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Raus aus der Teilzeitfalle

Lange Zeit galten sie als die Lösung, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen: Teilzeitjobs. Doch sie führen Millionen von Frauen in die Sackgasse. Sie reiben sich auf, verdienen wenig Geld und machen selten Karriere. Zeit, Abschied zu nehmen von einem lieb gewordenen Modell.

Von Catrin Boldebuck und Doris Schneyink

Um vier Uhr klingelt der Wecker, schnell duschen, anziehen, ein Blick auf die Mädchen und ihren Mann, die Sachen für die Kleinen hat sie abends schon rausgelegt, dann rein ins Auto. Um 4.40 Uhr fährt Elke Zahner-Meike los, Bayern 5 sendet noch das Nachtprogramm. Knapp 90 Kilometer sind es von München nach Augsburg, wo die 39-jährige Biologin im Landesamt für Umwelt arbeitet. Sie fängt montags und dienstags um sechs Uhr an und hört gegen zwölf Uhr auf, dann hetzt sie zurück nach München, um Johanna, 5, und Sophie, 2, aus Kindergarten und Krippe abzuholen. Und abends, wenn die Mädchen friedlich schlafen, stellt Mama die Spülmaschine an, hängt Wäsche auf, checkt ihre E-Mails und wälzt Literatur für ihr Fernstudium zur Fachjournalistin.

Elke Zahner-Meike findet es völlig normal, was sie sich da zumutet: Für 16 Stunden bezahlte Arbeit pro Woche steht sie mitten in der Nacht auf, fährt fast 400 Kilometer Autobahn, arbeitet mittwochs von zu Hause aus und organisiert das komplette Familienleben. Allein. Ihr Mann ist als IT-Projektleiter beruflich voll eingespannt und kommt erst spät nach Haus. "Ich könnte mir manches einfacher machen", sagt die Biologin, "aber es ist mein Anspruch, alles möglichst gut zu machen. Ich will meinen Kindern gerecht werden und in der Arbeit präsent sein", sagt sie.

Sie spielt auf der Libero-Position

Elke Zahner-Meike arbeitet Teilzeit. Wie fast neun Millionen Frauen in Deutschland. Mit einer unglaublichen Energie versuchen diese Frauen, das Unmögliche möglich zu machen - zu arbeiten und Kinder zu betreuen, in einem Land, in dem die Schulen um 13 Uhr schließen und Krippenplätze rar sind. Also konkurrieren viele morgens mit den Männern im Büro und nachmittags mit den Vollzeitmüttern um das beste Bildungsangebot für die Kinder. Turnen, Englisch, Trachtentanz, Flöte, Kindertanz - all das bietet Elke Zahner-Meike ihren Töchtern. Im Elternrat des Kindergartens engagiert sie sich auch noch.

Rund 40 Prozent aller Paare leben wie Elke Zahner-Meike und ihr Mann in der "modernen Ernährerkonstellation". Das heißt: Er arbeitet 40 Stunden, sie um die 20. Er macht Karriere und schafft den größten Teil des Einkommens herbei. Sie verdient ein bisschen dazu und hält ihm den Rücken frei. Im Fußball würde man sagen, sie spielt auf der Libero-Position - hinten hält sie den Laden zusammen und rückt ab und zu in die Spitze vor. Dieses Modell hat die traditionelle Hausfrauen-Ehe abgelöst und den Arbeitsmarkt radikal verändert: So hat sich die Zahl der Teilzeitjobs in den vergangenen 15 Jahren von 5,5 Millionen auf 11 Millionen verdoppelt. Jede dritte Stelle ist keine Vollzeitstelle mehr. Und es sind zu 75 Prozent Frauen, die diese Jobs übernehmen.

"Druck auf die Frauen ist enorm gestiegen"

Sie brauchen Teilzeit, um Beruf und Familie miteinander vereinbaren zu können. Doch dafür verzichten die Frauen auf viel: auf Anerkennung, Geld, Karrierechancen, eine ordentliche Rente. Welcher Mann würde das auf Dauer freiwillig tun? Der Familienforscher Hans-Peter Blossfeld von der Universität Bamberg sagt: "Der Druck auf die Frauen ist enorm gestiegen, für die Männer hat sich nicht viel verändert."

Martina Bethke gehört zu den Frauen, die ständig unter Druck stehen. In letzter Zeit streitet sie sich immer häufiger mit ihrem Mann und den vier Töchtern. Ihren richtigen Namen möchte die Architektin nicht nennen, ihre Probleme versucht sie klein-zureden. "Ich habe doch alles: vier gesunde Kinder, ein Haus, einen Mann. Eigentlich geht es mir doch gut", sagt die 39-Jährige. Eigentlich. Martina Bethkes Tag beginnt um 6 Uhr morgens und endet um 22 Uhr, wenn sie das Essen für den nächsten Tag vorgekocht hat. Sie arbeitet 25 Stunden pro Woche in einem Ingenieurbüro und baut auch noch gemeinsam mit ihrem Mann das Haus in Hannover um. Eigentlich braucht Martina Bethke dringend Unterstützung, aber sie will nicht mal eine Putzfrau engagieren. "Das würde in unserem Chaos gar nicht viel bringen", winkt sie ab. Und zu teuer ist es auch.

Die Frauen schämen sich

Martina Bethke ist erschöpft, nachts findet sie kaum Schlaf. Vor Kurzem nahm sie fünf Tage an einem Burn-out-Präventionskurs der Techniker Krankenkasse teil. Die Plätze dafür sind Wochen im Voraus ausgebucht. "Der Bedarf ist gigantisch", sagt Leiterin Helen Heinemann. In ihren Kursen sitzen vor allem Mütter mit Halbtagsjobs, Durchschnittsalter 42, viele haben studiert. "Die Frauen schämen sich, sie denken: Ich arbeite doch nur halb und bin trotzdem völlig fertig."

Es fordert von Helen Heinemann viel Einsatz, den Frauen klarzumachen, dass sie keinen Grund haben, sich zu schämen, sondern an sich denken müssen. Aber Teilzeitbeschäftigte neigen dazu, es allen recht machen zu wollen - und stellen daher keine großen Forderungen. Für ihre Männer und ihre Arbeitgeber ist das super bequem: Etwa zwei Drittel der Unternehmen nehmen das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie entweder gar nicht ernst, oder sie geben sich aus Imagegründen "familienfreundlich" - ohne es wirklich zu sein.

Frauen verdienen 22 Prozent weniger

Der Biologin Elke Zahner-Meike wurde erst nach fünf Jahren klar, dass Teilzeit ihre Karrierechancen massiv verschlechtert: "Kolleginnen, die immer Vollzeit gearbeitet haben, erhielten einen festen Vertrag, meiner ist befristet." Sie weiß, wie wichtig Gespräche mit Kollegen sind, weil man ganz nebenbei Informationen über die Arbeit erhält. "Aber ich habe keine Zeit für einen Kaffee auf dem Flur. Es ist so typisch: Wer früh kommt, den sieht keiner. Wer früh geht, den sehen alle", sagt Elke Zahner-Meike. Mit ihren Erfahrungen steht die Biologin nicht allein. Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung stellt in einer Studie über "Eltern unter Druck" fest: "De facto führt Elternschaft am Arbeitsplatz zur Schwächung der zugeschriebenen Kompetenz, der übertragenen Verantwortlichkeiten und der Aufstiegschancen im Unternehmen."

Das spüren alle Frauen spätestens bei der Bezahlung. Im Durchschnitt verdienen sie 22 Prozent weniger als die Männer. Damit ist Deutschland europaweit Spitzenreiter bei der Benachteiligung von Frauen. Nur auf Zypern und in Estland ist der Lohnabstand zwischen Männern und Frauen noch größer. Verantwortlich für diese enorme Kluft ist die drastische Reduzierung der Arbeitszeit: Bei Frauen, die bereits ein Jahr nach der Geburt ihres Kindes wieder anfangen, Vollzeit zu arbeiten, schrumpft der Abstand auf sechs Prozent, so eine Berechnung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft. Gerade in typischen Frauenberufen wie Verkäuferin oder Altenpflegerin kommt es zu einer fatalen Kombination: Die Gehälter sind niedrig, und es gibt massenhaft Teilzeitstellen.

Niedriges Gehalt rächt sich bei der Rente

Im Einzelhandel werden Frauen systematisch in Mini- und Midijobs gedrängt für 400 Euro oder maximal 800 Euro. Jede dritte Stelle ist bereits davon betroffen. "Bei uns stirbt Vollzeit aus", sagt Birgit Donat, Betriebsratsvorsitzende bei Kaufland im baden-württembergischen Schorndorf. Der Supermarkt gehört wie Lidl zur Schwarz-Gruppe. Von 130 Mitarbeitern haben nur noch 15 einen Vollzeitvertrag. "Die Frauen werden schwanger und kehren nach der Geburt mit ein paar Stunden zurück", sagt die Betriebsrätin. Viele Verkäuferinnen würden gern mehr arbeiten, sobald die Kinder größer sind, aber das lehnen die Filialleiter ab. Das Recht auf Teilzeit ist bislang eine Einbahnstraße: Wer einmal reduziert hat, verliert seinen Anspruch, in den Vollzeitjob zurückzukehren. Außerdem sparen die Unternehmen durch Teilzeit Personalkosten. Für die "geringfügig Beschäftigten" zahlen sie eine niedrige Pauschale an die Sozialkasse.

Volkswirtschaftlich betrachtet ist das verrückt: Da arbeiten immer mehr Frauen, aber so wenig, dass sie von ihrem Geld nicht leben können. Selbst im öffentlichen Dienst müssen mehr als 50.000 Teilzeitbeschäftigte ihr Einkommen mit Hartz IV aufstocken, darunter Lehrerinnen, Erzieherinnen, Krankenschwestern. Das niedrige Gehalt der Frauen rächt sich später bei der Rente. Die Hamburger Wirtschaftsprofessorin Sonja Bischoff warnt: "Da tickt eine Zeitbombe. Viele Frauen machen sich überhaupt nicht klar, wie wenig sie im Alter bekommen werden." Seit Jahren zieht sie deshalb gegen die Teilzeit zu Felde. Auch die Finanzexpertin Constanze Hintze sagt: "Teilzeitarbeit ist die Karriere- und Rentenfalle schlechthin."

Versorger-Ehe ist Vergangenheit

Die Geschäftsführerin des Büros "Svea Kuschel + Kolleginnen" in München hat sich auf die Finanzberatung von Frauen spezialisiert und staunt immer wieder, wie wenige sich um Geld und ihre Absicherung kümmern. Sie rechnet vor, dass bei Akademikerinnen, die Teilzeit arbeiten, die Rente um bis zu 42 Prozent sinken kann (siehe Tabelle). Dabei bekommen Frauen im Westen, wenn sie in Rente gehen, im Schnitt nur 411 Euro - halb so viel wie Männer. Die meisten Frauen bleiben ihr Leben lang finanziell abhängig von einem Mann. Eine riskante Strategie, denn 40 Prozent der Ehen werden inzwischen geschieden. "Als Frau darf man sich nicht auf einen Mann verlassen", sagt die Büroangestellte Monika Gans, 36, aus Bayern. Auch deshalb will sie noch einmal pauken und den Abschluss als Betriebswirtin nachholen.

Dann hat sie gute Chancen, von ihrer Teilzeitstelle in einen besser bezahlten Vollzeitjob zu wechseln. "Es ist wunderbar, wenn da einer ist, der mich unterstützt, aber was, wenn alles zusammenbricht?" Vor fünf Jahren trennte sie sich von ihrem Mann. Jetzt ist sie wieder glücklich verliebt, sieht sich aber dennoch lieber als Alleinerziehende. "Mein Freund darf keine wichtigen Entscheidungen für die Kinder treffen, und finanziell verpflichtet ist er auch nicht." Das klingt nicht sehr romantisch, ist aber vernünftig. Denn zu Beginn des Jahres hat sich das Unterhaltsrecht radikal verändert. Auch der Ex-Frau soll in Zukunft zugemutet werden, wieder arbeiten zu gehen, sobald die Kinder drei Jahre alt sind. Um die Details wird noch vor Gericht gestritten. Doch eins ist klar: Lebenslange Unterhaltszahlungen werden zur Ausnahme. Die Versorger-Ehe ist Vergangenheit.

Und die klassische Teilzeit damit auch. Sie hat zwar Millionen von Frauen das Tor zur Arbeitswelt geöffnet - immerhin sind 60 Prozent der Frauen berufstätig. Doch nun stößt sie an ihre Grenzen. Sie wird dem wachsenden Ehrgeiz der Frauen nicht mehr gerecht. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, sagt: "Bei den Mädchen erleben wir eine Bildungsexplosion, bei den Jungs dagegen seit Mitte der 90er Jahre eine Bildungsimplosion." So sind inzwischen 26 Prozent der Jungs praktisch Analphabeten, bei den Mädchen sind es nur 13 Prozent. Gleichzeitig bringen doppelt so viele Mädchen wie Jungs Spitzenleistungen. "Die Kluft zwischen Mädchen und Jungen wird immer größer", sagt die Soziologin.

Abstriche machen, um zu profitieren

Es ist paradox: Die Frauen sind von Generation zu Generation besser ausgebildet, profitieren aber bisher viel zu wenig davon. Doch wenn sie mehr von ihrer erstklassigen Ausbildung haben wollen, dürfen sie sich nicht mehr in die Teilzeitfalle drängen lassen. Sie sollten bereit sein, deutlich länger als 20 Stunden zu arbeiten. Der Preis dafür: Sie haben weniger Zeit für ihre Kinder und müssen Abstriche machen bei ihrem Anspruch, eine perfekte Mutter zu sein.

Die Chemieingenieurin Martina Finke-Höppner, 39, war bereit, ihn zu zahlen, und hat sich für eine 80-Prozent-Stelle entschieden. "Sonst hätte ich keine Führungsposition übernehmen können", sagt die Hamburgerin. Sie leitet beim Ölkonzern Shell ein Team von sechs Mitarbeitern. Nach der Geburt ihrer ersten Tochter blieb sie 15 Monate zu Hause, bei der zweiten Tochter 12 Monate und bei der dritten nur noch 3,5 Monate. "Ich hatte ein so tolles Projekt, das wollte ich nicht aufgeben", sagt Martina Finke-Höppner. Sie entwickelte für den Formel-1-Rennstall Ferrari ein neues Getriebeöl - eine Aufgabe, die Dienstreisen nach Italien erforderte.

Unmut der Frauen wächst

Die kleine Emma wurde anfangs von der Schwiegermutter betreut und hat nun einen Sechs-Stunden-Platz im Kindergarten. Leicht gefallen ist der Ingenieurin das nicht: "Ich komme aus einem eher konservativen Elternhaus und bin eigentlich so aufgewachsen, dass die Mutter bei den Kindern bleibt. Aber ich sehe ja, dass es auch anders sehr gut geht." Wenn sie zu Kunden wie Siemens oder Daimler fliegt, kümmern sich das schwedische Au-pair-Mädchen und ihr Mann darum, dass Lena, 10, Hannah, 6, und Emma, 2, pünktlich zum Kindergarten und zur Schule kommen. "Ich wünschte mir, dass viele Chefs mal einen Tag im Kindergarten verbringen würden. Dann gäbe es in Deutschland weniger Vorurteile gegen Mütter, die ihre Kinder abgeben", sagt die Ingenieurin.

Neu ist, dass der Unmut der Frauen über die Nachteile der klassischen Teilzeit wächst. "Die Frauen erleben einen Karriereknick und sind damit extrem unzufrieden", sagt Jutta Allmendinger. "70 Prozent fühlen sich im Job diskriminiert." In früheren Studien haben Frauen die Benachteiligung einfach hingenommen, nach dem Motto: So ist es nun mal. Ohne eine deutlich verbesserte Kinderbetreuung wird sich an der Diskriminierung allerdings nichts ändern. Die Politik beginnt umzusteuern: Bis 2013 soll zumindest für jedes dritte Kind unter drei ein Krippenplatz zur Verfügung stehen. Auch das neue Elterngeld zeigt Wirkung - immer mehr berufstätige Väter bleiben eine Zeit lang zu Hause. Das ist gut so. Denn wenn die Frauen länger arbeiten, brauchen sie Männer, die auch mal einen Kindergeburtstag mit 20 aufgedrehten Zwergen organisieren können, den Fahrdienst für den Seepferdchenkurs übernehmen oder zwei Tage beim kranken Kind bleiben.

Position im Berufsleben muss erkämpft werden

Darin liegt auch eine Chance für die Väter: Sie können endlich mehr sein als der Wochenendpapa. Die Sozialpädagogin Helen Heinemann leitet nicht nur Seminare für erschöpfte Mütter, sondern kümmert sich seit Kurzem auch um unglückliche Väter. "Die sitzen im Kurs nebenan. Die älteren trauern um die verpassten Chancen mit ihren Kindern, die jüngeren suchen Wege, wie sie beides besser vereinbaren können: Familie und Beruf ", sagt sie. Die Ironie ist: Die gestressten Vollzeitmänner würden gern weniger arbeiten - etwa 35 Stunden. Und die Teilzeitfrauen mehr - etwa 35 Stunden. So das Ergebnis einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Und laut einer Umfrage von TNS Infratest fänden es die meisten Männer am gerechtesten, wenn Mann und Frau sich gleichberechtigt um Kinder, Küche und Karriere kümmern würden. Nun müssen die Frauen sie nur noch beim Wort nehmen.

Das sieht die Ökonomin Sonja Bischoff genauso. "Es wurde schon oft gesagt: Die Frauen sind so toll ausgebildet, sie erobern jetzt die Führungsetagen und sind endlich gleichberechtigt." Aber es ist immer etwas dazwischengekommen: Rezessionen, Personalabbau, neue Management-Moden. Von allein werde der Wandel nicht kommen, sagt Sonja Bischoff: "Letztendlich müssen die Frauen sich eine bessere Position im Berufsleben erkämpfen."

Mitarbeit: Angelika Dietrich/print

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