise oder Arbeitsminister Olaf Scholz jemals von einer solchen Auflistung sprechen hören?

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum die Arbeitslosenzahl eigentlich noch höher ist und welche Menschen auf staatliche Hilfe angewiesen sind - obwohl sie einen Job haben.

Arm trotz Arbeit

Neben den offiziellen Arbeitslosen und den Menschen in "arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen" sind noch viel mehr Menschen in Deutschland auf staatliche Hilfe angewiesen. Sie haben zwar einen Arbeitsplatz, verdienen aber nicht genug, um davon leben zu können. Deshalb springt der Staat ein und stockt das kärgliche Gehalt der Betroffenen auf, so dass sie über die Runden kommen. Experten sprechen in solchen Fällen von "Unterbeschäftigung". Sie liegt dann vor, wenn die Nachfrage nach Arbeitsplätzen größer ist als das Angebot. Wolfgang Franz, Mitglied des Sachverständigenrates, sagte zu stern.de: "Wenn man sich ein richtiges Bild über das Ausmaß von Unterbeschäftigung machen will, muss man sich anschauen, wie viel verdeckte Arbeitslose es gibt." Hier sind sie.

  • Knapp 110.000 Menschen haben aus der Arbeitslosigkeit den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt und werden dabei vom Jobcenter finanziell unterstützt. In der offiziellen Arbeitslosenstatistik tauchen diese Menschen nicht mehr auf.
  • Mehr als 1,3 Millionen Menschen sind angestellt, verdienen aber nicht genug, um finanziell über die Runden zu kommen. Sie alle bekommen zusätzlich Hartz IV - als arbeitslos zählen sie trotzdem nicht.
  • Auch die Kurzarbeit, die Unternehmen helfen soll, Arbeitsplatzabbau zu verhindern, wird staatlich subventioniert. Ohne diese Unterstützung könnte die Arbeitslosenquote in den kommenden Monaten rapide ansteigen.

Insgesamt kommen so noch einmal knapp 1,5 Millionen Menschen dazu, die zwar nicht arbeitslos sind, aber dennoch mit massiven Problemen auf dem Arbeitsmarkt zu kämpfen haben. Addiert man diese Personengruppe zu den 1,5 Millionen Menschen in Maßnahmen und den "offiziell" 3,5 Millionen Arbeitslosen, so gab es im Januar 2009 in Deutschland faktisch rund 6,5 Millionen Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt einfach nicht zurechtkommen. Eine solche Zahl würde die Bundesregierung aber wohl nie veröffentlichen.

"Stille Reserve"

Fehlt schließlich noch eine dritte Personengruppe: die sogenannte "stille Reserve". Auch hier gibt es Arbeitslosigkeit, wie viele von ihr betroffen sind, lässt sich jedoch nicht genau feststellen. Es sind die Menschen, die durch jedes Raster fallen, die sich an keine staatlichen Stellen wenden können und in keiner Statistik auftauchen.

  • Menschen, die zwar arbeitslos sind, jedoch keinen Anspruch auf staatliche Unterstützung haben. In diese Gruppe fallen beispielsweise Hausfrauen ohne vorherige Berufserfahrung eben so wie Schüler und Studenten, die einen Nebenjob suchen.
  • In Deutschland lebende Ausländer ohne Arbeitserlaubnis ("Illegale"). Sie verdienen ihr Geld zum Beispiel in Großküchen, auf Baustellen oder als Haushaltshilfen. Genaue Daten gibt es nicht - so fällt auch nicht auf, wenn diese Menschen arbeitslos werden und auf Unterstützung angewiesen wären.
  • All die Personen, die nicht beim Amt gemeldet sind, die Suche nach einer Stelle frustriert aufgegeben haben, aber sich bei einer günstigen Auftragslage wieder um einen Job bemühen würden.

Also: Ist die ganze offizielle Statistik Lug und Trug? Stimmt alles hinten und vorne nicht? Wirtschaftsexperte Franz sagt zu stern.de, es spräche überhaupt nichts dagegen, auch die hier zusätzlich genannten Gruppen in die Arbeitslosenstatistik aufzunehmen. Genau das sieht die Bundesregierung jedoch anders. Experten warnen, dass es im Sommer zu massiven Jobstreichungen kommen kann. Was die Statistik davon ausweisen wird - man wird sehen.

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